Jom Haatzmaut

»Dort liegen meine Wurzeln«

Israel wird 65 Jahre alt. Ein Anlass für uns zu fragen: Was bedeutet das Land für junge Juden, die in Deutschland aufgewachsen sind? Die meisten von ihnen kennen Israel vor allem durch Besuche – nur die wenigsten haben längere Zeit dort gelebt. Und doch ist Israel für viele sehr wichtig: Als Land, in dem Judentum selbstverständlich gelebt wird und zu dem sie eine tiefe emotionale Verbindung spüren. Elke Wittich hat mit jüdischen Studenten über ihre Beziehung zum jüdischen Staat gesprochen.

»Mein Ferienparadies existiert nicht mehr«
»An meinen ersten Besuch in Israel kann ich mich nicht mehr erinnern, ich war wohl einfach noch zu jung. Aber ich habe frühe Erinnerungen, und wie für die meisten Kinder bestand das Land für mich zunächst auch nur aus einem vertrauten Ort, nämlich dem Haus meiner Großeltern. Auf dem Grundstück stand ein Orangenbaum, in dessen Schatten wir oft saßen und Karten spielten, hintendran schlossen große Felder und ein kleiner Kibbuz an, bis zum Strand waren es zehn Minuten. Die Großeltern waren mit meinem Vater 1950 eingewandert, damals konnte man noch günstig Häuser kaufen – heute weiß ich, dass ich als Kind bei meinen Besuchen die Reste der Pionierzeit miterlebte. Der Melonenhändler um die Ecke hatte beispielsweise einen Wagen, der noch von einem Esel gezogen wurde; heute wäre das nicht mehr denkbar.
Touristen sind ja oft traurig, wenn sich ein geliebter, oft besuchter Ort verändert. Frei von nostalgischen Gefühlen bin ich natürlich auch nicht, meine Großeltern sind gestorben, das Haus wurde verkauft, die Enkel oder Urenkel des Melonenhändlers dürften sein Geschäft übernommen haben, mein Ferienparadies existiert also nicht mehr. Aber andererseits sind für Israel Fortschritt und Modernität unabdingbar, das sehe ich auch. Und es bleibt meine zweite Heimat, der Ort, der für Juden aus der ganzen Welt Sicherheit bietet. Ich fühle mich in Deutschland nicht unsicher und habe bislang immer nur sporadisch darüber nachgedacht, für längere Zeit in Israel zu leben. Aber dass es dieses Land gibt, ist sehr, sehr wichtig.«

Adrian Ben Schlomo, 30, lebt im Ruhrgebiet und studiert Informatik.

»Ein Ort, der tiefe Emotionen weckt«
»Ich persönlich muss zugeben, dass ich bis 2011 nicht viel mit Israel verbinden konnte. Ich bin in der Ukraine aufgewachsen und wusste zwar, dass ich durch meine Mutter automatisch Jude bin, aber was das bedeutet, konnte ich als kleines Kind natürlich noch nicht begreifen. Dass in diesem Land meine Wurzeln liegen, habe ich dann natürlich schon gewusst, aber erst durch eine Taglit-Reise der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden – ich tue mich schwer damit, Gefühle zu beschreiben, aber dort erlebte ich eine sehr tiefe Emotion. Als ich dort war, zehn Tage lang, habe ich etwas gespürt, was ich noch nie zuvor gespürt habe.
Ich bin nicht wirklich religiös, aber trotzdem war es beeindruckend, in Israel zu stehen und die Geschichte zu erfahren. Ein intensives Gefühl von Zusammengehörigkeit, Ursprung und Heiligtum, so würde ich es nennen, etwas, wovon ich nicht wusste, dass es existiert. Jedes Mal, wenn ich daran zurückdenke, kommt diese Emotion, diese tiefe Erfahrung wieder hoch. Dazu gehörte auch, dass die Leute, die an der Reise teilnahmen und vorher nichts miteinander zu tun gehabt haben, innerhalb kürzester Zeit zu einer Familie geworden sind, für diesen Zeitraum und darüber hinaus. Ich bin sehr, sehr froh, dass ich die Möglichkeit hatte, das Land zu besuchen und diese intensiven Erlebnisse zu haben – der Zeitpunkt war für mich optimal, denn durch Studium und Privatleben hätte ich an dieser Reise später nicht mehr teilnehmen können. Die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, machen andere vielleicht in ihrem ganzen Leben nicht. Ich bin kein anderer Mensch oder sehr religiös geworden, aber nun weiß ich genau, wo meine Wurzeln liegen und was es bedeutet, Jude zu sein.«

