Berlin

Ein Mindestmaß an Gerechtigkeit

Der Verein kämpft seit Jahren um die Anerkennung der postsowjetischen Schoa-Überlebenden als NS-Verfolgte. Foto: Gregor Zielke

Während am Montag vor dem Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Siebtklässler des Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn laut die Namen der 55.696 ermordeten Berliner Juden lasen, trafen sich drinnen in der Bibliothek etwa 40 Schoa-Überlebende aus ganz Deutschland, die in den 90er-Jahren als sogenannte Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen waren.

Die Bundesassoziation »Phönix aus der Asche e.V.« hatte anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens zu einer Konferenz mit dem Titel »Leben der Holocaustüberlebenden aus den postsowjetischen Staaten in der Bundesrepublik: Probleme, Diskussionen und Entscheidungen« eingeladen.

jom haschoa Es war kein Zufall, dass der Verein, der sich seit seiner Gründung 2007 für die Belange von Schoa-Überlebenden einsetzt, für seine Tagung Jom Haschoa gewählt hatte, den Holocaust-Gedenktag. Denn auch 25 Jahre nach ihrer Zuwanderung nach Deutschland ist die Lebenssituation vieler Überlebender prekär.

Da die Bundesrepublik sie nicht als NS-Verfolgte anerkennt, steht ihnen keine Rente, sondern lediglich Sozialhilfe in Form von Grundsicherung zu, die jährlich neu beantragt werden muss. Mit diesem Status gehe eine Stigmatisierung einher, kritisierte Vereinspräsident Alexej Heistver in seinem Bericht, die die etwa 600 Betroffenen nicht nur in ihren Menschenrechten und ihrer Bewegungsfreiheit einschränke, sondern ihnen »ein würdevolles Leben im Alter« unmöglich mache.

Mit der Konferenz will »Phönix« dem Thema in Politik und Gesellschaft Gehör verschaffen. Heistver und seine Mitstreiter kämpfen seit Jahren um die Anerkennung der postsowjetischen Schoa-Überlebenden als NS-Verfolgte und eine damit einhergehende Verbesserung ihrer sozialrechtlichen Stellung, darunter mit zahlreichen Anträgen an Bundesrat und Bundestag. Dass die Bundesregierung bislang keine Veränderung bezüglich des Status signalisiert, empfinden viele Phönix-Mitglieder als enttäuschend und bitter.

grundsicherung »Ich habe 37 Jahre lang als Chirurg gearbeitet, seit 15 Jahren lebe ich in Deutschland – doch vom deutschen Rentensystem bin ich ausgeschlossen«, sagt Felix Lipski. Sogar die Kosten für die Fahrt zur Konferenz werden ihm von der Grundsicherung abgezogen – eine alltägliche entwürdigende Erfahrung, die die meisten der Teilnehmer teilen.

Wie Lipski hat jeder von ihnen die Schoa unter grausamen Bedingungen im Ghetto, im Versteck oder bei den Partisanen überlebt. Viele von ihnen verloren als Kinder oder Jugendliche ihre Familien bei Massenerschießungen in der Ukraine, in Weißrussland, Moldawien, im Baltikum.

Mit Unterstützung des Vereins »Zeugen der Zeitzeugen« erzählen die Überlebenden ihre Lebensgeschichten als Zeitzeugen in Schulen und anderen Bildungsstätten – eine leidvolle Aufgabe, die man nicht hoch genug wertschätzen könne, sagte Rüdiger Mahlo, Repräsentant der Claims Conference Deutschland. Denn die Begegnung mit Zeitzeugen sei einer der wichtigsten und zentralen Bestandteile der Erinnerungsarbeit.

eiserner vorhang Mahlo betonte auch, dass die Claims Conference sich seit Jahrzehnten für die Zahlungen an Überlebende starkmache, sowohl bezüglich einmaliger Entschädigungen als auch Renten. Er erinnerte daran, dass Deutschland sich während des Kalten Krieges und auch danach erfolgreich geweigert habe, »Entschädigung in die Länder jenseits des Eisernen Vorhangs zu leisten und damit die jüdischen Opfer des NS-Regimes anzuerkennen«.

