Jugendkongress

Diskussionen und Workshops

In Frankfurt am Main ist am Donnerstagabend der Jugendkongress des Zentralrats und der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST) der Juden in Deutschland eröffnet worden. Mehr als 400 Jugendliche und junge Erwachsene aus ganz Deutschland nehmen an der viertägigen Konferenz unter dem Motto »Terrorgefahr. Der islamische Fundamentalismus – Herausforderungen und Perspektiven« teil.

»Die Abstände zwischen den islamistischen Terroranschlägen in Europa werden immer kleiner«, sagte ZWST-Präsident Abraham Lehrer in seiner Eröffnungsrede. Immer wieder seien jüdische Einrichtungen und Juden Ziel der Attacken gewesen – von den Anschlägen auf das Jüdische Museum Brüssel über die Stürmung des koscheren Supermarkts in Paris bis hin zum grausamen Mord an Dan Uzan in Kopenhagen. »Das Thema des Jugendkongresses ist sehr aktuell – leider. Aber wir müssen uns mit dem Terror auseinandersetzen, um die Hintergründe zu verstehen und gewappnet zu sein«, betonte Lehrer.

bedrohung Zur Flüchtlingsdiskussion sagte der Vorstandsvorsitzende der ZWST: »Die zugewanderten Flüchtlinge ängstigen viele Juden in Deutschland. Denn die Mehrheit der Asylsuchenden stammt aus Ländern, in denen der Hass auf Juden und den jüdischen Staat weit verbreitet ist.« In mehreren Vorträgen und Workshops werde deshalb auch dieses Thema diskutiert, um das Ausmaß der Bedrohung und Strategien gegen diese Gefahr zu analysieren.

Lehrer ging in seiner Rede auch auf die jüngsten Wahlerfolge der fremdenfeindlichen Partei Alternative für Deutschland (AfD) ein. »Die AfD richtet sich nicht nur gegen Muslime, sondern auch gegen uns. Das hat die Forderung der Partei, die Beschneidung und das Schächten verbieten zu lassen, eindrücklich gezeigt.«

Die Jugenddezernentin des Zentralrats, Vera Szackamer, sagte in ihrer Begrüßungsrede, dass sie wie viele andere Menschen immer noch unter dem Eindruck der jüngsten Anschläge in Brüssel stehe. Sie betonte aber auch, dass sich eine Gesellschaft vom Terror nicht einschüchtern lassen dürfe – in diesem Sinne könne die Bundesrepublik von Israel lernen, das sich tagtäglich gegen Islamisten behaupten muss.

purim Doch auf dem Jugendkongress solle auch gefeiert werden, betonte Szackamer. Die Tagung sei abseits der Vorträge, Workshops und Diskussionen traditionell auch ein Forum für die Teilnehmer, andere junge Juden aus ganz Deutschland kennenzulernen. Dieses Jahr fiel die Konferenz mit Purim zusammen, das die Teilnehmer am Donnerstagabend ausgelassen mit einem »Purim Bash« feierten.

Den Hauptvortrag des Abends hielt der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch. In seiner Rede sprach er über die Auswirkungen des Arabischen Frühlings und der Flüchtlingskrise auf die Sicherheitslage Deutschlands. Nach seiner Einschätzung hat der Islamische Staat (IS) das Machtvakuum in mehreren arabischen Ländern nach den Revolutionen für sich und seine Ideologie nutzen können. »Es steht fest: Der IS hat das freiheitliche Europa als eines seiner Ziele für Terrorattacken ausgemacht. Auch in Deutschland gibt es eine ernst zu nehmende Bedrohungslage und können Anschläge keineswegs ausschließen.«

Münch hob zudem hervor, dass der IS die teils chaotischen Situation an den Grenzen ausgenutzt habe, damit islamistische Kämpfer über die Flüchtlingsrouten nach Europa gelangen können. Dies müsse bei den Maßnahmen der Gefahrenabwehr auch weiterhin berücksichtigt werden, »denn auch für die Zukunft müssen wir damit rechnen, dass unter den Flüchtlingen Sympathisanten, Unterstützer und aktive Mitglieder terroristischer Organisationen sind«.

