Essay

Ein Davor und ein Danach

Monty Ott Foto: Elias Keilhauer

Essay

Ein Davor und ein Danach

Die Ereignisse der vergangenen Jahre haben tiefe Spuren bei jungen Jüdinnen und Juden in Deutschland hinterlassen. Auf dem Jugendkongress in Hamburg verhandeln sie ihr Selbstverständnis neu

von Monty Ott  27.02.2025 10:46 Uhr

Der Song »The kids aren’t allright« ist nach wie vor ein Klassiker. »Chancen vertan, nichts gibt’s geschenkt / Sehnsucht nach dem, was einmal war / Doch es ist schwer, schwer zu sehen / Zerbrechliche Leben, zerbrochene Träume«. Der Track von »The Offspring« aus dem Jahr 1999 ist immer noch Teil vieler meiner Playlists. Er handelt von den hoffnungsvollen Träumen der Jugend, die an der gesellschaftlichen Wirklichkeit zerschmettert sind.

Als ich vor zweieinhalb Jahren zusammen mit Ruben Gerczikow mit »Wir lassen uns nicht unterkriegen« ein Buch über junge jüdische Politik veröffentlicht habe, da sah die Welt noch etwas anders aus. Keineswegs hoffnungsvoll blickten wir in die Zukunft. Wie denn auch?

Während wir an der Fertigstellung unseres Reportagebandes saßen, tobte bereits der russische Angriffskrieg gegen die gesamte Ukraine. Mitglieder der jüdischen Communitys, darunter viele junge Erwachsene, organisierten praktische Solidarität. Die Verbindungen in die Ukraine sind stark. Doch das Leben (junger) Jüdinnen*Juden in Deutschland sollte noch mehr erschüttert werden – in einer Weise, die wir zu diesem Zeitpunkt nicht voraussehen konnten.

Alles, was bis zum 7. Oktober 2023 gegolten hatte, musste infrage gestellt werden.

Der »Schwarze Schabbat« schnitt unser Leben in ein Davor und ein Danach. Es war ein Augenblick der Disruption. Alles, was bis dahin gegolten hatte, musste infrage gestellt werden. Jegliche Aussage über eine Zukunft in Deutschland fühlte sich nach Prophetie an, nicht nach Analyse. Aus den Aufbrüchen jüdischer Jugendlicher, den Kämpfen um Sichtbarkeit und Anerkennung wurden Rückzüge in die Unsichtbarkeit.

Das Licht der Öffentlichkeit, es wärmt nicht nur, es stellt auch die eigene Sicherheit in den Schatten. Wer sich öffentlich äußerte, konnte in sozialen Medien, am Arbeitsplatz, an Bildungseinrichtungen, in der Kunst- und Kulturlandschaft, in der politischen Arena, im Sportverein – kurzum überall – zum Ziel von Angriffen werden. Das Verdrängte bricht sich irgendwann Bahn, es kommt zurück an die Oberfläche – zur Not mit Gewalt.

Nach den Angriffen der islamistischen Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023 zeigten sich deutlich die Verfehlungen in der staatlichen Antisemitismusbekämpfung der letzten Jahrzehnte. Viel zu lange hatte man das Problem verdrängt, oder es unter andere Probleme subsumiert.

Die Folgen für junge Jüdinnen*Juden – die gemäß der Leidenschaft und Radikalität der Jugend besonders stark in politische Parteien, Bewegungen und Initiativen eingebunden sind – waren katastrophal. Viele fanden sich in der Einsamkeit wieder. Das Vertrauen in politische Entscheidungsträger*innen und internationale Institutionen schwand.

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Was sollte man dem auch entgegenhalten? Die Vereinten Nationen und UN Women schwiegen lange zu den Massakern und der systematischen sexuellen Gewalt der Hamas. Die prinzipielle Notwendigkeit und die idealistische Vision supranationaler Institutionen stand in ihrem Versagen dem sehr realen Leid von Israelis und Jüdinnen*Juden weltweit gegenüber.

