Porträt der Woche

Der Blattmacher

»Ich bin im Bewusstsein der jüdischen Tradition aufgewachsen«: Sascha Chaimowitz (29) Foto: Markus Burke

Die Ideen für meine Geschichten fallen mir oft in sehr alltäglichen Situationen ein: Ich saß vor einiger Zeit zum Beispiel in einem ICE, der 45 Minuten Verspätung hatte und dann auch noch zwei Stunden lang wegen eines Defektes stehen blieb, mitten auf der Strecke. Die Passagiere ärgerten sich, auch ich war komplett genervt. Dann dachte ich: Irgendwie ist das doch Jammern auf hohem Niveau. Wie wäre es, mal richtig lange in einem Zug zu sitzen?

Also begann ich zu recherchieren: Ich suchte die längste Zugfahrt der Welt. Und fand die Strecke Peking-Lhasa, spektakulärerweise auch noch die höchste Bahnfahrt der Welt, über 3500 Meter hoch, es gibt Sauerstoffventile an der Wand. Der Boden: ewiges Eis, Permafrost. Hin und zurück: 96 Stunden! Ich stellte die Idee in der Redaktionskonferenz vor. Sie kam gut an.

fies Meine damaligen Chefredakteure beschlossen, mich nicht wie andere Touristen in die »Soft Sleeper«-Klasse zu schicken, sondern in die schlechteste, die es gibt: die »Hard Seat«-Klasse, die man von Deutschland aus nur sehr schwer buchen kann. Ich verstand, warum: Fieser und unansehnlicher bedeutet oft auch, dass die Geschichte lustiger wird.

Nach der Konferenz ging dann alles recht schnell: Unsere Bildredaktion buchte einen Fotografen, ich besorgte mir Flugtickets nach Peking und ein Visum für Tibet. Am Ende wurde das eine Geschichte über das Warten und die Langeweile – und eine tolle Erfahrung für mich. Ich wusste danach: Ich kann mich beeilen, wenn ich will. Oder auch 100 Stunden lang warten.

Das ist ein Beispiel für eine typische NEON-Reportage. Als Reporter ist es natürlich großartig, so etwas machen zu können. Man bekommt die Möglichkeit, für gute Ideen und Geschichten um die Welt zu reisen. Wichtig dabei ist, dass unsere Geschichten das Lebensgefühl junger Menschen zwischen 18 und 35 und die Themen, die sie bewegen, treffen sollen – von Beziehung bis Karriere, von Politik bis Reisen, von Mode bis Gesellschaft und von Popkultur bis Psychologie. Wir wollen intelligent unterhalten und emotional authentisch sein.

Veränderungen Seit Anfang des Jahres habe ich für solch aufwendig recherchierte Geschichten allerdings viel weniger Zeit als früher. Das liegt daran, dass ich seit Januar stellvertretender Chefredakteur von NEON und dem Elternmagazin Nido bin. Seitdem nehmen Konferenzen, Planungen und das Blattmachen vor Ort in der Redaktion einen Großteil meiner Arbeit ein. Zusammen mit meinen beiden Chefredakteurskollegen leite ich also zwei Redaktionen mit mehr als 50 Mitarbeitern. Das ist ein anstrengender, aber gleichzeitig auch sehr interessanter neuer Job.

Für diese Möglichkeit habe ich München nach fast 30 Jahren verlassen und bin nach Hamburg gezogen. Klar, ich freue mich über die neue Aufgabe, aber aus München wegzugehen, war schon ein großer Schritt. Denn in München bin ich sehr verwurzelt, hier bin ich aufgewachsen, meine Freunde und meine Familie leben dort. Aber Hamburg ist eine reizvolle Stadt. Jetzt heißt es am Wochenende eben ans Meer fahren statt in die Berge.

Natürlich beschäftigt mich mein Job auch in meiner Freizeit, das stört mich aber nicht. Der Alltag ist, wie gesagt, eine gute Quelle für Ideen. Man sollte sich das aber nicht so vorstellen, dass ich jedes private Treffen mit Freunden auf Story-Tauglichkeit abklopfe. Es ist eher ein beiläufiges journalistisches Denken: Wenn mir etwas auffällt, das zu einer guten Geschichte werden könnte, notiere ich mir ein, zwei Stichworte und denke dann in der Redaktion weiter darüber nach oder diskutiere die Idee mit Kollegen.

