Gedenkstätten

Die meisten sprechen Spanisch

Novemberwetter im Januar. Es ist nass, kalt und windig. Eine Familie geht die Lagerstraße in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen entlang und betrachtet die Bilder der heimkehrenden KZ-Insassen. Die Mutter hält den Audioguide fest ans Ohr gedrückt und übersetzt. Schüler fotografieren sich gegenseitig am Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslagers mit dem perfiden Spruch »Arbeit macht frei«.

Der Wind pfeift eisig über den Appellplatz. Alles ist grau an diesem Januartag. Wenige Besucher sind älter als 40 Jahre. Gruppen von etwa 20 Personen sehen sich die Ausstellung im neuen Museum an, besichtigen die Baracken und den Zellenbau, in dem prominente Häftlinge wie Pfarrer Martin Niemöller eingesperrt waren.

Die Reiseleiter führen vorwiegend fremdsprachige Touristen über das markante Gelände, das wie ein gleichschenkliges Dreieck angelegt ist.

Der Audioguide erinnert daran, dass auf dem grün gestrichenen Balkon des Kommandantenhauses einst ein Maschinengewehr stand. Von hier aus konnte das gesamte Lager überblickt und kontrolliert werden. Als das KZ weiter ausgebaut wurde, bot dieser Platz nicht mehr den totalen Überblick, und weitere Wachtürme mussten errichtet werden, erklärt die Sprecherin der akustischen Führung.

Besucher
Barry McKeon führt eine Gruppe junger Leute aus Kanada, Australien und Irland. Barry selbst stammt aus Wexford in der Nähe von Dublin und ist Reiseleiter in Berlin. Regelmäßig kommt er mit Gruppen hierher. Menschen aus englischsprachigen Ländern, erzählt er, interessierten sich sehr für die Geschichte des Nationalsozialismus. »Das ist eigentlich das, was sie als Erstes wissen, wenn sie von Deutschland sprechen«, sagt Barry. Vor fünf Jahren kam er nach Berlin, eine Freundin war Fremdenführerin, und sagte diese Tätigkeit auch zu.

Seiner Gruppe erzählt er im Aufenthaltsraum einer Gefängnisbaracke von Herschel Grynszpans Attentat auf einen deutschen Diplomaten, und dass die Nazis kaum einen besseren Anlass finden konnten, um ihre »Vergeltungsschläge« zu begründen. Die jungen Männer und Frauen hören stumm zu, schauen auf die abgewetzten Holztische vor sich. Ein junger Mann hat seine Ellbogen aufgestützt und hält die Fäuste an die Schläfe. »Warum wurden die Menschen interniert, was hatten sie getan?«, fragt Barry in die Runde – Schweigen. »Die Antwort ist ganz einfach.« Er wartet, keiner regt sich. »Ihr Verbrechen war, dass sie Juden waren«, sagt er schließlich.

Barry gibt seinen Gästen noch einige Minuten Zeit, um sich umzusehen, und weist dann noch auf den angrenzenden Schlaftrakt hin: Dreierstockbetten stehen dort dicht an dicht. Die Besucher sehen sie durch eine Glasscheibe. Neun Menschen waren pro Bett vorgesehen.

Häftlinge Zwischen 1936 und 1945 waren im KZ Sachsenhausen – etwa 30 Kilometer nördlich von Berlin gelegen – mehr als 200.000 Menschen inhaftiert, wie die Gedenkstätte dokumentiert. Es waren zunächst politische Häftlinge, schließlich Menschen, die von den Nazis rassisch verfolgt oder als »biologisch minderwertig« erklärt wurden, und ab 1939 zunehmend Bürger der besetzten Staaten Europas. Zehntausende von ihnen kamen hier durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit und Misshandlungen um oder wurden Opfer von systematischen Vernichtungsaktionen der SS.

Auf den Todesmärschen nach der Evakuierung des Lagers Ende April 1945 starben noch einmal Tausende. Etwa 3000 im Lager zurückgebliebene Kranke, Ärzte und Pfleger wurden am 22. und 23. April 1945 von sowjetischen und polnischen Soldaten befreit.

Nur wenige Menschen gehen allein über das Gelände und folgen den markierten Punkten, die ihnen der Guide vorgibt. Die meisten, die hierherkommen, sprechen Spanisch. »Sie machen die größte Gruppe unter den internationalen Besuchern aus«, erzählt der Pressesprecher der Gedenkstätte, Horst Seferens. Eine halbe Million aus aller Welt habe man im vergangenen Jahr hier begrüßen können. Geleitet werden sie von Fremdenführern, die von der Gedenkstätte eigens geschult wurden und regelmäßig an Fortbildungsmaßnahmen teilnehmen. Statistisch sind die Nationen, aus denen die Interessierten kommen, nicht erfasst. Der Eintritt ist frei. Ihre Herkunftsländer lassen sich nur anhand der nachgefragten fremdsprachigen Broschüren oder Audioguides ermitteln.

An diesem Tag bestätigt sich die Angabe von Seferens. Deutsch sprechende Besucher sind deutlich in der Minderheit. Außer einer Schulklasse aus Brandenburg ist da nur das Ehepaar Wendt aus der Nähe von Magdeburg. Sie kennen die Landschaft als Wassersportler und haben sich für zwei Tage in der Nähe einquartiert, um die KZ-Gedenkstätte zu besuchen. Sie sind das erste Mal hier. »Mein Mann interessiert sich sehr für diese Thematik«, sagt Frau Wendt. Das ehemalige Frauen-KZ Ravensbrück in Fürstenberg kennen sie bereits.

