Porträt der Woche

»Ein Herz für alle«

Yossi Avishai hat einen Blumenladen und kocht gelegentlich für seine Kunden

von Katrin Diehl  28.08.2017 18:06 Uhr

Yossi Avishai kam 1982 nach München und hat über die Jahre festgestellt: Israelis kaufen Blumen anders als Deutsche. Foto: Christian Rudnik

Yossi Avishai hat einen Blumenladen und kocht gelegentlich für seine Kunden

von Katrin Diehl  28.08.2017 18:06 Uhr

Am Anfang, als ich noch neu im Laden war, haben mich die Leute so von der Seite angesehen. »Sie haben aber einen netten französischen Akzent«, haben sie gesagt. »Keine Ahnung, wie das passiert ist«, habe ich dann geantwortet, »ich komme nämlich aus Israel.« »Aus Israel?«, freuten sich die Leute.

Sie haben von ihrem Urlaub dort geschwärmt, vom Meer, vom Wetter, vom guten Essen, von Jerusalem. Wir kamen schnell ins Gespräch, und bis heute kann ich sagen, dass ich für den Blumenladen, den ich zusammen mit meinem Partner Sigi betreibe, eine spezielle Rolle einnehme und zwar nicht die schlechteste. Seit 37 Jahren läuft das Geschäft.

Es heißt »Blumen Hentschke« und befindet sich an einer ruhigen Ecke in München‐Schwabing. Da das Viertel auch bei der jüdischen Community recht beliebt zu sein scheint, sorge ich zu den jüdischen Feiertagen für kleine »Judaica«, für speziellen Schmuck, Kärtchen, passende Blumen. Man sieht sich, man kennt sich, man spricht miteinander und fühlt sich ein bisschen wie eine lose Familie. Ein paar Straßen weiter ist die Georgenschul, die wir übrigens auch schon einmal mit Blumenschmuck ausgestattet haben.

Feiertage Zu Schawuot muss das gewesen sein. Zu Sukkot haben wir dort mal eine komplette Laubhütte aufgestellt. Am Schabbat sehen wir die Leute auf dem Weg zur Synagoge an unserem Schaufenster vorbeigehen. Sie gucken kurz rein und nicken mir zu. Das ist wirklich schön.

Dabei hat es tatsächlich gedauert, bis ich hier richtig angekommen bin. Wir haben ein anstrengendes Hin und Her hinter uns, Sigi und ich. Kennengelernt haben wir uns in Israel. Sigi machte dort zum ersten Mal Urlaub, während ich noch beim Militär war. Gleich mit ihm nach Deutschland zu reisen, ging also nicht. Nach den obligatorischen drei Jahren bin ich dann aber 1982 sofort gegangen – nach Deutschland, nach München.

Die Atmosphäre, die Stimmung, die mich erwartet haben, sind mit heute überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Von Ausländerfreundlichkeit keine Spur. Besonders auf den Ämtern saßen ältere, sehr konservative Herrschaften, die gerne ihre Macht demonstrierten. Willkommenskultur? Daran war noch nicht zu denken. Sigi jedenfalls habe ich Masal gebracht und damit einen Blumenladen.

Ich dagegen habe erst einmal versucht, als Zahntechniker und Dentalhygieniker, in den Berufen, die ich in Israel vor meiner Militärzeit gelernt hatte, unterzukommen, wobei sich schnell herausstellte, dass da nichts gehen würde. Keiner war an einem Israeli mit sefardischen Wurzeln interessiert. Wirklich keiner. Also bin ich nach Israel zurück, habe in einer großen Praxis einen Job gefunden. Sigi ist nachgekommen, hätte sogar als Florist unterkommen können, in einem der schönsten und besten Blumengeschäfte Israels, doch leider hat das Gehalt überhaupt nicht gestimmt.

Bürokratie Außerdem kann auch Israel ganz gut mit bürokratischen Hürden nerven, und als wir uns nach einem eigenen Laden umgesehen haben, waren wir, als wir von den Mietpreisen erfuhren, wirklich sehr, sehr ernüchtert. Was blieb uns also übrig? Eine Fernbeziehung. Ich in Israel, er hier. Jeden zweiten Monat ist er zu mir gekommen, jeden dritten Monat ich zu ihm. Das war anstrengend, und ich bin froh, dass das vorbei ist. Wir haben uns für München entschieden.

