Thüringen

Der stille Macher

Hat ein feines Gespür für Töne und Zwischentöne: Reinhard Schramm Foto: picture alliance/dpa

Wenn Reinhard Schramm am 22. Mai auf seine 80 Lebensjahre zurückblickt, sind Höhen und Tiefen dabei. Seit nunmehr zwölf Jahren leitet er die Jüdische Landesgemeinde Thüringen und weiß, was es heißt, die unterschiedlichsten Interessen von Menschen verschiedener Herkunft zusammenzufügen.

Reinhard Schramm hat für vieles Verständnis – nur beim Thema Antisemitismus akzeptiert er keine Entschuldigung, egal, aus welcher Ecke die Angriffe kommen, ob auf direktem oder indirektem Weg, ob aus der Politik, der Kultur, auf Podien oder aus dem täglichen Leben.

Dass Israel seit dem 7. Oktober 2023 angegriffen wird, verletzt ihn sehr. Es habe sich seitdem viel verändert, sagt er. Und so werden diese 80 Lebensjahre nicht ganz unbekümmert gefeiert werden, denn der Alltag ist oftmals von Aufgaben, auch Sorgen und Bedenken geprägt.

Es war nicht immer alles unkompliziert, sagt er rückblickend.

Wie mag es weitergehen – politisch und auch in der Gemeinde? Er freue sich auf einen neuen Rabbiner. Und er sei dankbar gewesen, als ihm die beiden Kirchen des Landes eine neue Tora für die Gemeinde schenkten.

Unterstützung und enger Schulterschluss

Von der Landesregierung gibt es viel Unterstützung und einen engen Schulterschluss mit dem Thüringer Ministerpräsidenten, der wissen lässt, er habe Reinhard Schramm bereits in seiner Zeit zu Beginn seiner Politik schätzen gelernt. Einer seiner ersten Besuche, so Bodo Ramelow, führte ihn damals in die Jüdische Landesgemeinde. Es gab viel auf den Weg zu bringen, auch mit Blick auf die Sicherheit, die Synagogen und die Frage: Wie gestaltet man künftig jüdisches Leben in Thüringen?

Den Staffelstab hatte Reinhard Schramm einst von Wolfgang Nossen übernommen. Es war nicht immer alles unkompliziert, sagt er rückblickend, aber man habe einander geschätzt und respektiert. Was ihn beeindruckt habe? Menschen wie Raphael Scharf-Katz (1917–1985), der vor Wolfgang Nossen die Gemeinde leitete, und immer wieder Begegnungen mit anderen Personen aus dem jüdischen Leben.

Geboren wurde Schramm in Sachsen-Anhalt, in Weißenfels. Das war 1944. Die Mutter war Jüdin, der Vater – ein Religionslehrer und Christ. Mit viel Glück und in einem Versteck überlebte die Mutter mit ihrem kleinen Sohn die letzten Kriegsmonate. Die anderen Familienmitglieder wurden ermordet. Und immer wieder sollte ein Satz später fast alle Reden Reinhard Schramms prägen: »Wenn es das Land Israel schon zehn Jahre früher gegeben hätte, dann hätte ich auch Onkel und Tanten kennengelernt.«

Das Trauma saß tief. Die verlorene Familie, der frühe Tod des Vaters

Das Trauma saß tief. Die verlorene Familie, der frühe Tod des Vaters. Reinhard Schramm musste schon zeitig seinen eigenen Weg finden. Er studierte Elektrotechnik, wurde Professor an der Technischen Universität Ilmenau und baute nach 1989 das Landespatentzentrum Thüringen auf. Darauf ist er noch heute stolz. Denn es sei etwas gelungen, was es so damals noch nicht gegeben habe und vielen Gründungen dazu verhalf, den Weg aus der Forschung hinein in die Praxis zu finden.

Mit dem Leben und Leiden der Juden während der Schoa hat er sich zeitig beschäftigt, nicht zuletzt durch die Dokumentation des Eichmann-Prozesses. Damals war er noch Schüler. Dass er im System der DDR zuweilen anecken würde, war ihm schnell klar geworden. Ein geplantes Buch von ihm konnte nicht veröffentlicht werden, es erschien erst 1990. Kontakte zu Holocaust-Überlebenden in Israel hatte man ihm damals – während der DDR – auch untersagt.

