Interview

»Die Luft roch nach kaltem Rauch«

Margot Friedländer Foto: dpa

Frau Friedländer, vor 75 Jahren zerstörten die Nazis Synagogen, plünderten jüdische Geschäfte und ermordeten Juden. Welche Erinnerung haben Sie an diesen Tag?
Der 9. November 1938 war für mich erst einmal ein ganz normaler Tag. Die Pogrome wurden ja in der Nacht auf den 10. November verübt, deshalb habe ich von den Ausschreitungen unmittelbar nichts mitbekommen. Ich war damals Schneiderlehrling bei einer jüdischen Dame in Charlottenburg und musste werktags früh aus dem Haus. Die »Reichskristallnacht« habe ich sozusagen verschlafen, weil ich abends immer früh ins Bett gegangen bin.

Wie erfuhren Sie am Tag darauf von den Ausschreitungen?
Ich bin morgens früh aus dem Haus gegangen und habe gleich gemerkt: Irgendetwas ist anders als sonst. Die Luft roch nach kaltem Rauch und war beißend schwer. Wir wohnten damals in der Pension Mandowsky am Ludwigkirchplatz in Wilmersdorf, normalerweise waren morgens immer viele Menschen unterwegs. An diesem Morgen aber war alles wie ausgestorben. Das hat sich dann ein paar Straßen weiter vollkommen geändert.

Inwiefern?
Als ich mich der Uhlandstraße näherte, sah ich schon aus der Ferne SA‐ und SS‐Männer vor den Ladengeschäften stehen. Um sie herum lag auf dem Boden überall Glas von zerbrochenen Fensterscheiben. In den Geschäften selbst standen Passanten, die die Warenauslagen plünderten. Die Uniformierten standen bloß herum und machten zynische Witze. Nach und nach realisierte ich, dass nur jüdische Geschäfte beschädigt waren. Da bin ich schnell nach Hause gerannt.

In Ihrer Autobiografie »Versuche, dein Leben zu machen« bezeichnen Sie diesen Tag als Anfang vom Ende.
Ja, bis zu diesem Zeitpunkt dachten meine Familie und ich, dass der Nazi‐Spuk wieder vorbeigehen würde. Nach den Pogromen wussten wir: Hitler wird bleiben, wir müssen gehen. Das war auch mit das Erste, was meine Mutti sagte, als ich aus der Uhlandstraße nach Hause zurückkehrte.

Wie ging es dann weiter?
Wir waren geschockt und verzweifelt. Mein Vater war nach dem 9. November 1938 tagelang verschwunden. Er hatte sich vor den Nazis versteckt gehalten. Sein Geschäft musste er wie alle anderen Juden sofort abgeben. Mit einem neuen Pass ist Vater kurz darauf alleine nach Belgien geflüchtet. Meine Eltern lebten zu diesem Zeitpunkt schon geschieden. Auch meine Mutti, mein Bruder und ich versuchten, aus Deutschland zu flüchten.

Welche Länder zogen Sie in Betracht?
Wir griffen nach jedem Strohhalm: Holland, USA, Guatemala und, und, und. Doch alle unsere Versuche scheiterten. Mal fielen wir auf Schwindler herein, die uns Pässe in Aussicht stellten, es aber nur auf unser Geld abgesehen hatten. Ein anderes Mal konnten wir nicht genug Geld aufbringen, um Papiere für die Ausreise zu kaufen. Und manchmal wollten die Behörden eines Staates uns schlicht und einfach nicht. Es war eine entsetzliche Zeit: Wir saßen fest. Am 20. Januar 1943 schließlich wurde mein kleiner Bruder Ralph von der Gestapo verhaftet.

Wie haben Sie diese Situation erlebt?
Als ich an diesem Tag nach Hause kam, merkte ich, dass ein Gestapo‐Mann bei uns vor der Tür stand. Ich ging zitternd an ihm vorbei, er bemerkte mich nicht. Da wusste ich noch nicht, dass sie bereits meinen Bruder abgeholt hatten. Über Freunde der Familie erfuhr ich, dass auch meine Mutter bei der Gestapo festsaß. Sie konnte meinen Bruder nicht alleine lassen und hatte sich bei der Polizei gemeldet. »Ich habe mich entschlossen, zur Polizei zu gehen. Ich gehe mit Ralph, wohin das auch immer sein mag. Versuche, dein Leben zu machen!«, ließ sie mir als Nachricht zukommen. Das war das Letzte, was ich von ihr gehört habe.

