Schwerin

Ein Denkmal für Willy

Die Statue zu Ehren von Rabbiner Wolff (1927–2020) soll auf dem Schweriner Schlachtermarkt stehen.

Ich bin einfach ein Rabbiner, der mit Trauen und Trauer zu tun hat.» So einfach und treffend hat sich William Wolff einmal selbst beschrieben. Dieser Mann liebte seine Arbeit bis ins hohe Alter, er liebte die Menschen, mit denen er zu tun hatte, Juden und Nichtjuden. William Wolff war im wahrsten Sinne des Wortes ein Menschenfreund: «Ich habe im Umgang mit Menschen sehr viel Freude. Ohne das kann ich mir mein Leben eigentlich nicht vorstellen. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum ich nicht Schriftsteller geworden bin, weil es so einsam ist.»

William Wolff war im wahrsten Sinne des Wortes ein Menschenfreund.

William Wolff starb am 8. Juli 2020 im Alter von 93 Jahren. Zu seinem 100. Geburtstag im Februar 2027 möchte Schwerin seinen Ehrenbürger würdigen – mit einem Denkmal. Die Idee dazu wurde im vergangenen August erstmals präsentiert. Daraufhin hatten sich zehn Künstlerinnen und Künstler beworben. Letztlich durften die zwölf Jurymitglieder in der letzten Runde aus drei Vorschlägen den Siegerentwurf küren.
Gewonnen hat der Entwurf der Bildhauerin Anna Martha Napp. Die gebürtige Wismarerin freut sich sehr: «Es macht mich sehr froh, weil ich Rabbiner Wolff wirklich sehr gern bauen würde. Lebensgroß. In Klein habe ich ihn ja schon mal modelliert.»

Rabbiner und Künstlerin hatten sich vor rund zehn Jahren persönlich kennengelernt – bei einer Vorführung des Dokumentarfilms Rabbi Wolff (2016) in Wismar. Damals kam der Bildhauerin bereits die Idee, William Wolff als Skulptur zu verewigen. Der Rabbiner stand dann für Zeichnungen Modell, für die spätere Plastik allerdings nicht mehr. «Ich habe ihn nach den Fotos modelliert, die ich gemacht hatte, und nach Filmaufnahmen, die es über ihn gibt», sagt die heute 43-Jährige. Fünf Jahre lang, mit Unterbrechungen, arbeitete Anna Martha Napp immer wieder an der Plastik. Fertig wurde diese erst nach dem Tod von William Wolff 2020. Die Künstlerin hat den Rabbiner stehend, in leicht gebeugter Haltung, mit charakteristischer Kopfbedeckung modelliert. So kannten ihn die Menschen in den jüdischen Gemeinden und die, die William Wolff auf der Straße sahen.

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Geboren 1927 in Berlin wuchs William Wolff nach der Flucht der Familie vor den Nationalsozialisten vor allem in England auf. 2002 kam er nach Deutschland zurück, pendelte zwischen seiner ersten und seiner zweiten Heimat. Als Landesrabbiner für die beiden Jüdischen Gemeinden in Schwerin und Rostock war er der Erste in diesem Amt in Mecklenburg seit der Schoa. 2014 erhielt er die Ehrenbürgerschaft von Schwerin, 2017 auch die von Rostock.

Die Statue soll auf dem Schweriner Schlachtermarkt errichtet werden, unweit der 2008 neu errichteten Synagoge. Der genaue Standort steht bereits fest, er war auch Teil der Auslobung beim Wettbewerb. «Wir wollten, dass die Künstlerinnen und Künstler sich auf den Platz begeben, vielleicht auch mit den Lichtverhältnissen auseinandersetzen, mit den Gebäuden beschäftigen, die sich dort an dem Platz befinden», betont der Leiter des Schweriner Kulturbüros, Dirk Kretzschmar. «Die Künstler sollten auch ein Gefühl dafür bekommen, wie Rabbiner Wolff auf dem Platz wirkt, wohin er schreiten soll und wie das Kunstprojekt dann natürlich auch in die Umgebung wirkt. Denn es ist Kunst im öffentlichen Raum.»

Die benötigten 50.000 Euro für das Denkmal sind durch Spenden und Zuwendungen zusammengekommen. Auch die Jüdische Gemeinde Schwerin beteiligt sich. Landesrabbiner Yuriy Kadnykov war bei der entscheidenden Jury-Sitzung mit dabei und gab seine Stimme für den letztlichen Siegerentwurf: «Ich sehe Willy Wolff als Person, auch als meinen Mentor. Ich denke, auch viele Gemeindemitglieder und andere Bürger, die ihn auf der Straße getroffen haben, werden ihn erkennen.»
Zugleich gibt der Nachfolger von William Wolff aber zu bedenken: «Traditionellerweise errichten wir keine Denkmäler für unsere Mitglieder oder bedeutende Personen. Das basiert auf dem Gebot ›Du sollst dir kein Bildnis machen‹. Straßen oder Parks können benannt werden. Wir können eine Stiftung gründen, damit der Name dieser Person verewigt wird. Nicht typisch jüdisch ist es, eine Statue zu errichten.»

Die benötigten Gelder sind durch Spenden und Zuwendungen zusammengekommen.

Da William Wolff aber eben auch Ehrenbürger von Schwerin ist, sieht die Jüdische Gemeinde in diesem Denkmal einen Wunsch der Stadtgesellschaft nach einer besonderen Ehrung – und zwar in Originalgröße.

Bildhauerin Anna Martha Napp wird nun in den kommenden Monaten ihr kleines Modell vergrößern. Bei dieser künstlerischen Übersetzung in eine lebensgroße Plastik werden sich viele Details auf ganz natürliche Weise verändern: «Es gibt Dinge, die bei so einer kleinen Plastik funktionieren, lebensgroß aber nicht mehr, und die dann anders gemacht werden müssen. Beispielsweise bei den Haaren oder den Anziehsachen.»

Wenn sich sein Geburtstag am 13. Februar 2027 zum 100. Mal jährt, kehrt der ehemalige Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern, der Ehrenbürger von Schwerin und Rostock, der Menschenfreund und Brückenbauer, dann kehrt William Wolff endlich wieder nach Schwerin zurück.

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