Schwerin

Ein großzügiger Typ

Seit zehn Jahren Landesrabbiner mit Herz: William Wolff Foto: Rolf Walter

»Warum fragen Sie mich das? Ich bin ja nur Rabbiner.« Das ist William Wolff, wie er leibt und lebt. Doch jedes Gemeindemitglied in Schwerin, Rostock und Greifswald weiß: »Ich kann unserem Rabbiner jede Frage stellen, und obwohl ich einige Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache habe, verstehen wir uns sehr gut.«

Wer einmal mit Rabbiner Wolff durch Schwerin gegangen ist, erfährt etwas Verblüffendes: Verehrung von Seiten der Bürgerschaft. Und die geht über das Lokale weit hinaus: Landespolitiker, Stiftungen und jüdische Organisationen bedenken ihn etwa mit dem Siemerling Sozialpreis für sein Engagement bei der Integration von jüdischen Zuwanderern, die Universität Greifswald mit der Ehrendoktorwürde. Die Union Progressiver Juden verlieh ihm den Israel-Jacobson-Preis.

Frühstück Wolff ist ein äußerst umgänglicher und großzügiger Mensch. Gelegentlich frühstücken wir miteinander. Eines Tages erschien er nicht und wir – Peter Fischer und ich – machten uns große Sorgen, riefen in seiner Bleibe an, er war nicht da. Wolff hatte sich einfach geirrt und war in einem anderen als dem verabredeten Hotel gelandet, einem der besten in Berlin.

Mit einer gewissen Frechheit sagte ich daraufhin zu ihm: »Eigentlich könnten wir uns ja beim nächsten Mal gleich dort treffen.« Gesagt – getan! Dazu muss man wissen: Wolff lädt ein, aber er frühstückt selbst außer trockenen Brötchen nichts, freut sich jedoch über alle anderen, die kräftig zulangen.

Kräftig zulangen ist nicht seine Art, weder als Esser noch als Mensch. Der kaum 1,60 Meter große, hagere Mann mit weißem Haarschopf unter der übermäßig groß wirkenden schwarzen Kippa, der zeitlebens Milchprodukte, »ganz besonders Butter«, meiden muss, scheint jedoch Energie für zwei zu besitzen.

Zwilling William Wolff ist ein Zwilling. Er und sein Bruder Joachim Manfred wurden am 13. Februar 1927 in Berlin geboren. Joachim Manfred war Germanist und Rilke-Kenner. Er starb 1984. In Nazideutschland verfolgt, musste Mutter Wolff mit den beiden Jungen zunächst in die Niederlande und im August 1939 von Amsterdam zu Vater und Schwester nach England fliehen. Wolff wird erfolgreicher Journalist. »Ich musste damals Geld verdienen, das ging beim Journalismus schneller.«

Als 50-jähriger erfolgreicher Autor entschied sich William Wolff, doch noch ein Rabbinatsstudium zu beginnen. Sein Glaube war immer unerschütterlich. Wolff ist orthodox aufgewachsen und liberal geworden. Die ersten beiden Schuljahre verbrachte er in der Schule der orthodoxen Adass Jisroel in Berlin. Doch die Orthodoxie kommt ihm »mit Mitte 20 abhanden«.

Rabbiner Wolff fasziniert, weil er ein Typ ist. Als wir uns 1994 kennenlernten, hatte er ein Problem, und zwar wo und wie er am besten eine in die Emigration gerettete Laute verkaufen könne. Ich konnte leider nicht helfen und versprach es trotzdem. Helfen konnte ich ihm aber bei seinen Familienforschungen.

Ich wusste, dass ein Teil seiner Familie den Namen Schragenheim trägt. Auf einer Internetseite der Berliner Landesbibliothek stieß ich auf diesen Namen und suchte weiter. Seit Jahrzehnten wissen wir von Büchern im Bestand der Bibliothek, die ihren Besitzern weggenommen wurden oder in Wohnungen übrig blieben, nachdem ihre Besitzer deportiert worden waren. Die Landesbibliothek bemüht sich, sie an die Erben ihrer Eigner zu restituieren.

Schragenheim Dazu wurde vor wenigen Wochen eine Website eingerichtet, zu der auch eine Namensliste gehört. Auf ihr finde ich nun den Eintrag »Iwan Schragenheim«. Es ist der am 26. Februar 1893 in Verden geborene Kaufmann aus Berlin, dem die Flucht aus Deutschland gelungen war.

Das in der Landesbibliothek gefundene Buch Wilhelm Vogt: Welt und Zeitgeschichte von 1862–1890 enthält die Widmung: »Unserem lieben Neffen Iwan Schragenheim, Verden zu seiner Barmitzwah am 10. März 1906, von Onkel Elias und Tante Clärchen Schragenheim, Hamburg.« Die Bibliothek will es an die Erben von Iwan Schragenheim – und das ist mit Sicherheit William Wolff – zurückgeben. Vielleicht klappt es ja pünktlich zum 85. Geburtstag am 13. Februar.

Der Autor ist Direktor des Centrum Judaicum in Berlin.

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