Mittlerweile würden zwar Entschädigungen und Renten gezahlt, auch in Mittel- und Osteuropa – allein für die Child Survivors habe die Claims Conference in den vergangenen zwei Jahren mehr als 70.000 Anträge zur Auszahlung gebracht. Doch all diese Leistungen würden nicht aufwiegen, was »Ihnen als Überlebenden des Nationalsozialismus widerfahren ist«, sagte Mahlo zu den Konferenzteilnehmern. Sie seien und blieben »ein Symbol für ein Mindestmaß an Gerechtigkeit«.

Die Schoa-Überlebenden seien »doppelt traumatisiert« – erst durch die Schoa, später durch die »ideologisch motivierte Nichtanerkennung ihres Leids in der ehemaligen Sowjetunion«. Mahlo versprach weitere Unterstützung, um die Situation der Überlebenden in Deutschland weiter auf die politische Tagesordnung zu setzen. So regte er etwa an, zusammen mit Phönix e.V. eine Arbeitsgruppe zu bilden, um herauszufinden, wie sich die finanzielle Unterstützung der Claims Conference auf die jeweiligen Herkunftsländer verteilt.

zwst Im Laufe des Tages kamen die Teilnehmer zudem mit Günter Jek ins Gespräch, dem Leiter des Berliner ZWST-Büros, sowie mit Daniel Müller, der das Projekt »Zeugen der Zeitzeugen« vorstellte. Dessen ehrenamtliche Mitarbeiter, darunter viele junge Freiwillige, dokumentieren die Geschichten der Überlebenden, begleiten sie in Schulen und kümmern sich um sie im Alltag.

Es sei moralisch schwer vorstellbar, sagte Müller der Jüdischen Allgemeinen, dass »ehemalige SS-Wachleute ihre vollen Renten bekommen, und ehemalige Ghetto-Zwangsarbeiter erhalten nichts, weil das deutsche Rentenkassensystem so funktioniert«.

Lesen Sie mehr dazu in unserer nächsten Printausgabe.

Hessen

Brandanschlag auf Gießener Synagoge: Was bislang bekannt ist

Ein 32-jähriger Mann hat am Dienstag vor der Beith-Jaakov-Synagoge einen Papiercontainer in Brand gesetzt und den Hitlergruß gezeigt. Die Jüdische Gemeinde zu Gießen vermutet einen antisemitischen Hintergrund

von Michael Thaidigsmann  14.01.2026

Thüringen

Juden fordern klare Haltung zu Iran-Protesten

Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, Reinhard Schramm, zeigt sich solidarisch mit den Demonstranten im Iran und wirbt für deren Unterstützung

 14.01.2026

Programm

Lesung, Führung, Erinnerung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 15. Januar bis zum 22. Januar

 14.01.2026

Berlin

»Wie es wirklich war«: Schoa-Überlebende als Hologramme  

Wie es mit dem Erinnern an die NS-Verbrechen weitergeht, wenn diejenigen, die aus erster Hand berichten können, nicht mehr da sind, wird bei einer Konferenz in Berlin erörtert

von Leticia Witte  14.01.2026

Ignatz-Bubis-Preis

»Den Menschen und dem Leben zugewandt«

Salomon Korn hat die Auszeichnung der Stadt Frankfurt am Main erhalten. Wir dokumentieren hier die Laudatio seines langjährigen Weggefährten Dieter Graumann

von Dieter Graumann  13.01.2026

ZWST

»Wir müssen wütender werden«

Ricarda Theiss, Leiterin des Fachbereichs Frauen, über die Praxis Sozialer Arbeit, Alltagserleben und patriarchalische Machtverhältnisse

von Katrin Richter  13.01.2026

Erinnerungskultur

Bund fördert Projekte zu NS-Zeit und deutscher Teilung

Der Bund fördert in den kommenden Jahren neue Projekte in Gedenkstätten

 13.01.2026

Auszeichnung

Vier Deutsche mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr werden vier Personen und eine Initiative geehrt

 13.01.2026

Bergen-Belsen

Bahn-Neubau: KZ-Gedenkstätte mahnt Abstand zu Gedenkort an

Die Bahn will voraussichtlich mit einem Neubau die Strecke zwischen Hamburg und Hannover ertüchtigen. An den Plänen gibt es auch Kritik. Die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen sieht einen historischen Erinnerungsort in Gefahr

von Karen Miether  13.01.2026