Ernährung

»Die Leute essen wieder koscher«

Avi Toubiana Foto: Stephan Pramme

Herr Toubiana, in diesem Jahr bieten Sie zum ersten Mal »koschere Sommerferien« an der Nordsee an: eine Woche all-inclusive für die ganze Familie. Wie kamen Sie auf die Idee?
Das ist eine gemeinsame Veranstaltung von uns und dem DJH-Resort Neuharlingersiel. Wir kennen das kleine Nordseeheilbad schon von den Limmud-Veranstaltungen, bei denen wir das Catering gemacht haben. Die Veranstalter vor Ort waren begeistert von unserem Essen, und wir waren begeistert von dem Ort – so kam die Idee zustande. Wir kümmern uns um das koschere Catering, und ich helfe bei der Organisation der jüdischen Gottesdienste, die angeboten werden.

Was hat Sie an einem kleinen Nordsee-Fischerdorf so begeistert?
Wir selbst machen sonst eher keinen Urlaub hier. Ich wusste einfach nicht, wie schön Deutschland sein kann: Wenn man sieht, wie das ganze Meer bei Ebbe verschwindet, ist das schon sehr beeindruckend. Sicherlich ist es kein Rimini-Urlaub, aber dafür einmal etwas ganz anderes. Und es wird wirklich etwas für die ganze Familie geboten, vom Bogenschießen über Kanufahren bis zur Wattwanderung.

Das heißt, Familien sind Ihre bevorzugte Zielgruppe?
Ja, Familien, die gut essen wollen. Wir bieten auch Kinderbetreuung an: Eltern können ihre Kinder morgens abgeben und nachmittags wieder abholen – dass Eltern so etwas hin und wieder durchaus zu schätzen wissen, kann ich als Vater mittlerweile gut verstehen.

Planen Sie weitere koschere All-inclusive-Angebote?
Das ist jetzt erst einmal ein Pilot: Wenn es gut läuft, dann bauen wir es vielleicht aus. Wir haben 350 Plätze, die Nachfrage war von Anfang an groß. Das kommt sicherlich auch daher, dass es im Bereich jüdische Ferien nur wenig für die ganze Familie gibt. Wir werben zum Beispiel auch international auf der Webseite »Totally Jewish Travel«. Und die sagten uns, dass wir die Einzigen auf dem Portal sind, die etwas für Familien haben. In Zukunft wollen wir auch koschere Städtereisen anbieten, das verkauft sich jetzt auch in Deutschland wieder.

Treten Sie mit Ihren koscheren Sommerferien in Konkurrenz zu den traditionellen Machanot der ZWST?
Nein, unser Angebot ist etwas ganz anderes. Machanot richten sich ja an Jugendliche, wir haben dagegen die ganze Familie als Zielgruppe im Blick. Und wir haben eine professionelle Kinderbetreuung mit einem umfangreichen Programm. Eine Konkurrenz wollen wir da sicherlich nicht aufbauen – wir sind ja selbst Kinder der Machanot.

Sind koschere Sommerferien Ihr neuer Fokus? Sie hatten ja bereits ein Café und machen Catering für Veranstaltungen.
Das koschere Catering machen wir seit acht Jahren, seit einem Jahr ist nun auch noch die Organisation kompletter Events – etwa im Jüdischen Museum Berlin – hinzugekommen. Das Café war das Baby meiner Frau. Aber wir haben nun ein zweites Kind, und als klar war, dass wir ein echtes Baby erwarten, haben wir zusammen schweren Herzens entschieden, das Café aufzugeben.

Es lag also nicht an mangelnder Nachfrage?
Ganz im Gegenteil: Die Leute essen wieder koscher.