Was von Anfang an überhaupt kein Problem war, war das Zusammentreffen unserer beiden Familien. Selbstverständlich ist das nicht. 1959 geboren, bin ich in der eher kleinen Stadt Givat Schmuel groß geworden. Und Sigi kommt vom Land. Sein Dorf liegt in der Oberpfalz, einer wirklich konservativen Ecke. Als ich da zum ersten Mal aufgetaucht bin, trug ich einen Kopf voller Locken im Afrolook. Die Kinder haben auf mich gezeigt und mich einen »schwarzen Mann« genannt. »Wow«, habe ich gedacht, »wo bin ich denn jetzt gelandet?«

Unsere Familien kannten keine Berührungsängste. Es gab keine großen Fragereien, man war eins. Sigi hatte sofort seinen Platz im Herzen meiner Mutter. Umgekehrt habe ich Sigis Mutter bis zu ihrem letzten Tag gepflegt. Dorf, Stadt, Land – es gehört zu uns, die Welt zu sehen. Wir reisen viel. Und was mein Zuhause anbelangt, bin ich bis heute zweigeteilt. Israel ist in der Zwischenzeit richtig modern geworden. Tel Aviv ist mit München, was das anbelangt, nicht zu vergleichen. Bin ich dort, spüre ich: »Hier ist man spontan, das fließt hier.«

Ich fühle: Das ist mein Wetter, das ist mein Blau. Ich mag die Brise vom Meer. Sie tut mir körperlich gut. Natürlich gibt es in Israel auch diesen immanenten Stress. Die Leute sind immer irgendwie gehetzt. Man lebt für die Minute. Es passieren Anschläge, mal hier, mal dort. Die Menschen gehen weiter aus, suchen weiter das Vergnügen.

Wandern In München haben wir dafür die Berge vor der Tür. Wir wandern viel. In unserem Alter sollte man sich gesund und fit halten, wofür auch unser Laden treppauf, treppab sorgt. Von morgens vier Uhr an sind wir auf den Beinen. Wir fahren zum Großmarkt und holen frische Ware. Um acht Uhr macht der Laden auf, um 18 Uhr schließen wir. Zu Hochzeiten oder während der Adventszeit zum Beispiel verlängern wir bis 20 Uhr.

Mittags mache ich in unserer Miniküche etwas zu essen. Ich bin bei uns der Koch, und wenn es besonders gut duftet, darf die Kundschaft auch schon mal probieren. Meinem Essen merkt man an, dass ich aus einer orientalischen Familie stamme. Beide Elternteile kommen aus Ägypten, aus Alexandria.

Bei meinen Großeltern mütterlicherseits kam die Oma aus Bulgarien und der Opa aus Frankreich, bei den Großeltern väterlicherseits kommen beide aus Katalonien. Ich bin eine schöne Mischung und habe ein Herz für alle. Die Menschen spüren, dass ich sie wichtig nehme, auch ihre Sorgen, und das schätzen sie an mir. Da gibt es auch mal zum Trost ein kleines Geschenk oder eine Blume.

Welchen Stellenwert Blumen im Leben der Leute haben, darin unterscheiden sich Israelis und Deutsche ziemlich. In Israel kauft man Blumen in ganz anderen Dimensionen, was natürlich auch mit den üppigen Festen zu tun hat. Hochzeiten, Bar‐ und Batmizwa‐Feiern – das sind aufwendige Feste. 300 bis 500 Gäste sind da nichts Besonderes, während in Deutschland eine Feier mit 80 Leuten schon als groß gilt. Entsprechend werden Blumen gekauft. In Israel breitet man seine Arme aus und kauft mit Lust und Liebe Blumen für acht bis 10.000 Euro. Das ist normal.

In Deutschland ist man irgendwie »gezwungen«, Blumen zu kaufen, und das kann man dann ja vielleicht auch im Supermarkt tun. Wir sind natürlich froh, dass wir mit unserer Stammkundschaft rechnen dürfen. Aber auch die muss man pflegen und immer wieder mit Neuem überraschen. Zweimal im Jahr besuchen wir große Messen in Deutschland, Frankreich, Amerika und bringen Ideen mit. Mittlerweile bieten wir auch kleine Accessoires an: Vasen und Kerzen, die sich die Leute ansehen können, während wir, ein paar Stufen höher, die Sträuße zusammenbinden.

Tel Aviv Und Gespräche sind wichtig. Immer wieder Gespräche. Geht es um das aktuelle Israel, weiß ich allerdings genau, wann ich mich nicht mehr weiter unterhalten möchte, weil mein Gegenüber von etwas redet, was er nicht kennt. Weil es verengt ist auf die Sicht, die die Medien liefern. Von all dem, was in Israel tagtäglich passiert, davon bekommt man hier überhaupt nichts mit. Für Israel ist das trauriger Alltag.

Sigi und ich waren 2002 in unmittelbarer Nähe, als sich im Café Bialik in Tel Aviv ein Palästinenser in die Luft gesprengt hat, mit allen schlimmen Folgen. Die Menschen hier kennen das nur auf dem Papier, und sie erfahren auch nichts davon, dass Israel kranken Syrern hilft, sie in seinen Krankenhäusern kostenlos operiert. Bei Verstockten Überzeugungsarbeit zu leisten, dafür habe ich keinen Nerv. Ich muss dann einfach sehen, dass ich ruhig bleibe. Wir Israelis denken immer sehr schnell, und das in alle Richtungen. Weiter und weiter und weiter denken wir. Das hat etwas Hektisches. Bringt aber auch Ideen – und die sind gut fürs Geschäft.

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