Porträt der Woche

Durch und durch Lehrer

»Ich bin ein richtiger Heinrich-Heine-Fan – und will den Dichter den Gemeindemitgliedern nahebringen«: Semion Grossmann (90) lebt in Cottbus. Foto: Maria Ugoljew

Porträt der Woche

Durch und durch Lehrer

Semion Grossmann unterrichtete Sprachen und gibt noch mit 90 Jahren Deutschkurse

von Maria Ugoljew  05.12.2017 11:26 Uhr

Ich bin 90 Jahre alt. Wissen Sie, was mich fit hält? Fremdsprachen aller Art. Ich habe mich bereits mit Arabisch, Italienisch und Französisch beschäftigt. Gerade befasse ich mich mit der ungarischen Sprache, ich finde das spannend. Deshalb mache ich das. Und ich bin überzeugt, dass wir Menschen unser Gehirn damit auf Trab halten.

Wir trainieren mit den Übungen unser Erinnerungsvermögen. Ich denke, es ist auch gut gegen Alzheimer. Insbesondere das Auswendiglernen von Gedichten und Redewendungen mache ich zeit meines Lebens. Meine Schüler und Studenten werden wissen, wovon ich rede, die mussten da auch immer durch.

Ich habe in Odessa Erwachsene in Deutsch und Englisch unterrichtet. Ich kann Ihnen sagen – ich liebe meinen Beruf bis heute! Denn ich mag Menschen, ich mag es, ihnen etwas beizubringen, mit ihnen zu reden. Ich bin froh, dass ich mein Leben lang das machen konnte, was mir Spaß bereitete.

gemälde Dass ich in die Lehre gegangen bin, verdanke ich nicht zuletzt auch meinen Dozenten. Ich habe nach dem Krieg in Moskau am sowjetischen Militärinstitut für Fremdsprachen mein Pädagogikstudium absolviert. Das war eine tolle Zeit. Unsere Lehrer haben uns Kriegskindern so viel geboten. Ich werde nie vergessen, dass sie samstags mit uns ins Museum gegangen sind. Seitdem ist Kunst für mich einfach lebensnotwendig. Kultur ist ein Schatz. Nur darüber funktioniert Integration, denke ich.

Ich habe damals alles, was ich lernte, wissensdurstig aufgesogen. An einen Museumsbesuch kann ich mich noch besonders erinnern. Rafaels »Sixtinische Madonna« wurde nach Kriegsende in Moskau ausgestellt. Eine riesige Besucherschlange bildete sich vor dem Museumseingang. Alle wollten das berühmte Gemälde, das von der Trophäenkommission der Roten Armee nach Russland verbracht wurde, sehen. 1956 kehrte das Bild in die Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister zurück.

Obwohl ich bereits seit 2004 in Cottbus lebe, bin ich bisher nicht dazu gekommen, es mir dort ein zweites Mal anzuschauen. Je älter ich werde, umso schwieriger erscheint es mir. Vielleicht bitte ich einmal ein Gemeindemitglied, mich dorthin zu begleiten.

gemeinde Meine Frau, meine Tochter und ich, wir sind als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland eingewandert. Wir sind gleich nach Cottbus gekommen – und hier am Ende auch geblieben.

Ich lebe ein einfaches Leben. Manchmal gönne ich es mir, mich in der Altstadt in ein Café zu setzen. Es gibt eines unweit der Synagoge, das kann ich wärmstens empfehlen. Die Sachertorte dort ist fantastisch. Meine Frau hat mich leider schon verlassen. Sie bekam Krebs, 2009 ist sie verstorben. Die folgenden Jahre waren keine einfachen.

Einen Halt gibt mir in Cottbus die Jüdische Gemeinde. Ich gebe den Mitgliedern seit 2012 einen Deutschkurs. Zwölf Schüler habe ich zurzeit. Es waren einmal 15. Unsere wöchentlichen Treffen dienen nicht nur der Sprache, das können Sie sich vielleicht denken. Wir feiern zusammen die Geburtstage, sprechen über alltägliche Sorgen. Und, was wichtig ist, ich rege sie dazu an, sich fit zu halten. Wir machen gemeinsam Gedächtnisübungen, wir sind ja alle schon etwas in die Jahre gekommen.

Ich würde mir wünschen, dass auch Deutsche an meinem Sprachkurs teilnehmen. Dann könnten wir Tandems bilden. Sprache lernt man nicht nur über Bücher. Man muss sie sprechen. Aber es erscheint mir nicht einfach, diese Idee umzusetzen.

