Biografie

Das Leben der Rosenfelds

Leben in zwei Welten heißt das Buch, das Erich Kasberger und Marita Krauss im Volk Verlag München herausgebracht haben. Es sind die Tagebücher der jüdischen Eheleute Else Behrend-Rosenfeld und Siegfried Rosenfeld. Das Kulturzentrum der IKG München und die Regionale Arbeitsgruppe des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie haben das Leben und die von den Herausgebern kommentierten Dokumente im Hubert-Burda-Saal im Gemeindezentrum am Jakobsplatz vorgestellt.

Im zweiten Teil des Abends sprachen die Tochter der Rosenfelds, Hanna Cooper, und Präsidentin Charlotte Knobloch unter dem Titel »Töchter und Väter – Zeitzeuginnen berichten« über ihr persönliches Schicksal. Unter dem Titel An Old Lady Remembers war das autobiografische Interview von Else Behrend-Rosenfeld zwischen April und Mai 1963 in 23 Sendungen in der BBC ausgestrahlt worden.

Das jetzt veröffentlichte Buch ist, wie die Historikerin Marita Krauss in ihrer Einführung sagte, die Geschichte von Juden und einer großen Liebe. In einer viele Jahre dauernden Recherchearbeit haben sich die beiden Herausgeber auf die Spuren der Familie Rosenfeld begeben.

Pogromnacht Erich Kasberger war auf das Thema gestoßen, als er als Lehrer mit seinen Schülern ein Projekt über ein Internierungslager durchführte. 381 Druckseiten sind das Ergebnis – und ein Hörbuch aus einer Produktion des Bayerischen Rundfunks unter Redaktion von Gabriele Förg. Im Mittelpunkt stehen dabei stets die Aussagen der beiden Überlebenden.

Die zum besseren Verständnis und für die historische Einordnung wichtigen begleitenden Bemerkungen sind im Buch am Außenrand der jeweiligen Seiten hinzugefügt. Diesem Prinzip sind die Historiker Erich Kasberger und Marita Krauss auch an diesem Abend treu geblieben. Die Lesestimmen der Briefe und Tagebücher der Rosenfelds waren diejenigen von Karin Anselm und Stefan Merki.

Der 10. November stand am Beginn der Lesung: Die Familie hatte nach den Ereignissen der Pogromnacht beschlossen, nach München zu gehen, meinte, in er Großstadt sicherer zu sein als in der überschaubaren Umgebung an ihrem Wohnort Icking. Doch das sollte sich als Irrtum erweisen. Hotels und Pensionen war es verboten worden, Juden aufzunehmen. Else Rosenfelds Resümee: »Studenlang sind wir so durch die Straßen gelaufen, wie in einen Hexensabbat versetzt kam ich mir vor.« Diese Zeilen und die Hilflosigkeit und Verzweiflung wurden am Ende der Veranstaltung noch einmal deutlich, als Hanna Cooper und Charlotte Knobloch über diese Tage sprachen.

Auch Charlotte Knobloch irrte als Kind in diesen Tagen an der Hand ihres Vaters durch die Stadt, beide Familien ahnten die Ausweglosigkeit und suchten dennoch nach einem Weg für ein Überleben. Anders als für Hanna Rosenfeld war für Charlotte Knobloch die Stadt vertraut. »Ich kann mich noch sehr gut an die rauchende Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße erinnern. Dort habe ich auch meine Kindergarten- und Schulzeit verbracht.

Als ich das sah, habe ich angefangen zu weinen und mein Vater hat michsofort weggezogen von dieser schwei-genden Menge.« Sie kamen am Kaufhaus Uhlfelder vorbei. Sie erinnert sich noch heute an die eingeschlagene Schaufenster. Weiter gingen die beiden dann Richtung Sendlinger-Tor-Platz. Der Vater wollte zu seinem Kollegen Rothschild, aber »wir waren zu spät. Als wir kamen, wurde der Justizrat auf die Straße geführt.«

Familie Während sie ein inniges Verhältnis zu ihrem Vater hat, muss Hanna auf die Frage nach »Töchtern und Vätern« in der abschließenden Gesprächsrunde zugeben, dass der engagierte Vater während der Berliner Jahre wenig Zeit für die Kinder hatte. Erst in Bayern wuchs dann der Kontakt »Viel besser habe ich ihn dann ihm Exil kennengelernt«, sagte sie.

Der Umzug nach Bayern hatte für die Familie des bereits 1932 als preußischen SPD-Abgeordeten kaltgestellten und als Ministerialdirigenten im Justizministerium pensionierten Siegfried Rosenfeld somit keine Sicherheit gebracht. Immerhin gelang ihm im August 1939 die Ausreise nach England. Auch die Kinder konnten Deutschland verlassen.

Dass Else Rosenfeld einer Deportation in letzter Minute entkam, ist nahezu ein Wunder. Dazu schrieb sie an Ostern 1942: »Ostersonntag! Auferstehungstag! War es nicht etwas wie eine Auferstehung, die ich selbst erfuhr? Bedeutete das nicht Auftrag und Verpflichtung in einem besonderen Maße?«

Angst und Ungewissheit beherrschen die Gedanken der Eheleute, die nur über Umwege indirekt Kontakt zueinander halten können. 1944 gelang Else Rosenfeld die Flucht in die Schweiz, ihre Tagebücher im Rucksack. Dort wurden sie 1945 erstmals veröffenlicht.

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