Schwerin

Der Toraflüsterer

Mit Gefühl: Olexandr Hofman untersucht eine Torarolle. Foto: Axel Seitz

Olexandr Hofman rubbelt mit aller Kraft über eine Textstelle. So lange bis seine Finger richtig schwarz von der Farbe der Buchstaben sind. Was während eines Gottesdienstes undenkbar erscheint, ist für den 35-jährigen Mann wichtige Voraussetzung für seine Arbeit. Denn Hofman begutachtet Torarollen. In der Schweriner Synagoge soll der Sofer herausfinden, ob die Schriftrollen koscher sind und welche restauriert werden müssen.

Fehlerhafte Stellen fallen dem jungen Mann sofort auf: Buchstaben, die nicht mehr exakt zu lesen sind, Textstellen, die unsauber überschrieben wurden oder Risse und Löcher im Pergament. Nicht jeder Missstand ist für das ungeübte Auge zu erkennen. Doch wenn Olexandr Hofman eben mit der flachen Hand über das Pergament reibt und die Buchstaben fast schon an seiner Handfläche kleben bleiben, wird deutlich, diese Tora darf für einen Gottesdienst nicht mehr benutzt werden.

reiben An diesem Nachmittag rollt der Sofer gemeinsam mit Valerij Bunimov von der Jüdischen Gemeinde Schwerin sechs Schriftrollen vom Anfang bis ans Ende aus und wieder zurück. Er studiert diesen Abschnitt genauer, reibt an jenen Stellen, pult ein wenig an der Naht, die die Pergamentsabschnitte zusammenhält. Dann stellt er fest: zwei Torarollen sind sogar so zerschlissen, dass sie entweder einem Museum geschenkt werden können oder in eine Genisa, einen Aufbewahrungsort für religiöse Schriften, gelegt werden sollten.

Bei zwei anderen Rollen käme eine Restaurierung ähnlich teuer wie eine völlig neue Tora, sagt der Fachmann. »Hier wäre eine Überarbeitung sinnlos.« Die beiden anderen Rollen will sich der Sofer in den kommenden Wochen in seiner Schreibstube in Hannover genauer anschauen. Erst dann kann er der Rostocker Gemeinde einen genauen Kostenvoranschlag machen.

Bauarbeiten In Schwerin lagert fast ein dutzend Torarollen, sie gehören sowohl der Gemeinde der Landeshauptstadt wie der Rostocker Gemeinde. Dort konnte erst im Januar eine wiederhergestellte Schriftrolle feierlich in die Synagoge eingebracht werden. Wie alt die Rollen sind und woher sie genau stammen, kann heute keiner mit Gewissheit sagen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden offenbar aus verschiedenen Gemeinden im damaligen Mecklenburg die Torarollen in der Landesbibliothek zusammengetragen und aufbewahrt. Mit der Bildung einer neuen Jüdischen Landesgemeinde Mecklenburg 1947/48 erhielt der Vorstand diese und andere Kultgegenstände zurück.

Da diese Landesgemeinde seit Anfang der 70er-Jahre nur noch aus juristischen Gründen bestand, wurden die Schriftrollen wenig später aus Schutz vor anstehenden, von staatlicher Seite geplanten Bauarbeiten in der Schweriner Innenstadt und somit auch am Gemeindezentrum nach Dresden zum damaligen Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR ausgelagert.

Wie richtig dieser Schritt war, zeigt die Tatsache, dass in den Wendewirren Anfang 1990 bei einem Einbruch in das Schweriner Gemeindezentrum zwei noch vorhandene Schriftrollen gestohlen wurden. Einige Jahre nach der Gründung des neuen Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern kamen die Torarollen wieder von Dresden zurück in den Norden.

Schriftgelehrter Olexandr Hofman soll nun möglichst in den kommenden Wochen und Monaten für die Schweriner Gemeinde eine Tora restaurieren. Der junge Mann lebt seit sieben Jahren in Deutschland, kommt ursprünglich aus der ukrainischen Stadt Uman. Seine Ausbildung zum Sofer absolvierte er in Dnipropetrowsk, die Prüfung zum Schriftgelehrten legte er anschließend in Israel ab.

Mittlerweile hat Olexandr Hofman schon rund 20 Rollen restauriert, zuletzt die für die Rostocker Gemeinde. Noch sind viele Fragen offen: Was genau muss restauriert werden? Wie teuer wird die Arbeit? Wie bezahlt die Gemeinde den Auftrag?

Hier hat bereits der Förderverein Jüdisches Gemeindezentrum finanzielle Unterstützung zugesagt, damit in Zukunft aus einer weiteren koscheren Tora in den Gottesdiensten in der Schweriner Synagoge gelesen werden kann.

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