Nachruf

Der Jäger der Schellackplatten

Raymond Wolff sel. A. (1946–2021) Foto: privat

Den Anblick werde ich nie vergessen: sich biegende Regale in Raymond Wolffs Wohnung, die immer und jeden Moment zusammenzubrechen drohten, unter den Stapeln von Postkarten, Noten, Schellackplatten, Schellackplatten und noch mehr Schellackplatten. Und ihn werde ich nicht vergessen, den »meschuggenen« Ray, mit seinen rot gefärbten Haaren und dem Schalk, der ihm aus jeder Pore hervorblitzte.

Als Kind deutscher Juden in New York geboren und in New Jersey aufgewachsen, kam Ray Wolff 1971 nach »Newkölln«, Berlin. Er hatte Musikwissenschaften und Germanistik studiert, war 24 und wollte nicht in den Vietnam-Krieg ziehen. In Berlin nun wurde er zum Jäger historischer Dokumente und Tonträger, die zumeist vom jüdischen Beitrag zur deutschen Unterhaltungskunst zeugten, die er auf Flohmärkten, Auktionen und Dachböden erstöberte und deren Geschichte er erforschte.

LEXIKON Ray Wolff war ein wandelndes Lexikon und Anekdotenbuch, er hielt historische Vorträge wie den über »Antisemitismus in Badeorten«, bestückte Filme mit Musik aus seinem Fundus und gestaltete Ausstellungen, beispielsweise die zu »Juden in Neukölln« oder »Türken in Berlin«, zu denen auch aus seiner Sammlung zusammengestellte CDs erschienen.

Zwei Drittel der Aufnahmen auf der »türkischen« CD stammen von Juden, wie jene von 1908 mit dem verheißungsvollen Titel Ein Besuch im Harem (Nur für Herren)!. Denn auch Juden bedienten, ohne jemals den Fuß in die Türkei gesetzt zu haben, alle Klischees vom Pascha bis zum Schleier, erklärte mir Wolff einmal, kurbelte den Edinson-Phonographen an und legte die nächste komische Platte oder eine Walze von 1903 auf.

Nur auf den ersten Blick komisch waren die zahlreichen Abstrusitäten des »Zeitgeistes«, die er ausfindig gemacht hatte, wie die Werbeplatte, mit der eine Uhrenfabrik 1934 für ihren »Deutschen Gong« nach Melodie eines Nazi-Liedes wirbt, um mit ihm den dem deutschen Wesen fremden »Bim Bam«-Klang zu ersetzen. Solche Tondokumente mit anderen Zeitzeugnissen wie ein Mosaik zu einem Bild zusammenzusetzen, gehörten zu der Art, wie Ray Wolff Geschichte recherchierte, rekonstruierte und erzählte.

Den großen Schrankkoffer, mit dem seine Familie emigriert ist, hatte er hierher zurückgebracht.

Dass er dabei enorm engagiert und hartnäckig (zuweil auch nervötend) war, wussten die Bewohner von Staudernheim in Rheinland-Pfalz am besten. Es war der Geburtsort seiner Mutter und seiner Großeltern. Und auch die Familie seines Vaters kam aus der Gegend, aus Nackenheim.

GROSSELTERN Diese Großeltern, bei denen er aufgewachsen ist, hat er sehr geliebt und es ihnen zu Ehren auf sich genommen, die kleine Staudernheimer Synagoge ihrem Schicksal als private Mülldeponie zu entreißen. Wolff hat es über die Jahre und mit Gleichgesinnten geschafft, hier einen Museumsverein (www.synagoge-staudernheim.de) zu gründen, und harte Kämpfe ausgefochten, bis das Gebäude endlich die Besitzer wechseln und die Instandsetzung beginnen konnte.

Dabei entdeckten die Restauratoren Inschriften aus der Zeit, als die Synagoge ein Wehrmachtscasino war. Inzwischen finden dort Kulturveranstaltungen statt, der Verein sammelte Geld für die Restaurierung, die Mitglieder schoben viele ehrenamtliche Arbeitseinsätze, und Ray Wolff stellte sein Privatarchiv zur Geschichte der Landjuden in der Region zur Verfügung. Er produzierte eigens für das Projekt eine CD mit Raritäten der Berliner Synagogalmusik, selbstredend mit Platten aus dem eigenen Archiv.

Bei den Wolffs wurde Deutsch gesprochen, deutsch gekocht und in der Vergangenheit gelebt.

Seine Großeltern habe er Zeit ihres Lebens als wunderbare und tieftraurige Menschen erlebt, die sich, wie er selbst, nie als Amerikaner gefühlt hätten, »displaced persons« im wahrsten Sinne des Wortes. Bei den Wolffs wurde Deutsch gesprochen, deutsch gekocht und in der Vergangenheit gelebt, in einer Geschichte, die Ray Wolff seit der Kindheit mit sich herumgeschleppt hat.

BRIEFWECHSEL Den großen Schrankkoffer, mit dem seine Familie emigriert ist, hatte er hierher zurückgebracht. Und ihn gehütet wie die über 180 Briefe, die in der Nazizeit zwischen seinen Großeltern und den Familienmitgliedern in Deutschland und Amerika hin und her gegangen waren – zensierte, codierte Hilferufe, die im Verlauf der Ereignisse immer eindringlicher, zugleich hoffnungsloser werden und mit der Deportation seiner Großeltern abbrechen. Diesen Briefwechsel wollte Ray unbedingt noch herausgeben. Nun wird er nach seinem Tod erscheinen, im Juli, unter dem Titel Schreie auf Papier.

Denn Raymond Wolff ist am 27. April 2021 unerwartet gestorben. »Schillernd, charmant, streitbar. Historiker, Musikforscher, begnadeter Sammler und Erzähler« haben seine Freunde die Traueranzeige für ihn überschrieben.

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Sie haben Deutschland verlassen und sich für ein Leben in Israel entschieden. Was hat sie dazu bewogen? Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis  19.02.2026

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026