Porträt der Woche

Die Lesepatin

Verleiht im Monat 600 bis 700 Bücher: Marina Judkele Foto: Christian Rudnik

Mein Tag beginnt mit einem fordernden Miau von Chester, meinem Kater. Er ruft, wenn er Hunger hat, und das ist gegen sechs Uhr. Ich muss aufstehen und ihn versorgen, obwohl ich gerne noch ein bisschen liegen bleiben würde. Die anderen, mein Mann und meine Tochter, sorgen selbst für ihr Frühstück. Jeder muss zu einer anderen Uhrzeit aus dem Haus. Meine Tochter studiert im ersten Semester hier an der Uni in München: Es macht mich immer noch ganz stolz, wenn ich daran denke, dass sie ihr letztes Schuljahr als eine der besten Abiturienten ihres Jahrgangs abgeschlossen hat.

Ich brauche jedenfalls in der Früh erst einmal einen Kaffee, dazu esse ich eine Kleinigkeit. Und dann bleibt entweder noch ein wenig Zeit für die Hausarbeit, oder ich muss gleich los.

Mein Reich Seit gut fünf Jahren habe ich ein zweites Zuhause. Es liegt am Münchner Jakobs‐Platz im vierten Stock des Gemeindezentrums. Ich bin Bibliothekarin und stehe der Gemeindebücherei vor. Sie ist mein Reich: ein Reich voller Bücher – und voller Arbeit. Die Räume sind klein, die Bücher stehen hier und da zweireihig in unpraktischen Regalen, und manchmal, wenn ich morgens aus dem Fahrstuhl trete, drängen sich schon einige Leute vor der Eingangstür und warten auf mich. Geöffnet ist bei uns montags und mittwochs von 12 bis 18 Uhr, dienstags und donnerstags von 9 bis 15 Uhr. Wer einmal bei mir war, kommt meistens wieder.

Gleich im Eingangsbereich stehen die russischen Bücher. Mein Publikum spricht vorwiegend Russisch, die Leute sollen schnell an ihre Lektüre kommen. Bis zu sechs Titel darf man sich ausleihen, für einen Monat lang. Manche Bücher sind alt und zerlesen, was auch kein Wunder ist, wandern sie doch innerhalb der Familien von Hand zu Hand oder sogar durch die Nachbarschaft. 600 bis 700 Bücher verleihen wir jeden Monat.

Im Prinzip ist unsere Bücherei aber eine Präsenzbibliothek. Wir haben Titel zum Judentum, zur deutsch‐jüdischen Geschichte, jüdische Klassiker, aber auch zeitgenössische Literatur von jüdischen Autoren. Diese Bücher dürfen nicht ausgeliehen werden. Sie müssen hier bleiben.

Für das Neueste vom Neuen sorgt Ellen Presser, die Leiterin des Kulturzentrums der Gemeinde. Sie organisiert viele Lesungen, hat gute Beziehungen zu Verlagen und Leuten aus der Kultur und kann uns nagelneue Bücher beschaffen. Das ist super und freut uns. Wir bekommen auch Bücher aus privatem Besitz. Jedes Exemplar wandert durch meine Hände. Ich blättere es durch, registriere es und ordne es ein. Das braucht seine Zeit. Außerdem bin ich natürlich für den Bestand der russischen Abteilung zuständig.

Zu Hause nach Feierabend verbringe ich viel Zeit vor dem Computer, informiere mich über Politik und Kultur. Aber ich suche auch nach neuer russischer Literatur für die Bibliothek, gehe die Bestsellerlisten durch und überlege, was wir anschaffen sollten. Gibt es einen neuen Roman von Ljudmila Ulitzkaja oder Dina Rubina, dann weiß ich, dass wir den haben müssen und alle ihn lesen wollen.

Warteliste Genau das ist eines unserer Probleme. Aus finanziellen Gründen dürfen wir von jedem Buch nur ein Exemplar anschaffen. Das heißt, die Leute kommen auf eine Liste und müssen warten, manchmal recht lange. Und das sind zum Teil betagte Leute. Mein ältester Leser ist 101 Jahre alt, ein Jurist aus Usbekistan. Stellen Sie sich das vor! Er sollte doch nicht warten müssen! Kommt ein begehrter Titel also endlich zurück, rufe ich gleich den Nächsten auf der Warteliste an. Zu diesem Service sehe ich mich verpflichtet. Denn Lesen hält am Leben! Ich mache Menschen glücklich mit so einem Anruf. Das kann man auch an den vielen Porzellanfigürchen zwischen den Büchern sehen. Alles Dankeschön‐Geschenke meiner Leser. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte für meine Bibliothek, dann eine flexiblere Finanzierung und die Möglichkeit, von bestimmten Titeln gleich mehrere Exemplare zu bekommen.

