Hannah Arendt

Denken ohne Geländer

Die Publizistin Hannah Arendt Foto: Fred Stein Archive, Stanfordville, New York

Hannah Arendt

Denken ohne Geländer

Das Literaturhaus zeigt eine Ausstellung zu Leben und Wirken der deutsch-amerikanischen Philosophin

von Ellen Presser  29.01.2022 22:08 Uhr

Die Philosophin (eine Bezeichnung, die sie für sich ablehnte) und Publizistin Hannah Arendt (1906–1975) war eine herausragende Denkerin des 20. Jahrhunderts. Ihre Themen und Aussagen sind bis heute aktuell und werden es bleiben, wie es etwa die Station »Wir Flüchtlinge« in der aktuellen Ausstellung im Literaturhaus belegt.

1933 aus Deutschland nach Paris geflohen, 1941 über Lissabon nach New York gelangt, hatte Arendt 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft verloren, wusste, was es bedeutete, staatenlos, ein »Paria außerhalb der Gesellschaft«, zu sein. Ein Zitat, das einem im Kapitel »Rahel Varnhagen. Eine Lebensgeschichte« begegnet, in dem Arendts Beschäftigung mit der Salondame beschrieben wird, die für den Einstieg in die deutsche Gesellschaft alles, nämlich ihre Herkunftsidentität, opferte. Dies wäre Hannah Arendt im Gegensatz zu Varnhagen nie in den Sinn gekommen. Ihr Leitsatz lautete: »Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich als Jude verteidigen.«

missverständnis Ihr »Denken ohne Geländer« führte nicht selten dazu, dass man sie gründlich missverstand. An jeder Stelle der Ausstellung wird ihr empathischer wie eigenständiger Ansatz deutlich. Die Themeninsel zu »Little Rock« zeigt ihren nonkonformistischen Umgang mit gesellschaftlichen Entwicklungen ihrer Zeit.

Mitte der 50er-Jahre hob der Oberste Gerichtshof der USA die Rassentrennung an öffentlichen Schulen auf. Als es beim erzwungenen Antritt dunkelhäutiger Schüler an der Central High School von Little Rock in Arkansas zu Ausschreitungen kam, waren die Positionen zwischen reaktionären und liberalen Fronten klar. Den Zorn aller zog Arendt sich zu. Als entschiedene Gegnerin staatlicher Einmischung in die Erziehung lehnte sie den erzwungenen Schulbesuch ab. Schwarze Schüler sollten nicht ins Sperrfeuer für eine verfehlte Rassenpolitik geraten.

Bekannter dürfte die Kontroverse um ihre Reportage über den Eichmann-Prozess in Jerusalem sein. In vier Ausgaben der Zeitschrift »The New Yorker« zwischen 16. Februar und 16. März 1963, gab sie – zwischen Werbeanzeigen für Luxusgüter (was absurderweise ihr angelastet wurde) – ihre Eindrücke über »Die Banalität des Bösen« wieder. Dabei ging es ihr nie um eine Verharmlosung der Verbrechen, sie verweigerte nur die Dämonisierung des Angeklagten. 1964 räumte sie allerdings ein: »Ich war wirklich der Meinung, dass der Eichmann ein Hanswurst ist.«

freundschaft Arendt muss ein »Genie der Freundschaft«, so ein Diktum von Hans Jonas, gewesen sein. In einem Brief an Daniel Cohn-Bendit, mit dessen Eltern sie befreundet war, auf dem Höhepunkt der Studentenunruhen 1968 bot sie ihm finanzielle Hilfe an. Mit ihrer in München gekauften Kleinstbildkamera Minox B fotografierte sie die Familie – von ihrer Großnichte Edna Brocke stammen etliche Ausstellungsobjekte – und ihre Freunde aus allen Lebensbereichen wie den Revue-Autor Robert Gilbert, die Schriftstellerin Mary McCarthy, ihren Doktorvater Karl Jaspers sowie ihren zweiten Ehemann, den Militärhistoriker Heinrich Blücher.

Die Ausstellung im Literaturhaus entstand in Kooperation mit dem Deutschen Historischen Museum in Berlin unter der Regie von Raphael Gross. Die Projektleitung in München oblag Tanja Graf und Anna Seethaler. Die Raumsituation verlangte hier eine komprimierte, in Teilen völlig neu gestaltete Präsentation, die dem Verständnis nur gutgetan hat. Der gleichnamige Katalog, herausgegeben von Dorlis Blume, Monika Boll und Raphael Gross, ist im Piper Verlag erschienen, der das Werk von Hannah Arendt insgesamt publiziert.

Die Ausstellung »›Das Wagnis der Öffentlichkeit‹. Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert« ist bis zum 24. April im Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, von Montag bis Sonntag 11–18 Uhr zu sehen. Mehr Informationen unter www.literaturhaus-muenchen.de

Thüringen

Das Erbe der Simsons

Beim jährlichen Moped-Treffen in Suhl feiern Zehntausende den »Sound des Ostens«. Doch hinter der Kultmarke steht die Geschichte einer von den Nazis vertriebenen jüdischen Unternehmerfamilie

von Helmut Kuhn  30.07.2026

Fußball

Rot-Weiß verbindet

Vergangene Woche gründete sich mit den »FCB Chaverim« der deutschlandweit erste jüdische Fanklub des FC Bayern München

von Luis Gruhler  30.07.2026

Erinnerung

Für immer

Manchmal sind es die kleinen Dinge, von denen wir uns nie trennen würden. Wir haben Gemeindemitglieder gefragt, welche Gegenstände ihnen viel bedeuten

von Christine Schmitt  30.07.2026

Unterfranken

Dem Hass die Stirn bieten

Nach dem brutalen Angriff auf ein Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft riefen prominente Redner bei einer Mahnwache in Würzburg zum Widerstand gegen Antisemitismus auf

von Stefan W. Römmelt  30.07.2026

CSD

Vom Feiern zum Schock

Auch viele queere Jüdinnen und Juden tanzten fröhlich auf Berliner Straßen – bis der Anschlag geschah

von Christine Schmitt  29.07.2026

Lesen

Zehn Welten

Die Journalistin Anna Lutz hat Jüdinnen und Juden porträtiert und darüber ein Buch veröffentlicht. Entstanden sind Geschichten zwischen Nähe und Distanz

von Leon Stork  28.07.2026

Kino

»Das ist das Vermächtnis meines Vaters«

Alice Brauner setzt als Produzentin die Familientradition fort. Ein Gespräch über ihren neuen Film »Block 10«, Herausforderungen für Schauspieler und intensive Recherchen

von Christine Schmitt  28.07.2026

München

Vorhang auf für die Kids

Zum Start der Sommerferien führen die Kinder der Sinai-Grundschule ein Musical in englischer Sprache auf

von Luis Gruhler  28.07.2026

Worms

Ein Turm in der Erde

Seit ein paar Wochen können Besucher wieder die Mikwe besichtigen. Ein Ort mit einer langen Geschichte. Doch der Klimawandel hinterlässt seine Spuren

von Mascha Malburg  28.07.2026