Porträt der Woche

Die jüdische Polizistin

Dagmar Otschik Alpern entdeckte vor dem Eingang der Synagoge ihren Traumberuf

von Gerhard Haase-Hindenberg  20.09.2018 19:24 Uhr

»Als Polizeibeamtin habe ich auch unter meinen Kollegen ›schwarze Schafe‹ erlebt«: Dagmar Otschik Alpern (56) lebt in Berlin. Foto: Stephan Pramme

Dagmar Otschik Alpern entdeckte vor dem Eingang der Synagoge ihren Traumberuf

von Gerhard Haase-Hindenberg  20.09.2018 19:24 Uhr

Meine Mutter war von Geburt evangelisch und ist vor der Hochzeit mit meinem Vater konvertiert. Ich bin 1962 geboren. Zu diesem Zeitpunkt betrieben meine Eltern in Berlin verschiedene Restaurants und Kneipen. Aber noch vor meiner Einschulung haben sie sich scheiden lassen, und meine Schwester und ich sind beim Papa geblieben.

Von meinen Großeltern habe ich nur die jüdischen kennengelernt. Sie haben zu Beginn der Nazizeit mit ihren beiden Söhnen in Berlin gelebt. Mein Opa wurde ins KZ Oranienburg gesteckt, und nach knapp zwei Jahren hat man ihn unter der Auflage nach Hause geschickt, dass er innerhalb von 48 Stunden das Land verlässt. Auf dem Weg nach Palästina war es meinen Großeltern nur möglich, einige Habseligkeiten mitzunehmen, und so mussten sie in Berlin eine ganze Menge zurücklassen. Dazu gehörten das Kaufhaus Alpern am Nettelbeckplatz und ein Mietshaus in Marzahn. Meine Großmutter hat später jahrelang geklagt, aber nicht einen Groschen bekommen.

Hotel In Palästina gingen mein Vater und sein Bruder zur Schule und leisteten danach ihren Armeedienst. Mein Vater wurde Schauspieler und hat am israelischen Nationaltheater Habima mit Shmuel Rodensky und Michael Degen zusammen gespielt. Danach hat es ihn in die Welt hinaus gezogen – zunächst in die USA. Aber Schauspieler gab es dort genug, und so ist er bei irgendwelchen koscheren Hotels gelandet. Über England und Dänemark kam er wieder nach Berlin, wohin auch seine Eltern und sein Bruder inzwischen zurückgekehrt waren.

In meiner Grundschule in Berlin-Wilmersdorf hatte ich immer das Bewusstsein, ein jüdisches Kind zu sein. Mein Vater hatte darauf bestanden, dass ich vom Religionsunterricht befreit werde. Ich habe mir allerdings öfter die Freiheit genommen, dazubleiben, anstatt eine Stunde lang allein auf dem Hof herumzusitzen. Es tut ja nicht weh, wenn man mal etwas Neues erfährt. Nun, dass es Weihnachten gibt, wusste ich auch schon vorher. Hier aber erfuhr ich, dass man da den Geburtstag von Jesus feiert. Vor allem habe ich irgendwann mitbekommen, dass er Jude war.

Umgekehrt hat mich nie einer gebeten, einmal etwas über das Judentum zu erzählen. Das hätte ich gekonnt, weil ich da nun einmal hineingeboren und in diesem Sinne erzogen worden bin durch den jüdischen Kindergarten und den jüdischen Hort. Eine jüdische Schule gab es in Berlin damals noch nicht. Auch später war es so, dass ich nachmittags immer im Jugendzentrum der Gemeinde mit anderen jüdischen Kindern und Jugendlichen zusammenkam. Das war damals nämlich von montags bis donnerstags geöffnet und nicht wie heute nur einmal in der Woche. In den Ferien fuhr ich auf Machane, und auch da lernte ich jüdische Jugendliche aus ganz Deutschland kennen.

wunsch Wir wohnten im Vorderhaus der Synagoge Pestalozzistraße, in der mein Vater der Schammes und später auch Gabbai war. Fast immer stand Polizei vor der Tür. Irgendwann dachte ich, dass das eine tolle Arbeit sein müsse, bei der man etwas für andere Leute tun kann. Bald war für mich klar, dass ich nach der Schule zur Polizei gehen will.

Allerdings sprach einiges dagegen, zuallererst einmal ich selbst. Ich bin nämlich ziemlich faul, wenn ich das einmal so selbstkritisch feststellen darf. In der Realschule habe ich irgendwann den Unterricht durch Verweigerung boykottiert, durch Zuspätkommen und schließlich durch Abwesenheit. Es war echtes pubertäres Trotzverhalten. Mit 16 Jahren bin ich mit einem miserablen Zeugnis von der Schule abgegangen. Aber auch mit einem besseren Zeugnis hätte ich bei der Polizei keine Chance gehabt, denn damals nahm man weibliche Bewerber erst mit 19 Jahren. Ich musste also irgendetwas anderes machen. Aber was?

Eines Tages fragte mein Vater, wie ich mir eigentlich mein weiteres Dasein vorstellen würde. Aus der Verlegenheit heraus habe ich gesagt, dass ich mir vorstellen könnte, Floristin zu werden. Ich hätte auch »Zweiradmechanikerin« sagen können oder »Krankenschwester«. Zu dieser Zeit kellnerte mein Vater auf den großen Berliner Bällen. Dort sprach er mit dem Chef jener Firma, von der der Blumendekor gestaltet wurde, und schon hatte ich eine Lehrstelle.