In der globalen Linken machte sich – noch bevor eine israelische Rakete abgefeuert wurde – der Antisemitismus breit. Antizionistische Akteur*innen sahen ihre Chance gekommen und nutzten sie. Viele junge Jüdinnen*Juden zogen sich zurück. Die Neue Rechte, die global auf dem Vormarsch ist, nutzte das, um sich wieder einmal als »Garant jüdischen Lebens« zu inszenieren. Keine Forderung schien zu absurd, egal ob sie dem grassierenden Antisemitismus wirklich etwas entgegensetzen konnte oder nicht. Antisemitismus und Rassismus gehören zum programmatischen Kern von Parteien wie der AfD.

Junge Jüdinnen*Juden bewegen sich nicht im luftleeren Raum. Sie werden genauso von gesellschaftlichen Trends erfasst. Sie sind wie ihre nichtjüdischen Altersgenoss*innen in sozialen Medien, auf TikTok, Instagram und Co. unterwegs. Ein Ort, den die demokratischen Parteien viel zu lange vernachlässigt haben. Wer auf YouTube den Algorithmus einmal falsch füttert, der wird geflutet mit AfD-Inhalten. Auf TikTok kaum anders.

Jüdische Influencer kämpfen auch dort mit Bildungsinhalten gegen Antisemitismus an, oder versuchen über jüdische Lebenswirklichkeiten, die Kultur und Religion aufzuklären. Insbesondere jüdische FLINTA* (Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen) werden dabei oft mit einer Mischung aus Misogynie und Antisemitismus übergossen.

Der JSUD-interne Wahlkampf war wohl kaum weniger hitzig als der Bundestagswahlkampf.

Wenn die politische Rechte »Disruption« als Kampfbegriff nutzt, spricht das wohl auch einige Jüdinnen*Juden an. Mit dem Wort ist gemeint, dass eine vermeintlich im Verfall begriffene Gegenwart hinter sich gelassen werden soll, zurück zu einer imaginierten besseren Vergangenheit. Abstrakte Ängste werden in konkrete Furchtszenarien übersetzt. Kaum verwunderlich, dass auch junge Menschen diese Idee attraktiv finden: Diese Gegenwart ist angsterfüllend. So, wie es ist, sollte es nicht bleiben. Die Disrupteur*innen zeichnen aber keine Zukunftsvision. Doch die Demokrat*innen haben es bisher nicht geschafft, dem einen tragbaren hoffnungsvollen Gegenentwurf entgegenzuhalten.

Am Donnerstag, vier Tage nach der Bundestagswahl, beginnt der Jugendkongress der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland 2025 in Hamburg. Auch hier stehen Wahlen auf dem Programm. Und der JSUD-interne Wahlkampf war wohl kaum weniger hitzig als der Bundestagswahlkampf. Er wurde in seiner heißen Phase von rechten Unterwanderungsversuchen geprägt. Die jüdische Jugend zeigte sich hoch politisiert. Angesichts der Versuche extrem rechter jüdischer Akteur*innen Einfluss auf die demokratische Vertretung 25.000 junger Jüdinnen*Juden zwischen 18 und 35 Jahren zu nehmen, wurde das politische Selbstverständnis neu verhandelt.

Wo steht die JSUD, wenn die Gesellschaft nach rechts rückt? Mit wem solidarisiert man sich? Was sind die Kernaufgaben des Verbands? Wie schafft man es, angesichts der großen politischen Eruptionen als junge jüdische Communitys zusammenzuhalten? Was ist der gemeinsame Strang, an dem es zu ziehen gilt? Die gesellschaftliche Wirklichkeit hat viele Hoffnungen zerschmettert. Finden die jungen Jüdinnen*Juden auf diesem JuKo Antworten auf diese drängenden Fragen?

Der Autor ist Publizist und lebt in Berlin.

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