Medizinstudium Zum Journalismus bin ich über einen Umweg gekommen. Nach dem Abitur wollte ich ein Studium absolvieren, mit dem ich danach international arbeiten kann. Mir war es wichtig, flexibel zu bleiben, um vielleicht mal in Italien oder Kanada zu arbeiten. Journalistisch zu schreiben war für mich zwar auch eine Option, ich verwarf den Gedanken dann aber rasch wieder. Ich fürchtete, in diesem Bereich keine ernsthafte Berufschance zu haben. Ich entschied mich dann für ein Medizinstudium.

Doch nach drei Semestern machte ich ein Praktikum in einem Krankenhaus. Als ich bei einer sehr komplizierten Herzoperation zusehen durfte, hatte ich eine Art Schlüsselerlebnis: Mir wurde bewusst, dass Medizin irre spannend ist, aber nicht meine Welt. Kurz darauf brach ich das Studium ab.

Was ich stattdessen machen wollte, wusste ich jedoch noch nicht. Was mir in dieser Zeit geholfen hat, war eine längere Reise nach Israel. Zwei Monate waren es. Das Land kenne ich gut, weil ein Teil der Familie meines Vaters in Tel Aviv lebt. Bei meiner Tante und meinem Onkel und ihren beiden Töchtern bin ich bis heute zweimal im Jahr zu Besuch. In Israel zu sein, ist für mich immer wahnsinnig schön. Das Essen, die Sprache, die Kultur, die Natur – alles unglaublich angenehm dort.

Synagoge Als religiös würde ich mich nicht bezeichnen. Durch meinen Vater und dessen Familie, die aus Lodz stammt, bin ich aber in dem Bewusstsein für jüdische Traditionen aufgewachsen. An wichtigen Feiertagen sind wir in meiner Kindheit in München ab und zu in die Synagoge gegangen. Heute läuft mein Bezug zum Judentum eher über die Familientradition als über die Religion. Essen ist natürlich ganz wichtig. Gefilte Fisch, Borschtsch und so weiter – ich kenne und mag viele jüdische Rezepte, die es bei uns zu Hause oft an den Feiertagen gab.

Nach dem abgebrochenen Studium reiste ich jedoch nicht zur Familie nach Tel Aviv, sondern alleine durchs Land: nach Haifa, Afula, Jerusalem, Tel Aviv und runter in die Negevwüste. Ich habe auch Zeit in einem Ulpan verbracht, um Hebräisch zu lernen. Danach nahm ich mir in der Jerusalemer Altstadt ein kleines Hostelzimmer, lernte die Stadt kennen, genoss die freie Zeit. Diese zwei Monate waren eine sehr tolle, entspannte Zeit für mich, in der ich auf neue Gedanken kam. Wenn ich heute in Israel bin, buche ich in Erinnerung an diese Phase immer mein altes Zimmer in dem Hostel und erkunde Jerusalem.

Zurück in Deutschland entschloss ich mich, es mit dem Schreiben zu versuchen: Weil ich immer schon großes Interesse am Journalismus hatte, machte ich ein Praktikum in der jetzt.de-Redaktion der Süddeutschen Zeitung. Die Redakteure dort waren sehr gut, mir war schnell klar: Den Job will ich auch!

glücklich Dann bewarb ich mich an der Deutschen Journalistenschule – und wurde genommen. Bis dahin hatte ich keine große Schreiberfahrung. Danach war ich ein knappes Jahr lang in Berlin und machte Praktika beim ZEIT-Magazin und der taz. 2010 absolvierte ich ein letztes Praktikum, und zwar bei NEON. Als ich eine Redakteursstelle angeboten bekam, habe ich sofort zugesagt. Ich war glücklich. Das hält bis heute an.

Wie lange man als Journalist bei einem Magazin für junge Erwachsene arbeiten kann? Ich bin jetzt 29 Jahre alt, das geht schon noch eine ganze Weile. Wichtig ist ein gutes Gespür dafür haben, was Menschen bewegt und umtreibt. Mein Gefühl ist, dass ich das noch eine lange Zeit machen möchte.

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