Berlin

»Die meisten Besucher wollen reden«

Es ist noch ruhig auf dem Bebelplatz an diesem Montagmorgen. Touristen bleiben an dem Mahnmal der Bücherverbrennung durch die Nazis vor 91 Jahren stehen. Sie scheinen die leeren, weißen Stühle, den 20 Meter langen nachgebauten grauen Tunnel und auch die symbolische Sanduhr nicht wahrzunehmen, obwohl sie nur ein paar Meter von ihnen entfernt sind, und spazieren weiter.

Von der Straße aus sieht Beatrice Müller die weißen Stühle mitsamt den Plakaten der Geiseln und passiert die Absperrung, hinter der sich das Kunstprojekt befindet. Sie wohnt in der Nähe und möchte sich nun alle Installationen in Ruhe ansehen. Für einen Monat heißt der Bebelplatz in Mitte »Platz der Hamas-Geiseln«.

Eine Kunstins­tallation erinnert seit vergangener Woche an das andauernde Leid der 128 Menschen, die noch immer von der Terrororganisation Hamas festgehalten werden. Vor allem aber soll die deutsche Öffentlichkeit dazu bewegt werden, sich stärker für die Freilassung der Geiseln einzusetzen. Die Aktion läuft bis zum 6. Juni und ist von Angehörigen angeregt worden. Sie wird von einem breiten Bündnis getragen. Initiiert wurde die Aktion von der israelischen Politikberaterin Melody Sucharewicz und der »For Yarden«-Stiftung.

»Den propalästinensischen Schreihälsen etwas entgegensetzen«

»Ich finde es gut, dass den propalästinensischen Schreihälsen etwas entgegengesetzt wird«, sagt die 74-jährige Beatrice Müller. Sie empfinde es als Schande, dass »unsere geistigen Eliten eher die Hamas unterstützen als die Juden«. Ob sie auch einmal durch den nachgebauten Hamas-Tunnel gehen wird, der die Situation der Geiseln widerspiegeln soll, weiß sie noch nicht. »Vielleicht bin ich dafür nicht mutig genug.« Sie schaut sich erst einmal die Reste der verbrannten Bücher an, die aus dem von der Hamas überfallenen Kibbuz Be’eri stammen und nun ebenfalls ausgestellt werden. »Das ist alles so schrecklich«, sagt sie.

Zwei Kinder schreiben Botschaften für die Geiseln auf die Steine.

Michele Tichauer kommt mit ihrer Familie auf den Platz. Es sei wichtig, dass die Geiseln nicht vergessen werden, sagt sie, während ihre beiden Kinder Botschaften auf die Steine schreiben, die extra auf einem Tisch bereitliegen und darauf warten, beschriftet zu werden. »Wir geben nicht auf«, schreibt ihre Tochter. Ihr Sohn hingegen: »Alles wird gut werden.« Stolz zeigen sie die Steine ihrer Mutter. Seit dem 7. Oktober 2023 sieht es Michele Tichauer als Pflicht an, die jüdische Identität ihrer Kinder zu stärken und sie über die Geschehnisse aufzuklären.

Eva-Maria Thimme aus Kreuzberg ist zum Platz gekommen, um nicht nur die Zahlen vor Augen zu haben, sondern auch die Gesichter der Geiseln. Da sie für den Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag als Übersetzerin tätig ist, habe sie auch Freunde in Israel. »Wenn dort etwas passiert, rufe ich immer sofort besorgt an.«

»Wir wollen den noch verbliebenen 128 Geiseln ein Gesicht geben«

»Wir wollen den noch verbliebenen 128 Geiseln ein Gesicht geben«, sagt Sara Hommelsheim, eine von 70 Freiwilligen, die an diesem Morgen Ansprechpartnerin für die Besucher ist. Ihre Familie war einst aus dem Irak geflohen. Sie lebt schon lange in Berlin. »Die Besucher wollen reden, erzählen, was sie über die aktuelle Situation denken«, sagt sie.