salafisten Zur Gefährdungslage von Juden in Deutschland sagte der BKA-Präsident: »Aufgrund von islamistischen Ideologien besteht weiterhin eine erhöhte Gefahr für jüdische Einrichtungen.« Derzeit lebten 8600 Salafisten in Deutschland, von denen rund 470 als Gefährder gelten. Ihnen trauen die Sicherheitsbehörden schwere Straftaten, darunter auch Anschläge zu, so Münch. »Das islamistische Personenpotenzial ist groß und wächst. Der islamistische Terror richtet sich dabei aber nicht primär gegen Juden, sondern gegen die «Ungläubigen» insgesamt und gegen unsere freiheitliche und moderne Lebensweise.«

Unter den Teilnehmern stieß der Vortrag auf ein eher geteiltes Echo. Der 30-jährige Informatikstudent Kirill aus Stuttgart hatte den Eindruck, dass die Gefahr für die jüdische Gemeinden nicht deutlich genug hervorgehoben wurde. »Wenn Islamisten Anschläge begehen, sind wir in den meisten Fällen betroffen. Das ist eine bittere Wahrheit.«

Der Stuttgarter ist ein aufmerksamer Beobachter des politischen Geschehens. Das Kongressthema findet er deshalb gut gewählt. »Es sind die Themen der Zeit: Terror, Islamismus und Flüchtlingsdebatte.« Von den negativen Schlagzeilen möchte er sich die Stimmung aber nicht verderben lassen. »Es ist wichtig, dass wir uns damit auseinandersetzen. Aber JuKo bedeutet auch abends zu feiern.«

Kontakte Eine genaue Vorstellung vom Jugendkongress hat auch eine 28-jährige Teilnehmerin aus Düsseldorf. Sie ist bereits zum fünften Mal bei der Veranstaltung dabei und freut sich schon auf die Party am Samstagabend mit der Showband Gilev aus London. »Ich bin zurzeit solo und hoffe, ehrlich gesagt, einen jüdischen Mann kennenzulernen. In Düsseldorf kennt man schon jeden. Hier sind auch viele Berliner und Münchner.«

Daniel aus Berlin ist bereits zum vierten Mal beim Jugendkongress. Er kommt ursprünglich aus Frankfurt und freut sich deshalb umso mehr, dass der Event zum ersten Mal in seiner Heimatstadt stattfindet. Zum diesjährigen Programm sagt der 25-Jährige: »Ich finde die Themen und Referenten wie immer sehr gut und anspruchsvoll. Ich muss aber dazusagen, dass ich so oder so zum JuKo kommen würde. Dabeisein ist für mich ein Muss.«

Der diesjährige Jugendkongress findet wie im Vorjahr unter großen Sicherheitsvorkehrungen statt. In seiner Begrüßung bedankte sich der ZWST-Präsident Ebi Lehrer ausdrücklich beim Frankfurter Polizeipräsidenten, der dafür gesorgt hat, dass der Kongress – zusätzlich zum engagierten privaten Sicherheitsdienst – auch von Polizeibeamten geschützt wird.

Programm Auf dem Kongressprogramm stehen von Freitag bis Sonntag Vorträge, Workshops, Diskussionen und Gottesdienste. Am Samstagabend steigt nach der Hawdala die traditionelle große Jugendkongress-Party. Am Freitag stehen unter anderem Vorträge vom Terrorismusforscher Peter R. Neumann und ZDF-Terrorexperten Elmar Theveßen im Mittelpunkt. Zudem wird der Chefredakteur der Zeitung Israel Hayom, Boaz Bismuth, über einen Aufenthalt beim »Islamischen Staat« berichten.

Mit der Abschluss-Podiusmsdiskussion zum Thema »Der IS-Terror und das Flüchtlingsproblem – Deutschland und die jüdische Gemeinschaft im Jahre 2025« geht der Jugendkongress am Sonntag zu Ende.

Lesen Sie mehr über den Jugendkongress am Sonntag online und am Donnerstag in der Printausgabe.

Shelly Meyer

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