Waren Sie angesichts dieser knappen Nachricht verletzt?
(überlegt lange) Wenn Mutti nach Ralphs Verhaftung auf mich gewartet hätte, wäre ich mit ihr gegangen. Das wusste sie. Und zu einem anderen Brief war sie nicht in der Lage. Sie hatte Todesangst um meinen Bruder. Es war jedenfalls das Letzte, was ich von ihr und Ralph hörte. Beide wurden in Auschwitz von den Nazis ermordet. Wie übrigens auch mein Vater. Das alles habe ich erst sehr viel später erfahren.

Im Frühjahr 1944 wurden Sie von den Nazis im Untergrund aufgespürt und in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Nach der Befreiung des Lagers emigrierten Sie zusammen mit Ihrem Mann nach New York. Hätten Sie je gedacht, dass Sie einmal nach Deutschland zurückkommen würden?
Nie! Die Erinnerung daran, was man uns angetan hatte, wog zu schwer. New York war zwar auch nicht wirklich Heimat für uns, aber Deutschland noch viel weniger. Als mein Mann jedoch 1997 starb und ich einige Male zu Besuch in Berlin gewesen war, habe ich gemerkt: Berlin, das ist meine Mission. Bis heute habe ich es nicht bereut, 2010 zurückgekehrt zu sein. Wie meine Mutti mir aufgetragen hat, habe ich mein Leben gemacht. Meine Aufgabe ist es, in die Schulen zu gehen, und von all dem zu erzählen, was ich während der Schoa erlebt habe.

Warum ist es wichtig, der jüngeren Generation vom Holocaust zu berichten?
Ich spreche für all jene ermordeten Juden, die nicht mehr sprechen können. Ich reiche den Schülern die Hand und erhoffe von den jungen Menschen, dass sie solch ein Unrecht nie zulassen werden. Ich sage den Jugendlichen: Sie müssen die Zeitzeugen sein, die es schon bald nicht mehr geben wird.

Welche Rückmeldung erhalten Sie?
Sobald sie merken, dass meine Botschaft nicht ist: »Ihr seid schuld!«, sondern: »Es ist an euch, dass so etwas nie wieder passiert«, kommen ausschließlich empathische, interessierte und intelligente Fragen. Die jungen Menschen spüren: Es darf nichts unter den Teppich gekehrt werden. Es wurden ja nicht nur sechs Millionen Juden ermordet, sondern auch Homosexuelle, Sinti und Roma, Behinderte und alte Menschen. »Seid Menschen!«, sage ich den Schülern. Dazu gehört auch das Gedenken an all die während der Schoa ermordeten Menschen.

Teilen Sie die Einschätzung, dass das Gedenken an die Verbrechen der NS‐Zeit gelegentlich zu einem gedankenlosen und sinnentleerten Ritual verkümmert?
Nein! Viele Staaten haben zwischen 1933 und 1945 Schuld auf sich geladen und befassen sich bis heute nicht damit. Natürlich muss sich Deutschland mehr als jedes andere Land der Welt mit seiner Schuld auseinandersetzen. Aber es ist eben auch positiv zu sehen, dass die Deutschen dem nachkommen. Nach meinem Empfinden geschieht dies alles in allem glaubwürdig und authentisch. Es ist vielmehr etwas anderes, das mich stört.

Was genau meinen Sie?
Es gab während der NS‐Zeit so unendlich viel Unrecht in Europa. Heute, mehrere Jahrzehnte später, stelle ich fest, dass hier endlich Frieden und Wohlstand herrscht. Was aber beispielsweise in Afrika passiert, ist ein Trauerspiel. Dort sterben Menschen, weil sie nichts zu essen haben. Und in Syrien bringt ein Teil des Volkes das andere um. Es geht mir nicht darum, etwas miteinander zu vergleichen. Ich möchte nur fragen: Tut die internationale Gemeinschaft wirklich so viel dagegen, wie sie könnte? Wenn dem nicht so sein sollte und wir das Gedenken an den Holocaust tatsächlich ernst meinen, so wäre es unsere Pflicht, das schleunigst zu ändern.

Das Gespräch führte Philipp Peyman Engel.

Margot Friedländer wird 1921 als Margot Bendheim in Berlin geboren. Nach den Pogromen am 9. November 1938 flüchtet sie in den Untergrund. Im Frühjahr 1944 spüren die Nazis sie auf und deportieren sie in das Ghetto Theresienstadt; ihre Eltern und ihr Bruder werden in Auschwitz ermordet. Nach Kriegsende emigriert die damals 25‐Jährige gemeinsam mit ihrem Mann Adolf Friedländer nach New York. Im Jahr 2008 erscheint bei Rowohlt ihre Autobiografie »Versuche, dein Leben zu machen«. Seit 2010 lebt Margot Friedländer wieder in Berlin.

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