Oleksandr Tokunov, 22, gehört zur Jüdischen Gemeinde Bonn und studiert Informatik

»Mein Urgroßvater wäre stolz gewesen«
»Freiheit, für mich als Jüdin bedeutet
Israel Freiheit. Man muss sich nicht verstecken, nicht erklären, warum man Bräuche einhält oder einen Davidstern trägt, muss sich keine Gedanken darüber machen, ob man zu seinem Judentum stehen soll oder es sicherheitshalber lieber doch verschweigt. Als ich vor zwei Jahren auf Taglit nach Israel fuhr, war ich die Erste in meiner Familie, die das Land besuchte. Mein Urgroßvater Yuri Verkh wäre stolz gewesen. Er hatte den Holocaust überlebt, war vermutlich als kleines Kind allein mit seinen Großeltern, ohne Eltern – so genau kennen wir seine Geschichte nicht, im Ghetto und hat uns Kindern später versucht, das Jüdischsein nahezubringen.
Er war stolz darauf, ein Jude zu sein, hat die Feiertage eingehalten und ist regelmäßig in die Synagoge gegangen. Es war sicher nicht einfach für ihn, später nach Deutschland zu gehen, aber nach dem Tod der Uroma wollte er auch nicht allein zurückbleiben. Und er hat Deutschland dann ja auch gemocht. Dass ich im jüdischen Jugendheim arbeite und so viele Kontakte zu Juden habe, hat ihn sehr gefreut.
Meine Eltern waren dagegen nicht so begeistert, dass ich nach Israel fuhr. Sie hatten schon Angst, dass mir etwas passieren könnte. Und ich, tja, ich war überwältigt. Jerusalem ist atemberaubend, allein schon die Architektur. Eines Tages dort, im Mittelpunkt des Landes zu leben, könnte ich mir schon gut vorstellen. Natürlich wollte ich gleich nach meiner Rückkehr Alija machen, so begeistert war ich, aber nun steht erst einmal das Studium an.
Meine Kinder würde ich vermutlich aber nicht so gerne hier großziehen, damit ihnen nicht Ähnliches passiert wie einem kleinen Jungen, den ich kenne und der seinen muslimischen Spielgefährten gegenüber verleugnen musste, dass er Jude ist, weil sie sonst nichts mehr mit ihm hätten zu tun haben wollen. Meine Kinder sollen sich nie dafür rechtfertigen müssen, welche Religion sie haben. Düsseldorf ist zwar eigentlich eine recht tolerante Stadt, aber ich habe in Israel erlebt, wie normal und selbstverständlich es sein kann, jüdisch zu sein.«

Valentina Medvedeva, 20, studiert in Düsseldorf Bildungs- und Erziehungswissenschaften.