Als ich dann endlich in dem Alter war, um mich bei der Polizei bewerben zu können, wurde mittlerweile der Realschulabschluss verlangt. Also meldete ich mich an einer Abendschule an, wo man diesen innerhalb eines Jahres nachholen konnte. Nach bestandenem Einstellungstest wurde ich bei der Polizei angenommen. Allerdings war mein Vater dagegen. Er sagte, dass eine Jüdin in diesem Land keine Uniform tragen könne. Das habe ich aber gar nicht eingesehen. Es war schließlich die Polizeiuniform eines demokratischen Staates und nicht die der Nazizeit. Es gab also einige Diskussionen, wobei ich sagen muss, dass meine Großmutter es sehr gut fand, dass ich als Polizistin anderen Menschen helfen wollte. Einige Jahre später war sie sogar ein wenig stolz auf mich, wenn ich vor dem jüdischen Altenheim, in dem sie lebte, Dienst tat.

chemnitz Natürlich wussten meine Kollegen, dass ich Jüdin bin. Ich muss aber sagen, dass ich nie antisemitisch angegangen wurde. Das lag möglicherweise auch daran, dass es, bevor ich eingestellt wurde, einmal einen Vorfall gab. Im Klassenraum war ein jüdischer Polizeischüler durch einen anonym an die Tafel geschriebenen antisemitischen Spruch beleidigt worden. Da war natürlich dann die Kripo da und auch die Presse. Als ich zwei Jahre später kam, hatte ich den Eindruck, dass sich manch einer lieber auf die Zunge biss, als womöglich etwas Falsches zu sagen.

An jüdischen Feiertagen bekam ich Sonderurlaub. Dafür gab es damals noch eine entsprechende Bestimmung. Auf der Wache hat sich einmal ein Kollege in abfälligem Ton geäußert, dass ich für »diese blöden jüdischen Feiertage« Sonderurlaub bekomme, während er für die Taufe seines Kindes einen regulären Urlaubstag nehmen muss. Ich habe ihm recht gegeben, aber auch gesagt: »Wenn ich mein Recht nicht in Anspruch nehmen würde, so hättest du trotzdem nichts davon.« Das war in all den Jahren die einzige Diskussion, sonst bin ich mit den Kollegen gut klargekommen. Leider bin ich während einer Kneipenschlägerei schwer verletzt und in den Ruhestand versetzt worden.

Als ich unlängst im Fernsehen die Szenen aus Chemnitz sah, wo Rechtsradikale von Polizisten geschützt die Arbeit der Presse behinderten, fielen mir die schwarzen Schafe unter den Kollegen ein, die zu meiner Zeit mit den »Republikanern« sympathisiert haben. Da wurde bei Demonstrationen auch schon mal aus politischer Überzeugung geprügelt. So etwas geht gar nicht, denn es ist mit dem Eid auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung nicht vereinbar.

chanukkabasar Vor 20 Jahren habe ich durch einen Kollegen meinen nichtjüdischen Mann kennengelernt. Er hat nicht viel mit Religion am Hut, allerdings ist er sehr engagiert beim Chanukkabasar der Synagoge dabei, den ich vor fünf Jahren ins Leben gerufen habe. In unserer Synagoge hatte es eine Beterversammlung gegeben, bei der auch der damalige Kultuschef der Gemeinde anwesend war.

Es wurde ständig gesagt, wofür alles kein Geld vorhanden sei. Da habe ich mir überlegt, dass doch jede christliche Kirche einen Weihnachtsbasar macht. In einer E-Mail an die Gabbaim habe ich gefragt, ob man nicht einmal einen Chanukkabasar veranstalten könnte. Die Antwort kam prompt: Das sei eine gute Idee, und ich soll das mal machen. Daraufhin kam Esther Slevogt, die Frau eines Gabbai, zu mir und bot mir ihre Mithilfe an. Nach und nach kamen auch andere dazu.

Zunächst wollten wir den Basar im kleinen Saal des Gemeindehauses veranstalten. Gedacht war an verschiedene Stände mit Trödel und Judaika auf Spendenbasis. Vielleicht auch an einen Tresen mit Kaffee und Kuchen. Dann aber kamen ganz viele Spenden zusammen und Leute, die mit Liedern oder sonstigen künstlerischen Darbietungen auftreten wollten. Bald wurde klar, dass das alles im Kleinen Saal gar nicht funktionieren kann. So haben wir bei der Gemeinde ganz vorsichtig nachgefragt, ob wir vielleicht den Großen Saal auch noch haben könnten, obwohl wir gar nicht wussten, ob überhaupt jemand kommt. Dann aber wurde schon der erste Chanukkabasar der totale Knaller.

In diesem Jahr wird er am 18. November bereits zum sechsten Mal stattfinden. Leider aber haben wir den Saal nie wieder in der Chanukkawoche bekommen, weil immer irgendwelche organisatorischen Umstände dagegen sprachen. Es wurden also keine Kerzen mehr gezündet – aber der Basar hat inzwischen Tradition.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

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