München

Ehrungen und Mahnungen

Schülerinnen und Schüler von vier bayerischen Gymnasien und Bundespräsident a.D. Joachim Gauck sind in diesem Jahr mit dem Simon‐Snopkowski‐Preis geehrt worden – einem Preis, benannt nach dem 2001 verstorbenen Arzt Simon Snopkowski, Überlebender der Schoa und mehr als zwei Jahrzehnte Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, der die Leistungen auf dem Gebiet der Erforschung der jüdischen Geschichte und des Holocaust in Bayern ehrt.

In ihren Ansprachen zum Festakt in der Münchner Residenz schwankten die Redner – stets um eine Zustandsbeschreibung der gegenwärtigen Politik und Gesellschaft bemüht – zwischen »begründeter« Sorge und Zuversicht. Dass am Ende die Zuversicht siegte, war den ausgezeichneten Arbeiten der Schülerinnen und Schüler sowie dem zu Mut ermunternden Vortrag des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gaucks zu verdanken.

Lehrpläne
Als Vertreter von Ministerpräsident Markus Söder (CSU), politischer Schirmherr der Veranstaltung, sprach Bernd Sibler (CSU), seit März dieses Jahres bayerischer Kultusminister, ein Grußwort, in dem er »die Pflege des jüdischen Lebens als wichtiges Anliegen der gesamten bayerischen Regierung« herausstellte. Bei der Ausarbeitung der neuen Lehrpläne werde er sich dafür einsetzen, dass das Thema Nationalsozialismus und Schoa mit mehr Stunden seinen »notwendigen und angemessenen« Platz finde.

Ilse Ruth Snopkowski, heutige Ehrenpräsidentin und langjährige Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition, die den Preis vergibt, begrüßte die Gäste. Als Initiatorin, Organisatorin und Gastgeberin der Verleihung verwies sie darauf, dass mit dem Simon‐Snopkowski‐Preis »von jüdischer Seite aus wirkliches Engagement für das Judentum« gelobt und »nicht immer nur mit erhobenen Zeigefinger gegen Antisemitismus« gedroht werden solle. Man wolle sich jüdischerseits auch einmal für Initiativen bedanken, sagte sie. Der Preis wird seit 2006 jedes zweite Jahr verliehen, in diesem Jahr zum siebten Mal.

Über den Simon‐Snopkowski‐Preis in diesem Jahr freuten sich Schülerinnen und Schüler aus Haßfurt, Ebern, Eichstätt und Höchstadt an der Aisch. Das Haßfurter Regiomontanus‐Gymnasium wurde für sein internationales Projekt zur jüdischen Geschichte Europas »Local traces of Jewish life in Europe« ausgzeichnet. Die Schüler des Friedrich‐Rückert‐Gymnasiums in Ebern erhielten den Preis für ihre Wanderausstellung »Vergissmeinnicht – Das Schicksal von jüdischen Kindern aus den ehemaligen Landkreisen Haßfurt, Hofheim und Ebern in der Zeit des Nationalsozialismus«.

Die Gabrieli‐Schüler aus Eichstätt bekamen den Simon‐Snopkowski‐Preis für ihre Ausstellung »Hoffnung – Das Erbe von Emilie und Oskar Schindler« zuerkannt. Mit einem Sonderpreis wurden sieben Oberstufenschülerinnen und -schüler des Gymnasiums Höchstadt an der Aisch für ihre Seminararbeiten zu »Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart« geehrt. Die in kurzen Filmen vorgestellten Arbeiten beeindruckten durch ihren hohen Anspruch sowie die sorgfältige und aufwendige Recherchearbeit. Im Gespräch mit der Moderatorin Ilanit Spinner war das Engagement der jungen Menschen noch spürbar, auch ihr Stolz und ihre Freude über das, was sie geschafft haben.

ERinnerungsarbeit
Für seine »Verdienste um die konsequente Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft« sowie seinen »Einsatz für die stetige Erinnerung an deren Opfer« wurde der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck gewürdigt.

Zentralratspräsident und Laudator Josef Schuster freute sich über den Ehrenpreisträger. In seiner Glückwunschansprache ließ sich Schuster von Snopkoswkis Autobiografie Zuversicht trotz allem leiten. Er sah darin ein Motto, das auch auf Gaucks Leben zutreffe. »Sie verstehen es, die Realität zu beschreiben, ohne Schönfärberei, mit allen Schwierigkeiten zwar, aber ohne Endzeitstimmung. Denn Ihnen gelingt es, zugleich Zuversicht auszustrahlen.« Dabei wirke Gauck immer authentisch und glaubwürdig. »Und damit verkörpern Sie einige Tugenden, die wir heute leider zu selten in der Politik finden«, betonte Schuster.

Mit nachdenklichem und kritischem Blick auf gegenwärtige Tendenzen stellte Schuster fest, »dass sich derzeit zu viele Menschen von der Politik abwenden und den Staat verächtlich machen, obwohl sie mitnichten so negative Erfahrungen mit ihm gemacht haben wie damals Herr Gauck oder andere DDR‐Bürger«.

»Das Anspruchsdenken verbunden mit Geschichtsvergessenheit ist ein gefährlicher Nährboden für extremistische Parteien. Auch die AfD macht sich genau diese Haltung vieler Bürger zunutze«, so Schuster weiter. Umso wichtiger sei das Engagement der Zivilgesellschaft.

Schuster sprach in diesem Zusammenhang auch die sich häufenden antisemitischen Übergriffe auf Schüler an. »Ich kann Ihnen versichern: Das, was bekannt geworden ist, ist nur ein Bruchteil.« Kaum ein jüdischer Schüler an staatlichen Schulen habe noch keinen Antisemitismus am eigenen Leib erfahren, und dies nicht nur durch Mitschüler, mitunter auch durch Lehrer, »wenn manchmal auch nur durch deren Unbedachtheit oder deren fehlende Sensibilität«.

Demokratie Gauck vermittelte ganz bewusst Lebensfreude, Lebensmut und einen Geist der Zuversicht. »Denn den brauchen wir, und der ist auch zu haben, wenn man ihn haben will«, sagte Gauck. Der deutsche Staat sei »mit seiner demokratischen Verfasstheit« ein »stabiles Gebäude, denn eigentlich – bei genauem Hinsehen – ist der Grund für die Ängste eher gering, und der Grund für die Zuversicht eher groß«. Selbstverständlich müsse man über handfeste Probleme deutlich sprechen und zwar nicht an den Rändern, »sondern in der Mitte der Gesellschaft«.

Gauck stellte fest, dass »wir inzwischen in einem Deutschland leben, in dem Juden aus den verschiedensten Teilen der Welt leben möchten. Sie wollen deutsche Juden sein und nicht nur Juden in Deutschland!« Verdrängt werden solle nichts, betonte Gauck – »wir benennen Tat und Täter«, dennoch empfahl er bei der Erinnerung an jüdisches Leben, den großen Blick auch ins 19. und frühe 20. Jahrhundert mit »all seinen jüdischen Mäzenen, Wissenschaftlern, Künstlern« zu wagen.

Zuversicht und Gemeinsamkeit sollte auch das Schlussbild symbolisieren, zu dem er Schüler, Lehrer, Redner und Initiatoren auf die Bühne bat.

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