Porträt der Woche

»Das möchte ich aufbewahren«

»Ich möchte auf jeden Fall weiter lernen – das ist etwas elementar Jüdisches«: Minka Pradelski lebt in Frankfurt. Foto: Rafael Herlich

Porträt der Woche

»Das möchte ich aufbewahren«

Minka Pradelski ist Soziologin und schreibt Romane über Schoa-Überlebende

von Eugen El  30.08.2020 08:57 Uhr

Meine Eltern kommen aus Polen. Sie sind nach der Schoa in Frankfurt gestrandet. Ich wurde 1947 in einem DP-Lager in Frankfurt-Zeilsheim geboren. Wir sind dann mit den Eltern nach Amerika ausgewandert und haben eine Zeit lang dort und in Kanada gelebt. 1955 kehrten wir nach Frankfurt zurück, weil die Eltern sich nicht so gut in Nordamerika etablieren konnten.

Meine Mutter hat sehr großen Wert darauf gelegt, dass wir Sprachen lernen, und so bin ich auf eine französische Schule gegangen. Wir hatten dort ganz andere Ferienzeiten, sodass ich nie mit dabei war, wenn Machanot der ZJD oder der ZWST stattgefunden haben. Ich habe immer mit einem eifersüchtigen Auge dahin geschielt, weil die anderen in dieser jüdischen Gemeinschaft so viel Spaß und Freude hatten. Dies habe ich zum Glück als Erwachsene nachholen können.

Jugend-Alija Meine Eltern haben sich sehr für das jüdische Leben in Frankfurt engagiert. Meine Mutter hat mit Freundinnen die Jugend-Alija wiedergegründet, mein Vater war zwei Jahre vor seinem Tod – er ist sehr früh gestorben – auch im Vorstand der Gemeinde. Die beiden haben das Hotel Excelsior am Frankfurter Hauptbahnhof betrieben.

Bei der Eröffnung im Jahr 1960 hatte ich eine sehr ehrenvolle Aufgabe: Ich durfte mit Kleiderbügeln von Zimmer zu Zimmer gehen und bei den Gästen nachfragen, ob sie genügend Kleiderbügel im Zimmer haben. Ich weiß nicht, was sie dachten, als eine 13-Jährige an die Tür klopfte und sie mit Kleiderbügeln versorgte. Aber das hatte zur Folge, dass ich heute, wenn ich in ein Hotelzimmer gehe, als Erstes den Kleiderschrank öffne und die Bügel zähle.

Meine Eltern betrieben früher das Hotel Excelsior – es war mein zweites Zuhause.

Dieses Hotel war unser zweites Zuhause. Ein Großteil unseres Familienlebens hat sich dort abgespielt. Um 1962 hat die israelische Fluggesellschaft EL AL in unserem Hotel zwei Zimmer gemietet, und das war ihr erstes Büro in Deutschland. Keren Hayesod und andere jüdische Organisationen haben dort getagt. Man ist seinerzeit mit dem Zug angereist, und da brauchte man nur über die Straße zu gehen und war im Hotel. Es war ein beliebter Treffpunkt.

HEIMAT Ich habe in Frankfurt Soziologie studiert. Das war in dieser faszinierenden 68er-Zeit. Wir hatten den dringenden Wunsch, die Gesellschaft zu verändern. Es waren große Ideale und Vorstellungen. Als Soziologin war man wirklich gefordert.

Ich habe das Studium sehr ernst genommen, habe nach Antworten gesucht auf Fragen, die mich berührt haben. Es gab damals auf den Faschismus und den Nationalsozialismus nur eine akademische Antwort. Sie hat mich nicht befriedigt. Ich habe mich damals auch sehr für den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) interessiert. Ich habe mich dort angenähert und geglaubt, dass ich eine geistige Heimat finden könnte. Aber es war wohl eine Enttäuschung. Ich habe festgestellt, dass es nicht die Beantwortung meiner Fragen ist.

Dann habe ich meinen Mann kennengelernt. Eine Zeit lang habe ich in München gelebt. Dann sind wir nach Frankfurt zurückgekommen und geblieben. Frankfurt ist für mich eine Heimatstadt, in der ich gern lebe. Wenn ich aber aus der Zeitung oder im Radio über rechtsextreme Vernetzungen bei der Polizei und die verschiedenen Anschläge, die hier in der Umgebung stattgefunden haben, erfahre, dann bin ich auf der einen Seite entsetzt. Andererseits bin ich bereit, dafür zu kämpfen, dass etwas dagegen getan wird.

Als Erwachesene habe ich mit der Reise ins Machane etwas nachgeholt, was ich als junges Mädchen versäumt hatte.

1975 wurde unsere Tochter geboren. Als sie in den jüdischen Kindergarten und die jüdische Schule ging, haben wir sehr viele neue Freunde gewonnen. Diese Freundschaften haben sich bis heute erhalten. Es war ein neues Kennenlernen in der Rolle als Mutter und als Vater. Das hat mir sehr viel bedeutet und tut es noch immer.

ZWST Eine Initiative zu meiner weiteren Arbeit kam von Beni Bloch sel. A. Er hat sehr viel für jüdische Erziehung und Aufklärung getan. Auf einer ZWST-Veranstaltung, die er organisiert hatte, habe ich den Psychoanalytiker Hillel Klein kennengelernt. Er hat mich zum Nachdenken gebracht, inwieweit die Schoa das Leben der zweiten Generation mitbestimmt hat. Dieses Nachdenken hat zu weiteren Projekten meinerseits geführt.