Seine Mutter schöpfte nach dem Krieg in der DDR neue Hoffnung und hatte Zuversicht, doch vieles sollte sich – vor allem für ihren Sohn – als Trugschluss erweisen. Doch bewusst sei er damals in die »Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische-Freundschaft« eingetreten, sagt er. Er studierte in Polen und lernte dort seine Frau Barbara kennen. Dass das politische System der DDR und die Zuversicht eine Fehleinschätzung waren, hätten ihm erst die Kinder nahegebracht, sagt er. Heute blickt er mit Gelassenheit auf Vergangenes, mit Dankbarkeit auf das Erreichte – und mit einem unerschütterlichen Optimismus nach vorn.

Zum Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr pflegt er einen freundschaftlichen Kontakt. Auch dieser erinnert sich an seine Amtseinführung in Thüringen 2014. In der ersten Reihe habe Reinhard Schramm gesessen. Seitdem verbinden beide ehrliche, offene Gespräche und das gemeinsame Engagement gegen Antisemitismus. Dass es von manchen Teilen der Kirche auch kritische und weniger wohlmeinende Stimmen gab, nahm Schramm immer zur Kenntnis – aber nie als Maßstab für sein Handeln.

Wann immer es die Zeit erlaubt, begibt sich Schramm auf Podien.

Wann immer es die Zeit erlaubt, begibt sich Schramm auf Podien, in Gespräche, pflegt gute Kontakte zur Politik und freut sich daran, dass seine Gemeinde mit heute 800 Mitgliedern die Sozialarbeit verstärkt und mehr Aufwind bekommen hat.

Die alten jüdischen Stätten Erfurts sind 2023 UNESCO-Welterbe geworden, auch das gehört zu den erfreulichen Momenten im turbulenten Arbeitsalltag von Reinhard Schramm. Bemerkenswert ist auch, dass er mit jenem Buch über seine Biografie und die Juden in Weißenfels, das in der DDR geplant war und nicht erscheinen durfte, oft und vor allem regelmäßig in einer Jugendhaftanstalt zu Gast war, Lesungen hielt und Gespräche führte. Es waren berührende Momente, und meist wurde es sehr still, wenn er aus seiner Kindheit und Jugend erzählte, von Abneigung, Ausgrenzung und dem Überleben.

Fröhlich wird er auch zu seinem 80. Geburtstag aus seinen blauen Augen schauen, etwas verlegen lächeln, viele Hände schütteln und genau wissen, wer es ernst und ehrlich meint – mit ihm und seiner Gemeinde. Er hat ein feines Gespür für die Töne und die Zwischentöne von Menschen entwickeln können. Vielleicht gerade jetzt. Masal tow bis 120!

Architektur

Von Brandenburg nach Haifa

In Finow wird ein historisches Kupfer-Haus restauriert. Einst von Walter Gropius modernisiert, zogen die mobilen, industriell gefertigten Bauten mit ihren Eigentümern bis nach Palästina

von Mark Feldon  27.09.2026

Literatur

Wenn Fiktion zur Geschichtsschreibung wird

Der israelische Bestsellerautor Dror Mishani stellte im Gespräch mit Richard C. Schneider seinen neuen Roman »Nicht« vor

von Nora Niemann  27.09.2026

München

»Ihr Licht ist nicht verloschen«

Die Frauen-Mikwe der Gemeinde trägt seit Kurzem den Namen von Rebbetzin Shoshana Brodman

von Luis Gruhler  27.09.2026

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2026

Engagement

Erstklassig, Digga!

Der Fußballverein Hannover 96 ist nun beim Projekt »Shalom, Digga« in Niedersachsen mit dabei

von Katrin Richter  24.09.2026

Kommentar

Sprecht mit uns. Nehmt uns ernst

Herr Ramelow, die jüdische Gemeinschaft, die vor Judenhass warnt, ist nicht das Problem. Antisemitismus ist das Problem - insbesondere in Ihrer Partei

von Avitall Gerstetter  24.09.2026

Deutschland

»Existenzgefahr für Berlins Juden«

Die Linke macht immer wieder mit Judenhass und Forderungen nach der Auslöschung Israels von sich reden. Der Wahlsieg der Partei veranlasst nun den israelischen Botschafter zu einer ungewöhnlich deutlichen Stellungnahme

 23.09.2026

Hellerau

Tscheburaschka und WBS70

Die Ausstellung »Jüdische Ossis IV – Räume der Freiheit und des Rückzugs« stellt Fragen nach privater und öffentlicher Identität

von Katrin Richter  22.09.2026

Hillel

»Man fühlt sich bei uns willkommen«

Die neue Geschäftsführerin Liora Jaffe über das Zuhören, Visionen und Aha-Momente

von Christine Schmitt  22.09.2026