München

Das Schweigen brechen

Auf dem Podium: Joëlle Lewitan, Stephan Lebert, Louis Lewitan, Amelie Fried, Andreas Rebers (v.l.) Foto: Susanne Fink

Die Bühnenausstattung im Münchner Volkstheater war minimalistisch: fünf Sessel und seitlich am Bühnenrand ein E-Piano. Dieses allerdings war verdeckt durch einen verschlissenen Wandteppich, der einen röhrenden Hirsch zeigte – ikonografisches Objekt für die einstige Ausstattung deutscher Wohnzimmer.

Doch so weit liegt all das Vergangene gar nicht zurück, wie der mehrfach ausgezeichnete Journalist Stephan Lebert und der Psychologe und Stressexperte Louis Lewitan in ihrem Reportage-Band Der blinde Fleck darstellen. Ganz im Gegenteil: Viele Menschen schleppen in Deutschland die Altlasten der Vergangenheit, der missglückten Verdrängung von Traumata ihrer Familiengeschichten aus der NS-Zeit mit sich herum.

Ob das Schweigen in den Familien weitläufig aufbricht, weil Großeltern eher mit ihren Enkeln als ihren Kindern sprechen, weil 80 Jahre nach Kriegsende die Angst vor juristischer Verfolgung und Rechenschaft wegfällt oder weil jemand neugierig und nicht anklagend zu Werke geht wie Lebert und Lewitan, dies sei dahingestellt.

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Bei der Buchpräsentation erläuterten die beiden Autoren, wie sie in ihrem Buch zu dem Querschnitt von Befragten und Beiträgern kamen. Lewitan sprach Menschen bei jeder sich bietenden Gelegenheit an und fragte, ob sie Familiengeschichtliches preisgeben würden.

Moderatorin Amelie Fried befragte Lebert und Lewitan, die mit über 100 Menschen, namhaften wie Karl-Theodor zu Guttenberg und Ludwig Spaenle, aber auch dem sogenannten kleinen Mann und der kleinen Frau auf der Straße sprachen, nach den Ursachen für »das viel zu lange Schweigen« und was beim »Öffnen des Giftschranks der deutschen Erinnerung« zutage kam.

Louis Lewitan sprach Menschen bei jeder sich bietenden Gelegenheit an und fragte, ob sie Familiengeschichtliches preisgeben würden.

Lebert, der 2000 als Fortsetzung einer Interviewreihe seines Vaters Norbert Ende der 50er-Jahre mit Nachfahren von Nazi-Größen die noch Lebenden erneut befragte, und die Interviews seines Vaters und seine eigenen Erkenntnisse unter dem Titel »Denn Du trägst meinen Namen. Das schwere Erbe der prominenten Nazi-Kinder« veröffentlichte, spricht davon, dass die Menschen trotz des Schweigens spürten, dass in ihren Familien etwas nicht stimmte und dass dieses beredte Schweigen ihr eigenes Leben nachhaltig überschattete.

Lewitan, 1955 in Lyon als Sohn von Schoa-Überlebenden geboren und ab seinem zwölften Lebensjahr in München beheimatet, weist darauf hin, dass Verdrängung lebenswichtig sei, um den Alltag zu bewältigen. Doch es sei ebenso wichtig »zu lernen, mit den Ambivalenzen umzugehen«. Das Interaktive ist Lewitans Sache, selbst im vollen Saal im Volkstheater. Er bittet das Publikum, die Hand zu heben, wer meine, über das Leben der Eltern zwischen 1933 und 1945 Bescheid zu wissen. Etwa ein Drittel hebt die Hand. Ein erstaunlich gutes Ergebnis, wohl dem Umstand geschuldet, dass schon das Thema eine Vorauswahl der Interessierten bedeutet.

Der Kabarettist und Musiker Andreas Rebers, der die komplexe Geschichte seiner Großfamilie ausbreitete, sprach vom Glück, auf den einen oder anderen guten Lehrer gestoßen zu sein, und spielt zum Finale des intensiven Gesprächsabends das Lied »Wölfe im Mai« von Franz Josef Degenhardt, 1965 aufgelegt als Warnung vor der NPD und einer Neuauflage rechten Gedankenguts.

Jüngste Teilnehmerin war die angehende Sozialpsychologin und Mitautorin Joëlle Lewitan. Dem Jahrgang 1999 angehörig, macht sie sich Gedanken, »warum die Vergangenheit auch ihre Generation nicht loslässt«. Dabei ist ihr bewusst, dass das Schweigen in Täter- und Opferfamilien unterschiedliche Traumata betrifft.

Stephan Lebert und Louis Lewitan: »Der blinde Fleck. Die vererbten Traumata des Krieges und warum das Schweigen in den Familien jetzt aufbricht«. Wilhelm Heyne, München 2025, 302 S., 24 €

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