So bat mich Beni Bloch etwa, für die 75-Jahr-Feier der Zentralwohlfahrtsstelle einen Film zu machen. Dafür habe ich den Filmregisseur Eduard Erne gewinnen können. Wir haben zusammen den Film Zedaka. Jüdische Integrationsarbeit in Deutschland gemacht. Dafür sind wir mit der ganzen Gruppe, den Madrichim und Chanichim, nach Italien gefahren.

Im Bus habe ich etwas nachgeholt, was ich als junges Mädchen versäumt hatte. Wir waren zwar diejenigen, die den Film über die ZWST und das Machane gedreht haben, aber ich habe darüber hinaus noch für mich eine innere Befriedigung erfahren, dass ich wenigstens einmal mit dabei war. Das hat mich sehr glücklich gemacht.

ZEUGNIS Als die Shoah Foundation begann, in Frankfurt Interviewer zu suchen, habe ich mich sofort gemeldet. Schon durch Hillel Klein ist in mir der Wunsch entstanden, zu helfen und Interviews zu führen, um denjenigen, die Zeugnis ablegen wollen über das, was sie erlebt und gesehen haben, die Möglichkeit zu geben, es zu erzählen. Wir haben ziemlich viele Interviews geführt.

In Mannheim bat mich ein Interviewter, dass ich seine Stadt Bendzin nicht vergessen möge. Ich habe dann ein paar Interviews mit seinen ehemaligen Schulkameraden gemacht. Da ist ein Funke übergesprungen. Und der hat mich so tangiert, dass ich gesagt habe: Das möchte ich aufbewahren, und ich möchte es in Form eines Romans gestalten. So ist durch diese Arbeit das Buch Und da kam Frau Kugelmann entstanden.

Vor acht Jahren habe ich eine Recherche über die Zeit unmittelbar nach dem Krieg begonnen. Ich sehe sie als eine wesentliche Zeit an. Ich habe recherchiert, wie in dieser Zeit Partner zusammengekommen sind, wie man sich wieder gefangen, ein neues Leben geformt hat. Ich habe dann auch Freunde und Bekannte aus der zweiten Generation über ein paar Elemente und Bruchstücke, die sie noch wussten, befragt, um ein bisschen in die Atmosphäre der damaligen Zeit einzutauchen.

NEUBEGINN Meine Mutter hatte mir gesagt, als die Judenverfolgungen in Polen begannen, habe sie das Gefühl gehabt, als hätte sich die Nacht herabgesenkt. Mein neues Buch handelt von der Zeit unmittelbar nach der Befreiung. Deswegen habe ich es Es wird wieder Tag genannt – weil es wieder der Neubeginn des Lebens war.

Ich sehe es als meine Aufgabe an, mit dem, was ich tue, die Erinnerung in Romanform zu vergegenwärtigen.

An diesem Buch habe ich sehr lange gearbeitet. Darin kommt es darauf an, die Situation nach dem Krieg, die eng mit dem Holocaust verwoben war, darzustellen. Hillel Klein hatte mich auf den Gedanken gebracht, dass die Erinnerung lebendig gehalten werden muss.

Ich sehe es als meine Aufgabe an, mit dem, was ich tue, die Erinnerung in Romanform zu vergegenwärtigen. Es gibt auch historische Studien über diese Zeit, aber sie haben nur eine spezifische Leserschaft. Romane haben eine viel größere Verbreitung. Ich liebe Bücher und denke, dass man über Bücher sehr viel erfahren und erleben kann. Es ist wie eine Reise, die man unternimmt.

Mit meinem zweiten Buch habe ich die Hoffnung, dass ich zu der Reise, die dort beschrieben wird, auch Leserinnen und Leser finden werde, die sich vielleicht nicht so sehr für die Schoa interessieren oder sich sogar von dem Thema abgewandt haben, und sie dann doch mit meinem Buch erreiche.

ZUGEHÖRIGKEIT Das jüdische Leben meiner Eltern war traditionell, aber nicht tief religiös. Ich feiere traditionell alle Feiertage mit meiner Familie und meinen Freunden, und es bedeutet mir sehr viel. Die Westend-Synagoge besuche ich zu den Hohen Feiertagen und sitze seit Jahrzehnten auf demselben, fast möchte ich sagen: angestammten, Platz, auf dem meine Mutter zuvor gesessen hatte.

Ich bin fest eingebunden in lange Beziehungen zu meinen jüdischen und nichtjüdischen Freundinnen und Freunden. Durch meine Arbeit werde ich überall als Jüdin wahrgenommen. Ich selbst fühle mich zugehörig zum Judentum. Das ist ein ganz starker innerer Bezug. Er hat verschiedene Schattierungen: eine starke kulturelle Komponente und eine Zugehörigkeit, bedingt durch das, was in der Schoa passiert ist. Es ist auch eine Gemeinschaft, die dadurch entstanden ist.

Zudem habe ich einen starken Bezug zu Israel. Ich vermisse das Land, wenn ich länger nicht dort war. Ich habe noch vor, mich in Religiöses zu vertiefen. Das wäre auch eines meiner nächsten Projekte. Ich möchte auf jeden Fall weiter lernen. Das ist etwas elementar Jüdisches. Und ich möchte eventuell noch einmal schreiben. Ich habe auf jeden Fall noch viel vor.

Aufgezeichnet von Eugen El

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