Die Rosenstöcke am Kavalierhaus tragen noch Blätter. Früh senkt sich der Nebel, und wenn es eine kleine Geschichte des Lichts gibt, die den Krieg im Nahen Osten und seine schrecklichen Folgen überdauert, dann spielt sie hier – am Schloss Königs Wusterhausen, in den Räumen der kleinsten jüdischen Gemeinde Brandenburgs und im Restaurant »Cavallo« auf der anderen Seite des Hofs, das ein Libanese aus Adlun betreibt.
Arkadij Schwarz sieht man seine 75 Jahre nicht an. »Kommen Sie, kommen Sie!«, winkt er aus dem Fenster. Zweieinhalb Zimmer nutzt die Jüdische Gemeinde in den ehemaligen Stallungen des Schlosses. Die Anlage geht auf eine mittelalterliche Burg aus dem 14. Jahrhundert zurück, die Kurfürst Friedrich Wilhelm 300 Jahre später zu einem Schloss ausbauen ließ. Friedrich der Große bewohnte es alljährlich von Mai bis Dezember und nutzte es als Jagdschloss. Darauf ist Schwarz, geboren und aufgewachsen in Mykolajiw in der Ukraine, sichtlich stolz.
62 Mitglieder zählt die Jüdische Gemeinde Königs Wusterhausen
62 Mitglieder zählt die Jüdische Gemeinde Königs Wusterhausen. Hinzu kommen 23 »assoziierte Mitglieder«, die der Halacha nach nicht jüdisch seien, erzählt Schwarz, »aber mit allen Rechten dabei« sind. Die Gemeinde ist Mitglied des Zentralrats der Juden und des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Land Brandenburg, dessen Ratsvorsitzender Arkadij Schwarz ist. Die kleine Gemeinde leitet Leonid Gajdichowytsch (78).
Man kennt die Biografien. Als Kontingentflüchtlinge kamen sie vor 25 Jahren aus Russland, der Ukraine, dem Baltikum und waren noch in der UdSSR aufgewachsen. »Religionsgemeinschaften wurden unterdrückt, besonders das Judentum«, sagt Arkadij Schwarz. Neustart in fortgeschrittenem Alter und anderen Berufen. Er selbst war einst Schiffsbau-Ingenieur, Gajdichowytsch Radio-Elektroniker. »Es waren schwierige Zeiten.«
Man kennt die Biografien. Neustart in fortgeschrittenem Alter und in anderen Berufen.
Eine Synagoge haben sie nicht. Zum Beten fahren sie nach Potsdam, manchmal kommt Landesrabbiner Ariel Kirzon zu ihnen. Büro, Versammlungstisch mit fünf Stühlen, ein Minjan kommt nicht mehr zustande. »Viele Männer sind schon gestorben«, bedauert Schwarz. Sederbecher, Leuchter, in den Regalen Ephraim Kishon und die Geschichte der Juden Brandenburgs auf Deutsch, kyrillische Schriften, der Tanach in Hebräisch.
In die Jahre gekommen, aber mitten im Leben
Die Gemeinde ist in die Jahre gekommen, aber mitten im Leben: Die Mitglieder fertigen Tarnnetze für die ukrainische Armee, Grabkerzen für Kindergärten und Schulen in der Ukraine, helfen Syrern und anderen Geflüchteten, betreiben Forschung zum Holocaust in Brandenburg. Sie öffnen sich, laden zu Veranstaltungen. Morgen wird Schwarz im Gymnasium sprechen – und die Kinder und Eltern zum Spenden alter Kerzen aufrufen. »Wir brauchen Paraffin.« Das Telefon klingelt. Es ist der Betreiber des »Cavallo«. »Gehen wir mal rüber.«
Im Restaurant bereiten sich die Kellner in ihren dunklen Gilets auf den Abend vor. Gedimmte Gewölbe, Samt, Stoffservietten. Mit Handschlag begrüßt Schwarz sie und stürmt behänd in den ersten Stock. Dort ist es kalt. Das stört den alpinen Skifahrer wenig. »Ist das nicht eine Wahnsinns-Location?«, präsentiert er begeistert mit beiden Armen einen riesigen Raum mit Bühne und abgedecktem Flügel.
Minuten später knarzt die Treppe. Herr Tahan, ein großer, eleganter Mann mit grau meliertem Haar, grüßt herzlich, sein Lachen ist warm, der Händedruck fest. Der Gastro-Unternehmer bittet um Entschuldigung für die frische Temperatur – »die Kosten«. Wenn der Raum nicht bespielt werde, bleibe er mäßig geheizt. Man kennt das von Schlössern.
»Als ich Kind war, konnte man frei reisen, nach Israel«
Herr Tahan ist im Dorf Adlun im Süden des Libanon geboren. »Als ich Kind war, konnte man frei reisen, nach Israel.« Er sei Geschäftsmann geworden, 1990 kam er infolge des Bürgerkriegs nach Deutschland.
Und dann wird er plötzlich einsilbig. Allzu viel Öffentlichkeit scheint ihm nicht ganz geheuer. Er blickt zu seinem jüdischen Freund, Arkadij Schwarz versteht das – ja, belassen wir es doch für die Zeitung bei »Herr Tahan«. Ohne Vorname. Herr Tahan atmet auf und bittet nach unten. »Kaffee? Tee?«
Zuletzt arbeitete Herr Tahan in einem Berliner Restaurant mit Mitarbeitern aus acht verschiedenen Nationen. Der Chef sei ein ehemaliger Teppichhändler gewesen. »Er sagte immer: Jeder von uns war neun Monate in einem Bauch. Wir sind alle Menschen, alle von gleichem Fleisch und gleichen Knochen.« Dann, vor drei Jahren, bot sich die Gelegenheit: Das Restaurant »Cavallo« stand zur Disposition, Herr Tahan übernahm es und behielt den eingeführten Namen bei.