Lettland Studiert habe ich an der Universität Riga. Ich bin ausgebildete Diplom‐Bibliothekarin und komme aus Lettland. Dort wurde ich 1962 geboren. Eigentlich wollte ich Journalistin werden, aber das ging nicht, wegen des »5. Punktes« im Pass, wie wir sagen. Dort stand, dass ich Jüdin bin. Erst Mitte der 80er‐Jahre hat sich in Lettland ein freies jüdisches Leben entwickelt. Vorher war so gut wie alles Jüdische verboten. Trotzdem hat mir mein Vater immer voller Stolz berichtet, wenn irgendwo auf der Welt jemand Jüdisches von sich reden machte, wie Henry Kissinger oder der Schachweltmeister Michail Tal. Zusammen mit meiner Familie habe ich Lettland im Jahr 1998 verlassen.

Ach ja, ich wünsche mir noch etwas. Früher hatte ich hier in der Bibliothek regelmäßig eine Assistentin, die mir half. Jetzt ist sie nur noch ab und zu da, ehrenamtlich. Ich mache also alles so ziemlich alleine, und das ist wirklich hart. Manchmal bin ich einfach überfordert. Durchschnittlich kommen am Tag 20 Leute, mal 19, mal 30. Mein Rekord waren 38! Ich schreibe das genau auf für unsere Statistik.

Zwei, drei Kunden habe ich also immer gleichzeitig, vor allem russischsprachige ältere Herrschaften, denen ich mich ganz widmen muss und will. Es geht gar nicht anders. Ich weiß von jedem, was er ungefähr braucht. Zum Beispiel mag eine Dame keine erotischen Geschichten, da passe ich also immer auf, dass sie nichts Falsches in die Finger bekommt. Ein anderer mag nur Krimis. Letzte Woche kam eine Dame, die ihrem Enkelkind Heinrich Heines Loreley auf Russisch vorlesen wollte, mit der Übersetzung, die sie hatte, aber nicht zufrieden war. »Gibt’s da nicht etwas von Samuil Marschak? Ich meine, mich an so etwas zu erinnern«, sagte sie. Dann gehe ich ins Internet, und in einer Minute habe ich einen Menschen glücklich gemacht.

Manchmal habe ich keine Zeit, richtig Mittag zu essen. Damit ich nicht verhungere, habe ich in meiner Tasche immer einen Apfel, eine Banane oder einen Joghurt. Ansonsten, zu Hause, koche ich aufwendig mit Suppe und Hauptgericht. Ich nehme es mir mit zur Arbeit und wärme es mir unten in der Mitarbeiterküche auf.

Nach der Arbeit erledige ich Einkäufe. Unser Haushalt ist koscher style. Ich kaufe also kein Schweinefleisch und auch keine Meeresfrüchte und trenne Milchiges und Fleischiges. Mit meinem Fahrrad kann ich alle Geschäfte, die ich brauche, prima erreichen. Das spart Zeit und bringt mir Bewegung.

Ins Theater oder ins Kino gehe ich selten, eher ins Konzert. Von Klassik bis Jazz interessiert mich alles. Seit der Kindheit ist mein absoluter Lieblingssänger der unvergleichliche Gianni Morandi.

Noch einen Tipp möchte ich an alle Leser weitergeben, etwas, was wirklich funktioniert: Wenn man schlechte Laune hat oder viel Stress bei der Arbeit – und das kenne ich –, sollte man damit anfangen, Außergewöhnliches zu sammeln. Ich habe das gemacht: Ich habe angefangen, Tassen zu sammeln, und zwar Tassen mit Schafen darauf. Statt zu Hause zu sitzen mit seinem Frust, geht man raus auf Sammlerjagd, in Geschäfte und auf den Flohmarkt. Man bekommt Adrenalin und frische Luft. Meine Wohnung steht voller Tassen mit Schafen. Vor der Tür liegt ein Teppich mit Schafen darauf, in der Küche gibt es für die Tassen extra zwei Regale. Aber irgendwann hat man dann genug davon. In meiner Bibliothek jedenfalls steht eine große »Sparkuh« für Spenden.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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