Neukölln

Ein Leben in 90 Minuten

Wenn Noah Klieger erzählt, dann steht er. Immer. Der 86-Jährige ist Zeitgeschichte pur: Er hat jüdische Kinder in die Schweiz geschmuggelt, er war in Auschwitz, im KZ Mittelbau-Dora und an Bord der Exodus. Noah Klieger ist nicht nur Zeuge, er ist auch Erzähler. Seit 60 Jahren spricht er mit Schülern in Frankreich, Deutschland und seiner Heimat Israel. Am vergangenen Freitagmorgen sitzt Klieger in der Aula der Fritz-Karsen-Schule in Britz, um zu berichten, wie er überleben konnte.

Es ist kalt im Saal, und es ist kalt in Britz. Dicker Schnee liegt im Ortsteil von Neukölln. Hier steht auch die Hufeisensiedlung, ein frühes Beispiel für sozialen Wohnungsbau, seit 2008 Weltkulturerbe. Erich Mühsam hat dort einmal gelebt. Heute hat Britz ein Nazi-Problem.

Freie Kameradschaften, Vertreter des »Nationalen Widerstands«, auch obskure Ufo-Nazis, die an ein Deutsches Mondreich glauben, sammeln sich hier. Vom Rand der Stadt wollen sie sich in die Stadtmitte vorarbeiten. Immer wieder führen sie koordinierte Angriffe auf linke Gruppen. Häufiges Ziel ist dabei die sozialistische Jugendorganisation »Die Falken«.

Solidarität Im Oktober wurde der letzte einer ganzen Reihe von Brandanschlägen auf das Falkenzentrum »Anton-Schmaus-Haus« verübt – in einer Nacht mit Attacken auf Parteibüros und ein Flüchtlingsheim. Auch deswegen ist Noah Klieger hier. Nach dem Brandanschlag im Oktober hat er sich sofort solidarisch mit den Falken erklärt. Mirjam Blumenthal von der Organisation lädt ihn oft ein, zu Jugendlichen zu sprechen, wenn er in Deutschland ist.

Jugendliche aus vier Schulen sitzen in der Aula, in Jacken und Mänteln, und warten, dass Noah Klieger mit seiner Geschichte beginnt. Fast 90 Minuten wird er reden. Er hat diese Geschichte schon oft erzählt – doch jedes Mal durchlebt er sie aufs Neue. Dabei beginnt er abstrakt, erzählt vom Europa während des Krieges und vom Antisemitismus und kommt erst langsam auf seine eigenen Erlebnisse zu sprechen. Er erzählt nicht nur für sich, er erzählt für viele.

Deswegen wissen die Zuhörer auch noch nicht, dass Klieger 1926 in Straßburg geboren ist, dass er als Jugendlicher Basketball mochte, dass er in der Résistance war. Sie wissen nur, dass er nach einem Todesmarsch in Auschwitz ankommt. Während Klieger von Arbeitsdiensten und Mengele spricht, legt sich plötzlich Popmusik, die irgendwo außen gespielt wird, unter seine Stimme. Lehrer schleichen zum Schulleiter in der ersten Reihe, der schüttelt nur den Kopf. Klieger lässt sich nicht stören.

Boxen Einer der SS-Männer im Lager ist Boxfan und lässt jüdische Häftlinge gegeneinander antreten. Klieger ist kein Boxer, er hat sich in seiner Kindheit höchstens geprügelt. Jeder seiner Boxkollegen – Europameister unter ihnen – weiß, dass er nur so tut. Sie lassen ihn nicht auffliegen. Klieger gewinnt keinen einzigen seiner Kämpfe, kommt aber dafür mit dem Leben davon.

Dann zeigt er die Nummer auf seinem Arm: »Wir haben damals schon Tattoos gehabt, da war das noch gar nicht modern.« Klieger wird nach Mittelbau-Dora deportiert. Dort gibt er sich als französischer politischer Häftling aus und überlebt zwei Monate Arbeitsdienst – »obwohl ich noch nicht einmal einen Nagel in die Wand schlagen kann«. Schließlich wird Klieger im April 1945 in Ravensbrück befreit. Er hat überlebt – wie durch ein Wunder.

Exodus Klieger könnte noch viel mehr berichten: Wie er an Bord des legendären Flüchtlingsschiffs Exodus war, als die Briten das Feuer eröffneten, von seiner Zeit in der Résistance. Wie er zum vermutlich dienstältesten Journalisten der Welt wurde. Aber auch die Schüler wollen ihm Fragen stellen: Wie viele von den anderen Boxern haben überlebt? Was passiert eigentlich, wenn man die Befehle der Deutschen gar nicht verstehen konnte, weil man kein Deutsch sprach? Klieger antwortet geduldig und ausführlich.

Dann stellt ein Schüler die große Frage: Was ist eigentlich mit Nazis heute? Klieger will wissen, ob er jetzt über Augstein reden soll oder Grass. »Neonazis sind arme Irre«, sagt Klieger. »Wie kann man in der Welt heute das sein? Und wie können vor allem jüngere Menschen das werden? Das verstehe ich nicht.«

Nach der Veranstaltung steht eine lange Schlange vor dem Tisch von Klieger. Er signiert sein Buch Zwölf Brötchen zum Frühstück und beantwortet Fragen. Währenddessen erklärt der Tontechniker die merkwürdige Musikuntermalung: »Die Kabel hier sind alt und ungeschützt, deswegen kriegen wir je nach Wetterlage Deutschlandradio Kultur rein. Wir haben das dem Amt schon oft gesagt, aber für eine Renovierung ist leider kein Geld. Vielleicht, wenn hier mal wieder ein Parteitag in der Aula ist.«

Palästinenser Yussuf möchte Klieger eine Frage stellen, traut sich aber nicht: »Ich hätte gerne gewusst, wie er das mit Palästina sieht. Weil das ja eigentlich das Gleiche ist.« Er fand den Vortrag aber ansonsten wichtig, weil es gut ist, »das von jemandem zu hören, der wirklich dabei war.« Dann, als Letzte in der Schlange, stehen zwei Schülerinnen vor Klieger, eine von ihnen trägt Kopftuch. »Ihr seid muslimisch?«, fragt er, sie nicken. Dann erzählt Klieger wieder: von den vielen arabischen Kollegen, mit denen er im Laufe seiner journalistischen Tätigkeit zusammengearbeitet hat.

Das Gespräch kommt schließlich auf die Palästinenser: »Schon im Kindergarten lernen sie, die Juden zu hassen – nicht nur die Israelis, alle Juden. Sie schießen Raketen auf uns – darüber musst du nachdenken!« Er verteidigt Israel – »wir fressen doch keine Palästinenser zum Frühstück. Aber wir werden stärker bleiben!« Sie reden lange. Klieger ermahnt die Mädchen, keinen Parolen zu glauben. Am Ende möchte eine von den beiden noch einmal seine Nummer sehen.

Die andere steht etwas entfernt und weint. Eine Lehrerin beruhigt sie: »Du musst verstehen, er ist eben sehr kämpferisch.«

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