Daraus hat er ein Steakhaus mit internationaler Karte und italienisch-levantinischem Schwerpunkt gemacht, in dem es von Antipasti über Nudelgerichte, Pizza und Steaks bis zum klassischen Zander eine riesige Auswahl gibt. »Viele Leute mögen Steaks«, sagt Herr Tahan und zuckt die Schultern. Beim Personal hält er es wie sein früherer Chef: »Wir sind multikulti – Italien, Libanon, Albanien, Russland.«
Zur gleichen Zeit, als Herr Tahan das Restaurant einrichtete, zogen Arkadij Schwarz, Leonid Gajdichowytsch und die jüdische Gemeinde aus den früheren Räumen in der Scheederstraße in das Kavalierhaus gegenüber. »Wir mussten uns verkleinern. Wir hatten viel Geschirr. Ich dachte: Wegwerfen ist nicht gut. Ich kam herüber und fragte, ob er was davon brauchen könne.« Herr Tahan lud ihn zum Tee ein, so habe es begonnen, sagt Schwarz.
Herr Tahan hat hier alles so belassen, wie es einmal war
Herr Tahan führte ihn durch das riesige Haus. Der jüdische Musikliebhaber fing sofort Feuer. Im Obergeschoss gibt es neben dem Saal noch weitere Räume wie das frühere Trauzimmer des Standesamtes. Herr Tahan hat hier alles so belassen, wie es einmal war.
Hinter einer anderen Tür befindet sich die Kreismusikschule. »Musik, das ist meine Seele«, schwärmt Arkadij Schwarz. Er hatte mit der Gemeinde schon viele Konzerte in Königs Wusterhausen organisiert, auch in Städten der Umgebung: Luckau, Storkow oder Calau. Aber warum in die Ferne schweifen? Bald begannen die beiden, Pläne für Konzerte und Veranstaltungen zu schmieden. Jazz, Klezmer, Klassik, sogar einen internationalen Jugend-Klavier-Wettbewerb unter der Ägide des russisch-israelischen Pianisten und Musikprofessors Albert Mamriev haben sie auf die Beine gestellt.
Der 7. Oktober habe nichts zwischen ihnen verändert. Das sagen sie beide.
Seither kommen die Gemeindemitglieder oft und gern. Und weil es in ihren Räumlichkeiten keinen Backofen gibt, dürfen sie in Herrn Tahans Küche vor den Festen, Feiertagen und vorm Schabbat auch die Challa backen. In der Mitte zwischen den Kavalierhäusern stehen Tische auf dem Rasen, im Sommer trifft man sich auf halbem Wege. Und dann kam der 7. Oktober 2023.
Kurze Zeit nach den brutalen terroristischen Angriffen erhielt Arkadij Schwarz ein Video von seinem Cousin aus Israel, der in Ma’alot nahe der libanesischen Grenze lebt. Darauf waren Gräueltaten der Hamas-Terroristen zu sehen – Videoclips, die sie selbst verschickt hatten. »Ich ging ins Restaurant und zeigte das Video.« Ein Mitarbeiter war bestürzt und angewidert und konnte sich das nicht weiter ansehen. Das sei unmenschlich, barbarisch, sagte er, auch Herr Tahan war dieser Meinung.
»Wir sind Freunde«
Arkadij Schwarz nickt. Fast, als wäre er erleichtert. »Es war die richtige Reaktion.« Auch Herr Tahan nickt, ernst. »Das hat nichts zwischen uns verändert«, sagt er. »Wir sind Freunde.« Ungeachtet der Lage im Nahen Osten, der lauten Pro-Palästina-Demos, des explodierenden Antisemitismus organisierten sie Dutzende weiterer Veranstaltungen.
Arkadij Schwarz unterhält gute Kontakte zum Rathaus, und zu den Konzerten kommt das Publikum aus der ganzen Stadt. Von antisemitischen Störgewittern oder beschmierten Konzertplakaten weiß er nichts zu berichten. Zuletzt zählten sie Ende November rund 200 Besucher zu einem Klezmer-Abend mit dem Jiddish Swing Orchestra »Ginzburg-Dynastie«. Grund zu feiern gab es gleich doppelt: 25 Jahre Gründung der Gemeinde und 20 Jahre Konzerte. »Er hat diesen Ort wiederbelebt, vorher war da nichts«, lobt Arkadij Schwarz Herrn Tahan.
»Wir leben hier, wir sind Nachbarn, gute Nachbarn, wie eine Familie. Anders geht es nicht«, sagt Herr Tahan und lächelt. Auch die Gemeinde der nahen evangelischen Kirche sei oft im »Cavallo« zu Gast, man verstehe sich gut. Arkadij Schwarz nennt es anders: »Hier ist eine Friedensecke.«
Der Betrieb im Restaurant nimmt Fahrt auf
Der Betrieb im Restaurant nimmt Fahrt auf, von drüben, aus dem Gemeindezentrum, strahlt noch Licht über den Hof. Leonid Gajdichowytsch wartet, er wird Arkadij Schwarz nach Hause fahren, dort wartet seine Frau. »Alles gesund. 200 Jahre soll er leben«, sagt Herr Tahan, umarmt Schwarz und verabschiedet sich.
»Ich freue mich, dass es Menschen wie ihn gibt«, sagt Schwarz. Dann wird er nachdenklich. »In Deutschland gibt es zwei Begriffe: ›Leute‹ und ›Menschen‹. Ich denke: Wenn die Leute auch Menschen sind, dann wird alles gut.«