Dann unterbricht sie das Gespräch, um auf ihr Handy zu schauen, auf das sie eine App geladen hat, die sich immer meldet, wenn eine Bombe mit Ziel Israel unterwegs ist. »Diesmal war es eine Drohne auf Nordisrael«, meint sie nun. Seit fast acht Monaten werden die Geiseln von den Hamas-Terroristen festgehalten. »Wahrscheinlich sind schon viele Frauen von ihnen missbraucht und geschwängert worden«, fürchtet sie.

Die Ausstellung möchte mit den Fotos der Geiseln deren Geschichten vor dem 7. Oktober erzählen. Aus den Monaten danach sei nicht viel bekannt.
Mut habe es Sara Hommelsheim gegeben, als zur Eröffnung der Kunstinstallation am Donnerstag vergangener Woche so viele Interessierte kamen, dass etliche nur durch die Absperrung hindurch die Reden verfolgen konnten. Nach zwei Stunden sangen alle gemeinsam zum Abschluss die Hatikva.

»Heute zeigt Berlin Widerstand, Widerstand durch Solidarität«

»Heute zeigt Berlin Widerstand, Widerstand durch Solidarität«, hatte die Moderatorin Melody Suchare­wicz zwei Stunden zuvor bei der Eröffnung gerufen. Es sei wichtig für Israel, »dass sie gerade in Deutschland Solidarität erfahren«, so Sucharewicz. Mit einem Selfie will sie Israel zeigen, wie der Bebelplatz in diesem Moment aus ihrer Perspektive aussieht: »Verdammt gut!«

Der Krieg sei in Mitte spürbar, so die Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger. Erst kürzlich stand am Rathaus Tiergarten auf einer Wand: »Brennt Gaza, brennt Berlin«. Seit dem 7. Oktober 2023 wurden Anschläge auf ein jüdisches Krankenhaus, eine Synagoge und ein Holocaust-Mahnmal im Bezirk verübt.

Remlinger drückt ebenso Mitleid aus »für das Leid, das die Hamas auch über die Palästinenser gebracht hat«. Mittlerweile scheint vielerorts in Vergessenheit geraten zu sein, wer diesen Krieg zu verantworten hat. Der 7. Oktober sei aus den Schlagzeilen, den Köpfen und den Herzen verschwunden, gibt der Präsident der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft, Volker Beck, zu bedenken. Alle Opfer dieses Krieges gingen auf das Konto der Hamas.

»Das Schicksal Israels ist unweigerlich verbunden mit dem Schicksal der Juden weltweit«, betont Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland. Und Karin Lorenz von der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem bittet um Vergebung »für die Überheblichkeit, mit der viele deutsche Politiker in Israel auftreten«. Sie würden versuchen, Israel vorzuschreiben, wie es mit der Hamas umzugehen habe. Selbst aber schaffe man es nicht, die eigene jüdische Bevölkerung zu schützen.

Angehörige der Entführten sind nach Berlin gekommen.

Etliche Angehörige der Geiseln sind für die Eröffnung nach Berlin gereist. Eine von ihnen ist Herut Nimrodi, Mutter des 19-jährigen Tamir. Sie weist vor allem auf eines hin: »Es hat die Terroristen nicht interessiert, wen sie töteten und verschleppten. Mein Sohn hat für eine humanitäre Organisation gearbeitet. Sie haben ihn trotzdem entführt.« Yuval Haran berichtet Ähnliches. Er hat das Massaker im Kibbuz Be’eri überlebt. Viele seiner Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder, die ermordet oder entführt worden sind, seien Friedensaktivisten gewesen.

»Israel war lediglich der Anfang«

Alon Gat ist der Hamas knapp entkommen. Seine Mutter hingegen wurde vor seinen Augen erschossen. Seine Frau, Yarden Roman-Gat, und seine Schwester Carmel nahmen die Terroristen als Geiseln. Yarden ist mittlerweile wieder in Freiheit. Aus der Gefangenschaft habe sie Alon von Gesprächen der Terroristen berichtet.

»Israel war lediglich der Anfang«, sollen sie gesagt haben. Und auch, dass es in Deutschland genügend Hamas-Kämpfer gebe. Alon erklärt: »Ich habe keine Zeit, um meine Mutter zu trauern, weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, für die Freilassung meiner Schwester Carmel zu kämpfen.«

Fast täglich finden Veranstaltungen statt. Weitere Infos finden Sie unter
www.platz-der-geiseln.de

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