München

Ein langer Weg gegen das Vergessen

Im Jahr 2014 sprach Miriam Friedmann den Augsburger Filmemacher Josef Pröll an, er möge ihr dabei helfen, die Geschichte des Aufstiegs und der Vernichtung ihrer Großeltern, der Familie Oberdorfer und Friedmann, zu erzählen. Pröll, dessen Eltern als politisch Verfolgte die NS-Zeit im KZ und Gefängnis selbst durchlitten und drei Angehörige gewaltsam verloren hatten, zögerte zunächst. Er ahnte, dass es ein langer Weg werden würde. Vier Jahre dauerten schließlich die Recherchen von Friedmann und Pröll, die sie in 35 Archive führten und von Augsburg in die Provinz, aber auch nach Holland und Italien.

Das Ergebnis, der 74-minütige Dokumentarfilm Die Stille schreit, wurde am Donnerstag vergangener Woche als Filmpreview der 10. Jüdischen Filmtage im Jüdischen Gemeindezentrum am St.-Jakobs-Platz gezeigt. Drei Tage später hatte das Werk seine offizielle Premiere in Augsburg unter Mitwirkung des Bürgermeisters, der eine finanzielle Förderung mit dem Hinweis abgelehnt hatte, es gebe schon ausreichend Material zum Thema. Josef Pröll ist im Vorstand des Fördervereins für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit sowie Referent in der KZ-Gedenkstätte Dachau.

raubzug Mehr als 25 Jahre war er im Präsidium der Lagergemeinschaft Dachau aktiv und dem damaligen Vorsitzenden Max Mannheimer eng verbunden. Mit der Materie ist er bestens vertraut. Wie »gnadenlos systematisch« die schrittweise Entrechtung und der Raubzug am redlich erarbeiteten Besitztum zweier angesehener jüdischer Familien in Augsburg verlief, lässt den Betrachter noch im Nachhinein fassungslos zurück.

Miriam Friedmann, in Amerika geboren, lebt seit 2001 in Augsburg, dem Herkunftsort ihrer Eltern, denen über Italien und England die Flucht in die USA gelungen war. Sie suchte den Kontakt zu Täterfamilien, »Ariseuren« und Profiteuren, wobei es ihr nicht um eine Rückerstattung, sondern vielmehr darum ging, zu verstehen, wie das alles einst geschehen konnte. Die Nachfahren von Karl und Wilhelmine Hoffmann jedoch, die sich die Schirmmanufaktur der Familie Oberdorfer unter den Nagel gerissen und deren 100-jähriges Jubiläum sie nur unter Verschweigen der jüdischen Vorbesitzer zelebrieren konnten, verweigerten jeglichen Kontakt.

auschwitz Miriam Friedmanns Großeltern Eugen und Emma Oberdorfer wurden in Auschwitz ermordet. Der Besitz der Großeltern Ludwig und Selma Friedmann, die aus Angst vor der Deportation ihrem Leben am 7. März 1943 ein Ende setzten, wurde sofort »zur Verwertung« eingezogen. Darunter befand sich auch das Ölbild »Bauernstube«, das die Großeltern 1919 bei der weit über jüdische Kreise hinaus bekannten Galerie Heinemann erworben hatten und das nun für 128,40 Reichsmark in den Besitz der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen überging.

Deren Direktor Bernhard Maaz unterstrich in seinem Grußwort am Donnerstag, dass die Rückgabe des Bildes im Jahr 2018 lediglich ein längst überfälliges Zeichen des Anstandes setzen konnte. Das Werk sei nun wieder in Familienbesitz, betont Miriam Friedmann. Doch sie ist sich mit ihren Kindern und anderen Angehörigen, die heute in aller Welt verstreut leben, einig, dass es in Augsburg bleiben soll.

Weitere Informationen unter www.diestilleschreit.de

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