Ich habe außerdem einen Heinrich-Heine-Abend mit auf die Beine gestellt. 2016 hatten wir unsere erste Veranstaltung bei uns in der Synagoge. Der Saal war voll! Den Besuchern hat es sehr gut gefallen. Ich finde es wichtig, den Gemeindemitgliedern auf diese Weise etwas von der deutschen Kultur näherzubringen. Das ist meiner Meinung nach Integration.

poesie Ich bin ein richtiger Heinrich-Heine-Fan. Seine Gedichte sind zeitlos. Er beschreibt in ihnen Dinge, die die Menschen schon immer bewegt haben. Wie heißt es da zum Beispiel? Warten Sie kurz. »Im wunderschönen Monat Mai, / Als alle Knospen sprangen, / Da ist in meinem Herzen / Die Liebe aufgegangen. // Im wunderschönen Monat Mai, / Als alle Vögel sangen, / Da hab ich ihr gestanden / Mein Sehnen und Verlangen.« Ist das nicht schön? Warten Sie, da fällt mir noch eines ein: »Sie haben mich gequälet, / Geärgert blau und blaß. / Die Einen mit ihrer Liebe, / Die Andern mit ihrem Haß. // Sie haben das Brot mir vergiftet, / Sie gossen mir Gift ins Glas, / Die Einen mit ihrer Liebe, / Die Andern mit ihrem Haß. // Doch sie, die mich am meisten / Gequält, geärgert, betrübt, / Die hat mich nie gehasset, / Und hat mich nie geliebt.«

Die englischsprachige Poesie hat es mir ebenfalls angetan. Kennen Sie den amerikanischen Schriftsteller und Lyriker Henry Wadsworth Longfellow? Ich zitiere Ihnen gern einmal die letzten drei Strophen aus seinem Gedicht »A Psalm of Life«. Es geht darin um die Spuren, die man hinterlässt.

»Lives of great men all remind us / We can make our lives sublime, / And, departing, leave behind us / Footprints on the sands of time; // Footprints, that perhaps another, / Sailing o’er life’s solemn main, / A forlorn and shipwrecked brother, / Seeing, shall take heart again. // Let us, then, be up and doing, / With a heart for any fate; / Still achieving, still pursuing, / Learn to labor and to wait.« Ivan Bunin hat das als Erster ins Russische übersetzt, wussten Sie das?

erinnerungen Neben Gedichten machen sich auch Redewendungen sehr gut für den Spracherwerb. Ich habe meinen Studenten früher immer eine Wendung gesagt, zum Beispiel »In der Kürze liegt die Würze«, »Dem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul« oder »East or West, Home is Best«. Sie mussten mir dann im Gegenzug auf Deutsch oder Englisch erklären, was sie darunter verstehen. Das ist eine tolle Übung! Sie regt dazu an, in einer Fremdsprache das Denken zu lernen. Sie sehen, ich bin durch und durch ein Lehrer geblieben.

Ich habe früher sogar während der langen Sommerferien gelehrt – in Russland sind das drei Monate am Stück. Obwohl das nicht meine Hauptaufgabe war, habe ich als Übersetzer Touristengruppen begleitet. Aber die Gäste wollten auch immer etwas von der russischen Sprache wissen. Ich sang mit ihnen verschiedene traditionelle Weisen, wie »Podmoskovnye vechera«. Oder wir haben zusammen »Twenty Questions« gespielt. Dabei mussten mir die Besucher Fragen zu meiner Person stellen, und ich durfte nur mit Ja oder Nein antworten. Wir hatten viel Spaß zusammen. Ich lebe heute gern mit diesen Erinnerungen.

Als wir nach Cottbus kamen, nahm uns die Jüdische Gemeinde sehr schnell und herzlich auf. Ich hatte bis dahin nie viel mit Religion zu tun. Ja, ich bin Jude. Aber ich bin atheistisch aufgewachsen. Meine Eltern sind früh verstorben. Ich hatte mit der jüdischen Kultur mein Leben lang nichts am Hut. Das ist schon interessant, dass ich gerade in Deutschland wieder mehr darüber gelernt habe.

feiertage Ich feiere heute alle großen Feiertage mit, natürlich. Aber jeden Schabbat in der Synagoge zu begehen, das schaffe ich nicht mehr. Aufgrund meiner Arthrose fällt mir das Gehen hin und wieder schwer. Zum Glück kann ich mich auf meine Gemeindemitglieder verlassen – die holen mich auch von zu Hause ab, wenn es mir einmal nicht so gut geht.

Ansonsten lasse ich mich aber nicht gehen, ich bleibe aktiv, auch wenn der Körper mal nicht so will. Die regelmäßigen Treffen im Deutschkurs halten mich bei Laune. Das muss ich so sagen – die Menschen dort schenken mir Lebensmut. Ich weiß nicht, was ich ohne die Gruppe machen würde. Mein Beruf hat mich in Deutschland irgendwie gerettet, er hat mir geholfen, hier anzukommen.

Ich halte noch heute Kontakt zu einigen meiner ehemaligen Studenten. Der Austausch mit ihnen gibt mir auch Kraft. Sie leben über die ganze Welt verstreut, teils in den USA, in Australien, in Kanada, aber auch in Deutschland. Sie hatten nie Probleme, sich zu integrieren, und schicken mir häufig herzliche, dankbare Grüße.

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