50 Kilometer weiter nördlich ist an diesem Nachmittag kein Besucher mehr anzutreffen. Im Unterschied zu Sachsenhausen wird Ravensbrück eher als Begegnungsstätte genutzt. Hier werden Seminare abgehalten und Ausstellungen rund um das Lagerleben gezeigt. Die Teilnehmer wohnen auf dem Gelände in den ehemaligen Häusern der Lagermitarbeiter. Da auch dieses Gelände frei zugänglich ist, bekommen die Mitarbeiterinnen in der 2007 eröffneten Eingangshalle nur durch Zufall mit, wer das Gelände besichtigt, etwa wenn sich ein Besucher einen Lageplan für 50 Cent bei ihnen kauft.

Forschung Monika Schnell und Cordula Hundertmark vom wissenschaftlichen Dienst stellen Dossiers für Seminare zusammen oder kümmern sich um Historiker, die vor Ort recherchieren. Den allgemeinen Publikumsverkehr nehmen auch sie nicht explizit wahr. Pro Jahr nutzen etwa 90 bis 100 Interessierte Sammlung, Archiv und Bibliothek zu Forschungszwecken.

Seit 2011 sind diese im ehemaligen Garagentrakt untergebracht. »Wir sind froh darüber«, erzählt Monika Schnell. »So haben wir jetzt wenigstens die Sammlung an einem Ort zusammengefasst.« Die Bibliothek ist eine reine Präsenzbibliothek. Am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, werden Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Carolinum Neustrelitz im Veranstaltungssaal, der sich ebenfalls im ehemaligen Garagentrakt befindet, Zeugnisse von ehemaligen Häftlingen unter dem Titel »Ravensbrück – Auschwitz – Ravensbrück« vorlesen.

Häuser Von der einstigen Anlage erhalten sind die Lagermauern mit den Erinnerungstafeln der Nationen, aus denen die Opfer stammen, das kleine Haus mit den Verbrennungsöfen und den zwei Schornsteinen und vor allem die vielen Häuser der KZ-Mitarbeiter und SS-Offiziere. Im sogenannten Führerhaus, das, wie auch die anderen Offiziershäuser, auf einem kleinen Wall gelegen ist, läuft eine Endlosschleife. Eine Männerstimme berichtet, wie eine französische Fotojournalistin nach der Aufgabe des KZs in den Häusern nach Decken suchte, um sie den Überlebenden zu bringen.

Auf dem riesigen Areal hinter dem Tor- und Wachhaus waren zwischen 1939 und 1945 insgesamt etwa 132.000 Frauen und Kinder, 20.000 Männer und 1000 weibliche Jugendliche aus 40 Nationen und Volksgruppen inhaftiert. Wo damals die zahllosen Baracken standen, bedeckt schwarze Schlacke den Boden, grobe für den Appellplatz, feine markiert die Wege. Die Häuserfundamente sind als leicht vertiefte Felder erkennbar, in ihnen hat sich das Lindenlaub des vergangenen Herbstes gefangen. In der einbrechenden Dämmerung wirkt dieser Ort noch verlassener und bizarrer als ohnehin schon.

Die Skulptur »Tragende« am Ufer des Schwedtsees hat ihren Blick nach Westen gerichtet, hinüber zum Kirchturm von Fürstenberg. Für die Inhaftierten war dies kein rettendes Ufer.

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Wir Juden sollten uns nicht verstecken. Wir sollten offen, laut und stolz sein - auch und insbesondere auf den jüdischen Staat

von Daniel Neumann  17.04.2026

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

Hochschule

»Spaltung statt Austausch«

Das Studierendenparlament der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf fordert den akademischen Boykott Israels. Der jüdische Student Michael Ilyaev erklärt, warum er das für falsch hält

von Joshua Schultheis  15.04.2026

Programm

Hawdala, ein rotes Sofa und das Geheimnis der Königin: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. April bis zum 23. April

 15.04.2026

München

»Die Stimmung ging sofort in Richtung Aufbruch«

Grigori Dratva über einen Anschlag auf das Restaurant »Eclipse Grillbar«, Solidarität und den Blick nach vorn

von Luis Gruhler  15.04.2026

Carolin Bohl sel. A.

Blockiertes Gedenken

Wie sich in einer kleinen Stadt in Niedersachsen bei der Planung eines Benefizkonzerts für Terroropfer in Israel die Menschlichkeit durchsetzte

von Sophie Albers Ben Chamo  14.04.2026

Jom Haschoa

Narbe gegen das Vergessen

Wir, die Nachkommen der Zeitzeugen und der Ermordeten, dürfen das Leid unserer Großeltern nicht verstecken – wir müssen dafür sorgen, dass es unseren Kindern erspart bleibt

von Eugene Korsunsky  14.04.2026

Gedenken

Zwischenrufe bei Weimer-Rede in Buchenwald

Schon im Vorfeld hatte es Kritik am Auftritt des Kulturstaatsministers beim Buchenwald-Gedenken gegeben. Auch vor Ort gab es Gegenwind. Das sagt Weimer selbst dazu

 13.04.2026

Gedenken

»Für mich steht sein ›Hochverrat‹ heute als das höchste Zeugnis von Treue zur Menschlichkeit«

Hape Kerkeling sprach anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung des KZ Buchenwald über seinen Großvater Hermann, der dort fast drei Jahre inhaftiert war. Wir dokumentieren seine Rede

 13.04.2026