»Auf einer Achterbahn der Gefühle«
»Man kann sagen, Israel sei die Heimat meines Herzens. Ich hatte schon immer eine Verbindung zu diesem Land und war neugierig, ob sie sich verändert, wenn ich dorthin reise, ob ich begeistert oder enttäuscht sein werde. Nun, ich bin froh, dass ich dort war, denn es war eine ganz besondere Reise. Es war ja kein Trip nach Disneyland, um eine tolle Achterbahn auszuprobieren, ich wollte erfahren, wie und was Israel wirklich ist, und bin deshalb mit Leuten des Landesverbandes Nordrhein zum Esch-Taglit nach Israel gefahren.
Herzliche Menschen, offene Menschen, ein wunderschönes Land, so erlebte ich es. Und da ich das Gefühl habe, dass Israel für alle Juden dieser Welt einsteht, versuche ich, auch für dieses Land einzustehen, wenn ich glaube, dass es mich braucht. Ich bin ja nun kein Politiker und finde auch nicht alles perfekt, was israelische Politiker entscheiden, aber beispielsweise bei Diskussionen im Freundeskreis versuche ich dann die Situation Israels weniger einseitig darzustellen, als es in vielen Medien der Fall ist. Denn besonders mit Freunden und Verwandten, die in Israel leben, sollte man versuchen, schon das ganze Bild zu sehen. Auch wenn ich heute nicht nach Israel ziehen möchte, bin ich der Überzeugung, dass Israel doch auch Menschen braucht, die es von außen verteidigen. Und das tue ich.
Das Judentum hat in meiner Familie zunächst eine untergeordnete Rolle gespielt. Schon die Eltern und Großeltern in der Ukraine hatten Religionsrestriktionen, sodass viele Traditionen und Wissen verloren gingen. Meine Eltern haben meinen Bruder und mich dann in Deutschland sehr unterstützt, haben uns beispielsweise zum Religions- und Barmizwa-Unterricht gebracht, und so haben wir Schritt für Schritt gespürt, was es bedeutet, jüdisch zu sein.
Und dann kam dieser ganz besondere Moment in Jerusalem. Wir waren schon tagsüber an der Kotel gewesen, aber es war schwül und heiß und voller Touristen, sodass wir abends mit einigen wenigen Leuten noch einmal hingegangen sind. Bei Dunkelheit im Mondschein, als nur ganz wenige betende Menschen anwesend waren, spürte ich es und wusste, da ist diese Verbindung!

Oleg Tartakowski, 28, abgeschlossenes Medizinstudium, Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr-Oberhausen

»Das Judentum gehört dort zum Alltag«
»Als mein Vater mit 16, 17 Jahren aus der Sowjetunion kam, wohnte er zunächst in Israel. Später erzählte er uns viele Geschichten aus dieser Zeit, er war aktiver Fechter und betrieb seinen Sport natürlich damals weiter. Mit der Familie sind wir dann später allerdings nie nach Israel gefahren, es ergab sich einfach nicht, und so dauerte es eben auch, bis ich zum ersten Mal dorthin reiste. Alle hatten mir vorher gesagt, es sei wie Heimat und nach Hause kommen. Bei mir war das nicht so, ich fühlte mich wie in Berlin, und das macht für mich die Besonderheit des Landes aus – es ist so normal, dort zu sein.
Nachdem ich mich entschieden hatte, nach Israel zu fahren, erwies sich rasch, dass ich den richtigen Zeitpunkt gewählt hatte. Es war die Zeit der ersten Raketenwelle, die von Gaza abgeschossen wurde, und so konnte ich miterleben, wovon ich immer nur gehört hatte. Abgesehen davon, dass ich überrascht war, wie grün das Land ist, bekam ich hautnah mit, wie verschoben die Berichterstattung in Deutschland oft ist.
Wir waren in einem kleinen Beduinendorf, vielleicht 20 Kilometer von der Grenze entfernt, und um uns herum schlugen die Raketen ein. Ich rief extra dann meine Freundin an, um zu hören, ob darüber berichtet wurde, aber in den deutschen Medien ging es nur um das Vorgehen israelischer Soldaten, die Angriffe wurden mit keinem Wort erwähnt. Und da stellte sich mir natürlich schon die Frage, warum die Realität in Israel hierzulande so anders geschildert wird, als sie sich vor Ort darstellt. Was mich besonders an Israel beeindruckt hat: wie das Judentum dort zum Alltag gehört. Mir gefiel, dass man als Jude dort nichts Besonderes ist und wie cool das Judentum als Normalität in die Gesellschaft integriert ist, einfach so, ohne Zwang.«

Mike Delberg, 23, studiert in Berlin Jura.

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