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Die alte Frau und die Rapper

Dass eine 86-Jährige weiß, was Rap und Hip-Hop ist, ist erstaunlich genug. Dass eine betagte Dame mit einer Band namens Microphone Mafia ein Album aufnimmt und anschließend auf Tour geht, ist noch erstaunlicher. Esther Bejarano, die 86-jährige Mitbegründerin und Vorsitzende des Auschwitz-Komitees, findet das alles ganz normal. Und deswegen stimmte sie auch sofort zu, als die Kölner Rap-Band bei ihr anfragte, ob man nicht ein gemeinsames Musik-Projekt gegen Rassismus und Intoleranz starten wolle.

Gemeinsam mit ihren Kindern Edna und Joram hatte Bejarano, die nach dem Ende der Nazizeit zunächst nach Israel ausgewandert war, Anfang der 80er-Jahre die Gruppe »Coincidence« gegründet. Deren Programm – Lieder aus dem Ghetto, jüdische und antifaschistische Songs – erschien mehr als 20 Jahre später. Für Kutlu Yurtseven und Signore Rossi von der Microphone Mafia war es genau das, was sie für ihr Musikprojekt gesucht hatten.

Widerspruch Ein bisschen schüchtern fragten die Kölner zunächst bei Joram Bejarano an, der sie an die Mutter verwies. »Sie haben mich angerufen und sind dann auch zu mir gekommen, um sich und das Projekt vorzustellen. Ich fand es sehr gut, einleuchtend und wichtig, dass eine CD entsteht, mit der man diesen schrecklichen Nazi-CDs etwas aktiv entgegensetzt«, erzählt Esther Bejarano. Eine musikalische Hemmschwelle habe es für sie dabei nicht gegeben, natürlich habe sie schon Rap-Songs gehört. »Ich war aber nicht so richtig begeistert davon«, erzählt die alte Dame lachend. Mit gebündelten Kräften entstand die CD Per la Vita – Für das Leben. Zu brachialen Beats rappen die beiden jungen Männer beispielsweise die verzweifelten Gedanken eines Juden, der gerade in Auschwitz angekommen ist: »Wir sind aufgereiht wie Vieh, ich suche Frau und Kind ... Wo gestern Kinder spielten, tanzt heute der Tod ... stumm und erstarrt stehen wir in unseren Reihen.« Dann ändert sich der Rhythmus und wandelt sich in eine jiddische Melodie, man hört die Stimme von Esther Bejarano, die das Lied Zu ejns, zwej, draj singt.

Drei Generationen stehen nun bei Auftritten auf der Bühne. »Ich finde das produktiv, denn Jung und Alt haben sich eine Menge zu sagen und können eine Menge voneinander lernen.« Besonders interessant sei »bei dieser Konstellation außerdem, dass wir drei verschiedenen Religionen angehören, meine Kinder und ich sind jüdisch, Bossi ist Christ, Kutlu Muslim. Und wir alle harmonieren so gut miteinander – genau das will ich ja mit meiner Arbeit immer zeigen, dass Menschen unabhängig von Herkunft und Religion ohne Probleme miteinander auskommen und vor allem viel erreichen können.«

In Auschwitz war Bejarano Mitglied des Mädchenorchesters. Die Musik habe ihr das Leben gerettet, sagt sie oft. Als die Rapper sie fragten, wie sie es geschafft habe, nach ihren furchtbaren Erfahrungen mit den Nazis noch Musik zu machen, antwortete sie ihnen kurz und knapp: »Hätten sie mir das nehmen können, hätten sie mir alles genommen.«

Wie sie die Touranstrengungen schafft, würde die Mittachtzigerin auch gern wissen. Sie gibt jedoch zu, dass ihr Arzt sie schon gewarnt habe, sich nicht zu viel zuzumuten. »Aber solange ich es kann, möchte ich gern so viel wie möglich tun. Ich kann so viele Menschen erreichen, und das ist doch gerade jetzt sehr wichtig.«

spaß Sogar ältere Leute hätten bei Konzerten mit den Rappern auf ihren Stühlen gestanden und mitgetanzt, berichtet Bejarano, und in diesem Moment hört es sich dann ganz und gar nicht so an, als denke sie auch nur daran, sich zu schonen. Und auch ihre Kinder hätten sehr viel Spaß an den Konzerten mit der Microphone Mafia. »Für mich ist es anfangs ein bisschen laut gewesen, aber das scheint dazuzugehören. Ich habe die Lautstärke trotzdem ein wenig gebremst.«

Erst vor Kurzem hatte sich Bejarano als Vorsitzende des Auschwitz-Komitees für die Blockade der Nazi-Demo in Dresden ausgesprochen. Postwendend wurde sie auf rechtsradikalen Webseiten für ihr Engagement beschimpft. Sie sehe es als ihre Pflicht, sich eindeutig zu positionieren, sagt sie. »Man muss etwas riskieren, man muss etwas tun, denn wohin es führt, wenn es keine Zivilcourage gibt und alle schweigen und einfach mitmachen, hat man ja damals in der Nazizeit gesehen.« Angst habe sie, »aber nicht um mich, sondern um die Jugend, weil ich ja nicht weiß, wie sich das alles noch entwickeln wird.«

Resonanz Dass das Projekt sich als ungemein erfolgreich erwies und sogar im Ausland für Schlagzeilen sorgt, freut Bejarano sehr. »Gerade wir, die wir die Nazizeit erlebt haben, müssen uns nun gegen Ausgrenzung, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus stellen und aufzeigen, dass es so damals auch angefangen hat. Vor allem jetzt, wo die Nazis durch die neuen Massenmedien immer mehr Plattformen für ihre menschenverachtende Propaganda finden. Der Erfolg unseres Gemeinschafts-Projekts macht Mut, auch den Zuhörern.«

Und dann hat sie durch das Projekt auch noch einen alten Jugendfreund wiedergefunden. »Vor einigen Tagen«, erzählt sie, »erhielt ich einen Anruf aus Cincinnati.« Der alte Herr hatte einen Artikel über die CD gelesen und wollte ihr gratuliert. Zuletzt hatten sich die beiden vor mehr als 60 Jahren bei einem Vorbereitungscamp für Auswanderer nach Israel gesehen. »Dass wir nach so langer Zeit wieder Kontakt haben, ist nur der Musik zu verdanken«.

Habe sie nie, auch nicht heimlich, den coolen Sprechgesang ausprobiert? »Oh nein«, wehrt die ehemalige Koloratur-Sopranistin ab, »das überlasse ich denen, die es können.« Grundsätzlich sei sie aber jeder Art von Musik gegenüber aufgeschlossen.

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