Hannover

Deutlich dazugelernt

Der ehemalige Kanzler des Jüdisch-Theologischen Seminars in New York und Präsident des Leo-Baeck-Instituts, Ismar Schorsch, hat den Deutschen ein gutes Zeugnis für ihre Vergangenheitsbewältigung ausgestellt. Nach Jahrzehnten des Schweigens stellten sich Bürger und Regierung zunehmend der dunklen Geschichte, sagte der 76-jährige Gelehrte in seinem Vortrag aus Anlass des Novemberpogroms in Hannover.

Ismar Schorsch wurde am 3. November 1935 in Hannover geboren. Der Familie gelang die Flucht nach England und 1940 schließlich nach Amerika. Als sein Vater Emil Schorsch am 10. November 1963 zur Eröffnung der Hannoverschen Synagoge erstmals wieder Deutschland besuchte, habe er sich nicht den Stand moralischer Regeneration vorstellen können, den es bis zum Jahre 2011 erreicht hat, sagt Schorsch. Auch als er selbst mit seiner Schwester in den 70er-Jahren durch Deutschland fuhr habe er nur Leerstellen entdeckt.

Schweigen brechen Mit Bernhard Schlinks Buch Der Vorleser von 1995 sei das »toxische Schweigen der ersten beiden Nachkriegsgenerationen« thematisiert worden. Dabei sei während jener Jahre das Wissen über den Holocaust beständig gewachsen. Schorsch nennt Raul Hilbergs 1961 erschienene Studie zur Bürokratie-Maschinerie der Nazis oder Fritz Bauer, der 1963 bis 1965 die sogenannten zweiten Auschwitz-Prozesse durchsetzte und sie wissenschaftliche dokumentieren ließ. Auch die im April 1978 im deutschen Fernsehen ausgestrahlte amerikanische Kurzserie Holocaust: Die Geschichte der Familie Weiss habe einiges aufgerüttelt.

Erst mit dem »zunehmenden Abstand« der dritten Generation, der Enkelkinder der Täter, ging »die Freiheit einher, entlastende Mythen mit belastenden Fakten zu konfrontieren«. Das 2001 eröffnete Jüdische Museum Berlin stelle eine weitere Geste der individuellen Reue dar. Einen dritten Weg der Versöhnung biete die Universität, sagt Schorsch. Heute gebe es in Deutschland eine Überproduktion junger Wissenschaftler der Judaistik. »Manche von ihnen werden ihr Brot damit verdienen, regionale jüdische Museen einzurichten.«

Mahnmal Der Bau des Mahnmals für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus in Berlin, die Verlegung von Stolpersteinen und die Erforschung der Geschichte der hier Erwähnten, sieht Schorsch als gelungene Methoden, den Akt des Gedenkens auf beiden Seiten zu individualisieren. »Die nicht abreißende Folge von Bußetaten durch Deutsche – kollektiv wie individuell – für den Holocaust ist beispiellos im modernen Zeitalter. So wird die Gegenwart nicht mehr durch die Erinnerung erstickt.«

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026

Hamburg

Altona war schon immer toleranter

Ein Projektraum im Regionalmuseum zeigt 400 Jahre jüdische Geschichte der gesamten Hansestadt

von Heike Linde-Lembke  16.02.2026