Porträt der Woche

Der Schlagzeuger

Harry Rosenkind spielt mit seiner Band Rock aus den 70er‐Jahren

von Katrin Diehl  13.02.2012 18:32 Uhr

»Unser Haus ist gut abgedichtet. Lautstärke ist kein Problem«: Harry Rosenkind Foto: Christian Rudnik

Harry Rosenkind spielt mit seiner Band Rock aus den 70er‐Jahren

von Katrin Diehl  13.02.2012 18:32 Uhr

Wer sich für Progressive Rock aus den 70er‐Jahren interessiert, kennt meine Band. Wir heißen »Sahara«. Die Süddeutsche nannte uns einmal »Münchens wichtigsten Beitrag zur Progressive‐Rock‐Ära«. Wir sind sechs Mann, ich bin der Schlagzeuger, und bald geben wir unser nächstes Konzert.

Gegründet habe ich die Band 1966 zusammen mit einem Mitschüler. Alle Bandmitglieder wohnten damals in Laim, einem Stadtteil im Münchner Westen. Anfang der 70er veröffentlichten wir drei Alben, dann löste sich die Band auf. Nach mehr als drei Jahrzehnten haben wir 2006 zum ersten Mal wieder in alter Besetzung zusammengespielt, im »Theatron« im Olympiapark – vor fast 5.000 Leuten! Das war richtig emotional. Nach diesem Konzert haben wir beschlossen, weiterzumachen. Anfang März werden wir also im »Interim«, einem Club in Laim, drei Konzerte geben.

Seit etwa einem Dreivierteljahr bin ich mit den Vorbereitungen beschäftigt. Das prägt meinen Arbeitstag und macht ihn turbulent. Ich gestalte Plakat und Flyer, organisiere mit meinem Freund Artur Silber die PR‐Arbeit, richte den Kartenvorverkauf ein, lege die Bandproben fest, bespreche die Organisation mit dem Veranstalter und stelle Konzertinformationen auf unsere Website. »Ich bin hier wohl der Hiwi«, sage ich manchmal zu meinen Bandkollegen, wenn mir alles zu viel wird.

Schwung Mein Tag beginnt damit, dass ich mit meiner Frau frühstücke, so gegen neun Uhr. Es gibt frisches Obst, dazu einen Tee. Dann gehe ich ins »Dorf«, so nenne ich den Ortskern von Planegg, eine kleine Gemeinde, etwa 20 S‐Bahn‐Minuten von München entfernt. Ich gehe zur Post, zur Bank, was so anfällt. Zurück nehme ich einen Umweg durch den Wald. Ich marschiere recht flott und bringe meinen Kreislauf in Schwung. Das tut gut.

Mit Sauerstoff vollgepumpt, komme ich zu Hause an und setze mich an den Schreibtisch, vor dem mein Schlagzeug steht, Baujahr 1969. Bei meiner Büroarbeit folge ich zwar einem groben Plan, aber vieles ergibt sich auch einfach im Laufe des Tages. Manchmal hake ich eine To‐do‐Liste ab, und manchmal läuft alles völlig chaotisch. Das kann passieren, wenn man mehrere Felder beackert.

Zum einen kreiere ich Websites. Programmieren ist dabei nicht mein Schwerpunkt. Ich kümmere mich mehr um die Inhalte, ums Content‐Management. Ich berate Leute, die eine Website erstellen oder ändern wollen, mache Vorschläge, wie man die Sache angeht. Das liegt und gefällt mir. Und wenn ich, was die Technik anbelangt, nicht mehr weiterweiß oder Programmierung notwendig ist, schalte ich meinen Sohn Micah ein, der gerade in Brighton seinen Doktor im Fach Informatik macht. Mein zweiter Sohn Benjamin, das ist der Ältere, arbeitet als Mischtonmeister in den Bavaria‐Filmstudios.

In den letzten Tagen habe ich mich mit der Website für eine Arztpraxis befasst. Das hat mich ziemlich beansprucht, aber jetzt bin ich durch. Daneben führe ich einen Modegroßhandel. Ich verkaufe Jeans. Das mache ich etwa seit Anfang der 90er‐Jahre, habe das Geschäft aber stark zurückgefahren. Einzelhändler bestellen bei mir, ich gebe die Bestellung weiter, die Ware kommt zu mir rein und geht sofort wieder an den Kunden raus. Bis vor drei Jahren hatte ich ein großes Warenlager, das habe ich aber inzwischen aufgelöst. Auch weil sich die Wünsche der Kunden im Vergleich zu früher viel schneller ändern. Es gibt nicht mehr die Artikel, die man immer vorrätig halten kann. Die Mode ändert sich sehr schnell. Solange das Netzwerk, das ich mir aufgebaut habe, funktioniert, liefere ich weiter.

