München

Den Opfern eine Stimme geben

Christof Weigold, Christian Ude und Christian Springer (v.l.) Foto: Krimifestival München/Sabine Thomas

Es bleibt eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in München seit dem Ende des nationalsozialistischen Terrors: Am 13. Februar 1970 wurden im jüdischen Gemeindehaus in der Reichenbachstraße 27 bei einem Brandanschlag sieben Menschen ermordet. Das kaltblütige Attentat, bei dem das gesamte Treppenhaus mit Benzin übergossen und angezündet wurde, rief damals die schrecklichsten Erinnerungen an die Novemberpogrome 1938 wieder wach.

Die Bewohner des IKG-Seniorenheims, das im damaligen Gemeindehaus untergebracht war, hatten das Menschheitsverbrechen des Holocaust überlebt und sich trotz allem dafür entschieden, in München ihren Lebensabend zu verbringen. Ihre Namen waren in der Gemeinde wohlbekannt: Regina Rivka Becher, Max Meir Blum, Leopold Arie Leib Gimpel, Dawid Jakubowicz, Siegfried Offenbacher, Georg Eljakim Pfau und seine Frau Rosa Drucker. Unbekannt hingegen sind bis heute die Täter. Die Staatsanwaltschaft vermutet sie im links-extremistischen Umfeld.

Bei den Olympischen Spielen 1972 sollte der Terror schließlich einen ersten mörderischen Höhepunkt finden

Die Tat zeigte schon vor über einem halben Jahrhundert die neue Bedrohungslage für die jüdische Gemeinschaft, die nicht nur von rechts kam und kommt. Auch Terroristen aus dem Ausland wurden hinter der Tat vermutet. Nur drei Tage zuvor hatten palästinensische Terroristen auf dem Flughafen München-Riem versucht, eine Maschine der israelischen Fluggesellschaft EL AL zu entführen, und dabei den Passagier Arie Katzenstein getötet. Bei den Olympischen Spielen 1972 sollte der Terror schließlich einen ersten mörderischen Höhepunkt finden.

»Und er fand damit nicht sein Ende«, wie die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) Charlotte Knobloch in ihrem Grußwort zur Gedenkveranstaltung im Gemeindezentrum am Jakobsplatz hervorhob. »Der Judenhass kommt nicht aus dem Nichts. Er war immer da, ob aus den rechtsextremen, aber eben auch aus linksextremen und muslimischen Milieus. Es zieht sich eine blutige Spur von damals bis zum 7. Oktober 2023.«

In der nichtjüdischen Öffentlichkeit war der Anschlag in der Reichenbachstraße lange Zeit vergessen oder überhaupt nicht bekannt. Es war erst der Initiative des Kabarettisten Christian Springer zu verdanken, dass 2020, ein halbes Jahrhundert nach der Tat, die Landeshauptstadt zu einer Gedenkveranstaltung ins Alte Rathaus einlud. Springers Wut und Empörung über das Vergessen waren auch seinem Geleitwort am diesjährigen 13. Februar anzumerken: »Das ewige Vergessen und Wegschauen – das widert mich an.«

Eingeladen war an diesem Abend auch der Autor Christof Weigold, der den Brandanschlag in seinem Roman Das brennende Gewissen als historischen Krimi verarbeitet hat. »Vielleicht braucht es eine Auflösung des Falls in unserem Denken, auch wenn die Realität uns keine bietet«, meinte Weigold in der Hoffnung, ein neues Erinnern anstoßen zu können. Die Lesung aus seinem Buch verdeutlichte Weigolds genaue Vertrautheit mit dem Fall und den möglichen Tätermilieus.

Der Wunsch, den Opfern im und durch den Roman eine Stimme zu geben, zeigte sich nicht zuletzt in einer beklemmenden Szene, die die historisch bezeugten Rufe des vom Feuer im Dachgeschoss eingeschlossenen Max Blum in seinen letzten Momenten dokumentiert.

Das besondere Gedenken, das am 55. Jahrestag in Verbindung mit dem Münchner Krimifestival stattfand, wurde ermöglicht durch Ellen Presser vom Kulturzentrum der IKG und Festival-Leiterin Sabine Thomas.

Orthodoxie

»Koschere Haare sind teuer«

Chaya Chapoval über steigende Scheitelpreise, die Arbeit hinter einer Perücke und Rabbiner-geprüfte Haarteile

von Mascha Malburg  17.08.2026

Freiburg

Geschichten eines Onkels

Aviva Rabinovich recherchierte das Schicksal ihres Verwandten Konrad Goldmann – und widmet ihm zusammen mit dem Regisseur Nathan Lifschitz einen Dokumentarfilm

von Anja Bochtler  17.08.2026

Brandenburg

An einem Mittwoch in Cottbus

Was geschieht an einem ganz normalen Tag in einer jüdischen Gemeinde? Wir waren vor Ort und begegneten Menschen zwischen Chorproben und Amtsterminen

von Leon Stork  16.08.2026

München

Für die junge Generation

Künftig wird Rabbiner Elie Dues als Jugendrabbiner die religiöse Arbeit der Israelitischen Kultusgemeinde unterstützen

von Luis Gruhler  16.08.2026

Porträt der Woche

»Mein Glück war Alfred«

John Günther ist Künstler, religiös und lebte 62 Jahre mit seinem Mann zusammen

von Heike Linde-Lembke  16.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Sachsen-Anhalt

Polizeirabbiner vor der Wahl: Erstarken der AfD bereitet Sorgen         

Mehr Begegnung zwischen Juden und Nicht-Juden - das wünschen sich Deutschlands Polizeirabbiner. Sie bilden Polizeianwärter hierzulande fort und vermitteln jüdische Kultur. Seit fünf Jahren gibt es sie

von Nina Schmedding  13.08.2026

Ferien

Spiel, Spaß, Werte

Gerade beginnt der dritte Turnus der ZWST-Machanot. Bildungsreferentin Liya Cinciper über Heimweh, Handyzeiten und Kühlung bei Hitze

von Helmut Kuhn  13.08.2026

Hitze

Kühl beten, kühl bleiben

Gemeinden und jüdische Einrichtungen bekommen die hohen Temperaturen sehr zu spüren. Einige behelfen sich mit kalten Tüchern, manche mit Ventilatoren, andere haben Klimaanlagen

von Katrin Richter  13.08.2026