Bleib zu Hause

Digitale Krisenhelfer – was Therapeuten raten

Erziehung, Schule, Alltag – Frauen sollen überall gleichzeitig sein. Foto: Getty Images / istock

Ruhe bewahren und die Resilienz stärken – genau das scheint das Gebot der Stunde zu sein. Doch leichter gesagt als getan. Wenn es über Wochen hinweg nahezu unmöglich ist, wie gewohnt Familie und Freunde zu sehen, entspannt einkaufen zu gehen oder der Job einen dank Home-
office quasi zu Hause festnagelt, dann kann das auch Personen mit stabiler Psyche irgendwann an ihre Grenzen bringen.

Um Menschen mental zu unterstützen, hat sich Ende März eine Gruppe freiwilliger jüdischer Profis in Berlin zusammengetan. »Shalva – Keeping Calm« nennen sie sich auf Facebook, und das hebräische Wort verweist bereits auf die Richtung ihrer Arbeit. Denn auf Deutsch heißt Shalva so viel wie Ruhe, Stille, Gelassenheit.

AUSNAHMESITUATION »Wichtig ist uns, erst einmal allen die Botschaft zu vermitteln, dass es völlig normal ist, sich in einer Ausnahmesituation wie jetzt in der Corona-Krise überfordert zu fühlen«, berichtet Marguerite Marcus vom Shalva-Team. »Darüber hinaus sollte jeder Betroffene auch zur Kenntnis nehmen, dass es derzeit sehr vielen Menschen ähnlich ergeht und sie mit ihren Empfindungen keinesfalls alleine sind«, so die Kinderärztin und Familientherapeutin.

Shalva ist im Umfeld der Beter der Synagoge Fraenkelufer entstanden. Mit an Bord sind derzeit rund acht Experten, die vielfältige Erfahrungen auf dem Gebiet der Therapie und der psychosozialen Unterstützungsarbeit haben. Und weil sie alle einen recht unterschiedlichen Hintergrund mitbringen, können die Beratungsgespräche auf Deutsch, Englisch, Hebräisch, Russisch, Französisch oder Ungarisch geführt werden.

»Wir verstehen uns als Ansprechpartner für Personen, die mit Ängsten zu kämpfen haben, die durch die Pandemie und den Lockdown hervorgerufen werden, beispielsweise vor der Ansteckung mit Covid-19 oder womöglich einer Weitergabe des Virus.«

KONTROLLVERLUST Manche fühlen sich derzeit eingesperrt, andere kommen schwer damit zurecht, plötzlich sehr viel Zeit zu haben, oder aber ihre Ansätze, Struktur in den Alltag zu bringen, kippen ins Zwanghafte um. »Oftmals geht das alles einher mit dem Gefühl des Kontrollverlusts.« Möglich sind dann Einzelgespräche oder Onlinetreffen in der Gruppe via Zoom.

»Chicken Soup für die Seele« nennt sich dieses Angebot. »Gemeinsam lässt sich so über unsere Erfahrungen reden«, sagt Marguerite Marcus. »Man kann unter anderem Beobachtungen zur Sprache bringen, was an unserem Verhalten in der Phase des Lockdown vielleicht untypisch ist.«

Angeboten werden also entlastende Gespräche und psychologische Beratung.

Aber auch Perspektivisches soll thematisiert werden. »Vor allem Sachen, die uns Kraft geben können. Das beginnt bei der Frage, welche sportlichen Aktivitäten bei schönem Wetter geeignet sind, und reicht bis hin zu den Möglichkeiten, unsere Wohnung, die als Rückzugsort jetzt wichtiger denn je geworden ist, neu zu erfahren.«

ZOOM Angeboten werden also entlastende Gespräche und psychologische Beratung. »Was wir keinesfalls leisten können, ist eine Psychotherapie«, betont Flora Petak. »Wenn wir aber feststellen, dass sich an uns jemand wendet, bei dem ein entsprechender Bedarf zu erkennen ist, verweisen wir ihn weiter«, so die Psychologin, die zudem eine Ausbildung zur Psychotherapeutin macht und aufgrund der Corona-Krise gerade in Buenos Aires festsitzt.

In Shalva sieht sie eine Plattform, die allein schon aufgrund ihrer Zusammensetzung gezielt auf die speziellen Bedürfnisse von Personen aus der jüdischen Community eingehen kann – »wenn es zum Beispiel um die Erfahrungen von Personen aus unterschiedlichen Altersgruppen geht, Feiertage allein zu Hause verbringen zu müssen«.

Die Nutzung von Onlinediensten wie Zoom ist für die Ungarin kein Neuland. »Es gibt sehr viele Ungarn, die im Ausland leben«, sagt Flora Petak. »Wenn sie psychologischen Rat suchen, dann gerne in ihrer Muttersprache, genau deshalb nutzen sie schon länger digitale Angebote.« Auch die Hemmschwelle, auf Hilfe zurückzugreifen, scheine dank der Technik niedriger zu sein.

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