Und drittens bin ich Verleger. Ich gebe hauptsächlich Musik heraus, die etwas mit meiner Band zu tun hat. Der Verlag heißt »Power to the Artist«, was natürlich an John Lennons »Power to the People« erinnern soll. Man merkt, aus welcher Zeit ich komme.

Geboren wurde ich 1950 im Münchner Stadtteil Neuhausen. Ich bin also ein echter Münchner. Ich hatte sehr junge Eltern, die sich nach dem Krieg in Föhrenwald getroffen und dann geheiratet haben. Als ich alt genug war, ging ich zum Club »Maon ha‐Noar« in die Möhlstraße. Das war eigentlich mein wichtigster Kontakt zur jüdischen Szene. Dann war ich in der Zionistischen Jugend, bis etwa nach meiner Barmizwa. Mich hat das intensive Promoten, alle müssten nach Israel auswandern, etwas genervt. Schließlich war und ist München meine Heimatstadt, hier habe ich meine Familie, meine Freunde und meine Band.

Ich bin nicht religiös, pflege aber jüdische Traditionen. Meine Mutter, seligen Angedenkens, ist vor ein paar Jahren verstorben. Sie hat großen Wert darauf gelegt, dass die Familie diese Traditionen erhält, und das tun wir auch in der Familie, zusammen mit meinem Vater.

Spaghetti Mittagessen gibt es bei uns etwa gegen eins. Meine Frau ist dann zurück. Sie gibt Kunstunterricht, schreibt Hörspiele und Romane für Kinder und arbeitet zu Hause als Illustratorin. Wir kochen uns eine Kleinigkeit. Manchmal habe ich auch schon etwas vorbereitet. Ein großer Koch bin ich nicht, aber Spaghetti mit Tomatensauce bekomme ich hin. Nach dem Essen geht es wieder an den Schreibtisch. Zum Beispiel muss ich mich noch darum kümmern, die Postkarten zu unseren Konzerten unter die Leute zu bringen.

Zurzeit beschäftigt mich eben meine Band ganz besonders. Natürlich übe ich jetzt auch verstärkt. Ich setze mich ans Schlagzeug, lege eine CD mit »Sahara«-Titeln ein, und los geht’s. Unser Haus ist gut abgedichtet und hat einen Garten drum herum. Lautstärke ist also kein Problem. Außerdem haben wir nur nette Nachbarn. Heute Nachmittag kommt mein Bassist vorbei, und wir üben zu zweit, also nur die Rhythm‐Section. Die Proben sind wichtig, denn unsere Musik ist relativ kompliziert. Wir spielen 10 bis 15 Minuten lange Kompositionen, inspiriert von großen Bands wie Pink Floyd, Yes oder King Crimson. Eng wird es, wenn alle Musiker zur Probe kommen. Aber wir kriegen das hin.

Einen richtigen Feierabend gibt es bei mir nicht. Manchmal wird es zehn, bis ich sage: »Jetzt ist Schluss.« Dann muss ich das ganze Zeug erst einmal irgendwie aus meinem Kopf kriegen. Zum Buch greife ich eher selten, höchstens im Urlaub. Aber Zeitungen und Magazine, die lese ich. Politik interessiert mich und darüber diskutiere ich auch gerne. Wenn es spät geworden ist, setze ich mich zum Abschalten vor den Fernseher, und so gegen Mitternacht liege ich dann im Bett.

Trauer Bei allem Treiben in den vergangenen Monaten und bei aller Vorfreude auf die Konzerte hat mich ein Anruf vor ein paar Wochen richtig hart getroffen und völlig fertiggemacht. Alles stand erst mal still. Mein Freund Towje Kleiner ist gestorben. Am 9. Januar. Towje Kleiner, der »Woody Allen« Deutschlands. Für mich war er mehr. Irgendwie hat er mein Leben begleitet.

Ich war noch ein Kind, als ich zum Club »Maon ha‐Noar« kam. Und obwohl nur zwei Jahre älter als ich, war Towje bei den Älteren, bei den Großen, in einer anderen Kwutza. Mit der Band »The Sabres« hat er Musik gemacht, vor allem Rock’n’Roll und Motown‐Music, schwarze Musik aus Amerika. Towje war der Sänger. So etwas hatte ich bis dahin noch nie gehört. Das war sensationell. Ich glaube, seit diesem Erlebnis hatte ich das Musik‐Virus in mir und war fest entschlossen, selbst Musik zu machen. Towje fehlt mir.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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