Woran liegt das?
Es schmeckt einfach. Als ich vor acht Jahren die Idee hatte, koscheres Essen anzubieten, wurde ich noch ausgelacht – mittlerweile müssen wir Aufträge ablehnen. Das liegt sicherlich auch daran, dass unsere Küche international ist und nicht das, was man sich vielleicht unter jüdischer Küche vorstellt. Unser Chefkoch kreiert sehr ausgefallene Gerichte fernab von Gefiltem Fisch. Und dann habe ich schon den Eindruck, dass auch wieder mehr Menschen ihre Religion leben wollen.

Haben denn auch mehr Nichtjuden Interesse an koscherem Essen? Vielleicht im Zuge des allgemein gestiegenen Interesses an gesunder Ernährung?
Es ist sicherlich so, dass der Benefit der jüdischen Speisegesetze jetzt bewusster wird: Beim koscheren Essen weiß man einfach ganz genau, was man isst und wo die Produkte herkommen. Darauf achten wir sehr. Früher haben wir noch viel aus Israel importiert, mittlerweile haben wir viele europäische Lieferanten, denen wir vertrauen können.

Wie aufwendig ist es, koscher zu kochen?
Ich selbst esse von Hause aus koscher und bereue es sicherlich nicht. Natürlich ist es aufwendig, koscher zu kochen. Aber der Rabbiner, der die Zubereitung unseres koscheren Essens für das Catering überwacht, macht das sehr gut – manchmal fast zu gut.

Inwiefern?
Ich war beim Catering für die Allgemeine Rabbinerkonferenz in Berlin einmal so leichtsinnig, koscheres Pesto auf die Speisekarte zu setzen: Jedes einzelne Basilikumblatt musste von Hand überprüft werden – das war bestimmt das teuerste Pesto der Welt.

Mit dem Berliner Caterer sprach Alice Lanzke.

Stadtführung

Tatort Scheunenviertel

Kleinkriminelle, Arbeiter und Ostjuden – der Historiker Dmitry Kudinov zeigt die bewegte Geschichte eines hippen Teils von Berlin, der vor rund 100 Jahren alles andere als gentrifiziert war

von Alicia Rust  17.07.2026

Recklinghausen

Wie der Fußball Eddy rettete

Die Jüdische Gemeinde und Schulen der Region trugen den Emanuel-Schaffer-Cup aus – in Erinnerung an den legendären israelischen Trainer

von Martin Krauß  16.07.2026

Maccabiah

Momente, Medaillen, Menschen

Nach zwei Wochen ist das größte internationale Sportevent in Jerusalem erfolgreich zu Ende gegangen

von Katrin Richter  15.07.2026

Programm

100 Synagogen, zwei Chemnitzer und ein Eis am Stiel: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. Juli bis zum 23. Juli

 15.07.2026

Jahrhundertzeugin

Wie eine Sintiza die Nazizeit überlebte und ihre Heiterkeit rettete

Frieda Daniels ist Hochseilartistin. Sie floh als Sintiza vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Als 93-jährige Zeitzeugin war sie nun in Heidelberg zu Gast. Eine außergewöhnliche Lebensgeschichte

von Stefanie Ball  15.07.2026

Interview

Glaubwürdigkeit schaffen

Yuki Ronen Schmidt über die Arbeit von Miphgasch/Begegnung und die eigene Rolle in dem Bildungsarbeitsprojekt

von Pascal Beck  14.07.2026

Düsseldorf

Das Om im Schalom

Die Jüdische Volkshochschule bietet Kurse an, die Yoga und Judentum verbinden. Das Online-Angebot ist auch offen für andere Gemeinden und Interessenten

von Annette Kanis  13.07.2026

Porträt der Woche

Spezialist für Musicals

Adam Benzwi ist Amerikaner und entdeckte in Berlin die Schlager der 1920er-Jahre

von Gerhard Haase-Hindenberg  12.07.2026

Berlin

Türkisches Unternehmen »Medicana« neuer Träger vom Jüdischen Krankenhaus

Die 270-jährige Tradition des Hauses bleibe bewahrt – Kritik an der Übernahme kommt von Ver.di

 10.07.2026