Jewtalks

Ein Film als Denkmal

Ich will nicht mehr aufwachen»: Das sind die Worte des vom Krieg traumatisierten jungen Kibbuzbewohners Barak, Protagonist des Kurzfilms The Boy. Der Film erzählt von Barak und seinem Bruder, die mit ihren Eltern in Kfar Aza leben, einem Kibbuz an der Grenze zum Gazastreifen, der durch den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 traurige Berühmtheit erlangte.

Der Film des israelischen Regisseurs Yahav Winner sel. A. wurde vergangene Woche im Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern als Teil der vor rund einem Jahr initiierten Gesprächsreihe «JewTalks» von IKG und Jüdischem Nationalfonds-Keren Kayemeth LeIsrael (JNF-KKL) aufgeführt. Hunderte Interessierte waren in den Hubert-Burda-Saal gekommen, um neben dem Film auch das anschließende Videogespräch mit Yahav Winners Vater Ofer und das Podium zum Thema Traumabewältigung mit Kinder- und Jugendpsychiater Adam Alfred und der deutschen JNF-Hauptdelegierten Ruth Eitan zu verfolgen.

Neben Eitan, Ellen Presser als Leiterin des IKG-Kulturzentrums und JNF-KKL-Vizepräsident Guy Katz begrüßte auch die Generalkonsulin des Staates Israel in Süddeutschland, Talya Lador-Fresher, die Anwesenden. Sie hatte den Film bereits bei einer Aufführung der Hochschule für Fernsehen und Film München im vergangenen November gesehen.

Winner, selbst in Kfar Aza aufgewachsen, war dorthin zurückgekehrt, um eine Familie zu gründen

Der Regisseur, dessen Teilnahme fest eingeplant war, fehlte damals. Winner, selbst in Kfar Aza aufgewachsen, war zwei Jahre zuvor dorthin zurückgekehrt, um eine Familie zu gründen. Während des Überfalls am 7. Oktober stellte er sich Hamas-Terroristen in den Weg und wurde von ihnen ermordet; mit seiner Heldentat ermöglichte er aber seiner Frau samt der neugeborenen gemeinsamen Tochter die Flucht in einen Schutzraum, aus dem sie später gerettet werden konnten. Kfar Aza wurde an diesem Tag zerstört und zahlreiche Bewohner getötet, 15 weitere wurden nach Gaza verschleppt. Fünf von ihnen befinden sich noch immer in Geiselhaft.

Auch an sie wurde an diesem Abend erinnert. The Boy sollte als Abschlussprojekt von Winners Studiums auch eine Hommage an den Kibbuz und seine Bewohner sein. Stattdessen wurde er zu einem Denkmal.

Der Film erzählt die Geschichte von Vater und Sohn und deren von Feldarbeit geprägtem Leben im Kibbuz, dessen Frieden immer wieder durch Alarm und Bombenlärm zerrissen wird. Während alle anderen die Schutzräume aufsuchen, lauscht Barak dem Lärm der Einschläge und läuft am Grenzzaun zu Gaza entlang, wo sein Vater ihn schließlich inmitten einer psychotischen Episode vorfindet. Der anrückenden Brigade befiehlt Barak verzweifelt, ihn zu erschießen.

Die minutenlange Stille, die im Gemeindesaal den Abspann begleitete, vermittelte ebenso wie der folgende lange Applaus einen Eindruck von der beklemmenden emotionalen Tiefe des Films – nicht nur, aber insbesondere unter dem Eindruck des 7. Oktober.

Yahav Winners Vater, der aus Herzliya zugeschaltete Ofer Winner, sprach im Anschluss über seine Erinnerungen an diesen Tag, der alles veränderte. Nach einem ersten Sirenenton am Morgen sah Winner Schusswechsel und wusste, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Alarm handeln konnte, ein Verdacht, den die Nachrichten in der WhatsApp-Gruppe des Kibbuz, die er kurz darauf im Schutzraum las, schnell bestätigten.

Yahav Winners Vater sprach im Anschluss über seine Erinnerungen an den 7. Oktober.

Die Moderatorin des Abends, Jil Meiteles, war selbst vor einem Monat in Kfar Aza und zeigte Aufnahmen vom zerstörten Haus Yahavs und seiner Frau. Die Frage, ob er sich eine Rückkehr in den Kibbuz vorstellen könne, vermochte Ofer Winner nicht zu beantworten: Der Schmerz über den Verlust sei noch zu groß. Als die Familie vor vielen Jahren in den Kibbuz gekommen sei, habe ein friedliches Verhältnis zwischen den Kibbuzniks und den Menschen in Gaza geherrscht. Seit der Machtübernahme der Hamas habe sich alles verändert.

Vor seinem Tod hatte Yahav Winner seinen ersten Spielfilm begonnen, in dem er und seine Frau die Hauptrollen spielten

Darin, dass der Schock über den 7. Oktober in Israel überaus tief sitze, waren sich auch Ruth Eitan und Adam Alfred auf dem an die Filmvorführung folgenden Panel einig. Alfred betonte, die Trauer sei in Israel im ganzen Land zu spüren. Und nicht nur das: Das Trauma gehe über den jüdischen Staat hinaus und habe Juden weltweit getroffen. Eine einfache Heilung gebe es nicht, solange die Ursache des Traumas anhalte. Die großen Solidaritätskundgebungen in München und anderen Städten Deutschlands schenkten aber Hoffnung, so Alfred.

Ruth Eitan wiederum hat jahrelang im Sapir College in der Nähe des Gazastreifens gearbeitet und kennt die Region gut. Sie führte aus, Kfar Aza sei eine Perle gewesen: «Die Gründer wie auch die Menschen, die in den letzten Jahren aus den Städten dorthin gezogen sind, wollten eine bessere Zukunft für ihre Kinder.» Trotz großen Leids vor Ort hätten sie stets den Glauben daran bewahrt, etwas Besonderes schaffen zu können. In diesem Geiste versuche auch der JNF-KKL, vor Ort zu helfen. Es gehe dabei nicht nur um akute Bedürfnisse, sondern auch um langfristige Unterstützung, wie Guy Katz klarstellte: «Wir werden Kfar Aza wiederaufbauen.»

Vor seinem Tod hatte Yahav Winner seinen ersten Spielfilm begonnen, in dem er und seine Frau die Hauptrollen spielten. Auch dieser Film wurde in Kfar Aza gedreht. Yahavs Witwe wolle das Projekt nun vollenden, sobald sie die Kraft dafür finde, erklärte Ofer Winner. Ein Großteil der Darsteller, Einwohner des Kibbuz, wurde am 7. Oktober ermordet. Doch Yahav Winners Filmfragment bleibt Erinnerung an sie: das Denkmal vieler Leben, das nicht ausgelöscht werden kann.

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