Porträt der Woche

Dankbar für die Chance

Joseph Bousso ist Musiker aus New York und trat schon oft mit Daniel Barenboim auf

von Gerhard Haase-Hindenberg  06.03.2017 19:59 Uhr

»Ich blicke optimistisch in die Zukunft«: Joseph Bousso (40) lebt in Berlin. Foto: Stephan Pramme

Joseph Bousso ist Musiker aus New York und trat schon oft mit Daniel Barenboim auf

von Gerhard Haase-Hindenberg  06.03.2017 19:59 Uhr

Während meines Musikstudiums in den USA habe ich hauptsächlich symphonische Musik gelernt. Aber nachdem ich wusste, dass ich Dirigent werden wollte, habe ich mich immer mehr auch für Opern interessiert, also für die Arbeit mit Sängern. Als ich 2002 das Studium an der Juilliard School of Music in New York beendete, gab mir ein Kommilitone den Tipp: »In Deutschland gibt es einen guten Weg, an einem Opernhaus als Korrepetitor zu beginnen und dann Kapellmeister zu werden.« Nun kannte ich Deutschland schon ein ganz klein wenig, da ich auf Einladung von Daniel Barenboim zweimal an Workshops in Weimar teilgenommen hatte. Also sagte ich mir: Why not?

Kurz darauf kam ich zum Vorspiel nach Deutschland und bekam mein erstes Engagement in Passau. Nach einem Jahr ging ich als »Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung« für zwei Spielzeiten ans Opernhaus in Freiburg. Dort hatte der Erste Kapellmeister eine sehr schöne Aida-Aufführung einstudiert. Da er aber nicht alle Vorstellungen wahrnehmen konnte, überließ er mir das Pult. Anschließend ging ich an die Hamburger Staatsoper, wo ich leider nicht so viel dirigieren konnte. Als Korrepetitor aber habe ich dort sehr viel Opernrepertoire gelernt. In dieser Zeit wurde ich auch Chefdirigent des Landesjugendorchesters, wo ich wieder symphonische Musik dirigieren konnte.

Dann kehrte ich dorthin zurück, wo ich Deutschland kennengelernt hatte: Ich wurde Zweiter Kapellmeister am Nationaltheater in Weimar. Und danach war ich am Theater in Koblenz in der Position des Ersten Kapellmeisters engagiert – alles in allem also der klassische Weg, den viele Dirigenten und Musiker auch vor mir schon beschritten haben.

familie Meine beiden Großelternpaare lebten in Ägypten, als unter dem Präsidenten Nasser im Jahr 1956 alle Juden das Land verlassen mussten. Das war quasi ein zweiter Exodus. Beide Familien gingen unabhängig voneinander nach Frankreich, da sie in der Schule Französisch gelernt hatten.

Es war aber in Frankreich für Juden nicht viel besser als in Ägypten, und so entschieden sie sich, nach New York auszuwandern. Übrigens hatte mein Großvater väterlicherseits eine Torarolle aus Ägypten gerettet und brachte sie nun in eine Synagoge in Brooklyn. Meine anderen Großeltern hatten in New York leider tragische Schicksale. Der Großvater erlitt einen Schlaganfall, und meine Oma ist von einem Auto angefahren worden. Nun lebten sie in einem jüdischen Pflegeheim in Brooklyn. Dort stand ein Klavier, und darauf habe ich manchmal gespielt, wenn ich sie besucht habe. Das war meine Art, die Liebe zu dieser Familie zu zeigen.

Meine Eltern wurden beide noch in Ägypten geboren, haben sich aber erst in New York kennengelernt. Als ich sechs Jahre alt war, sagte ich zu meiner Mutter, dass ich gern lernen würde, Klavier zu spielen. Und sie stimmte zu. Später hat meine Mutter einmal erzählt, dass sie, als sie mit mir schwanger war, immer klassische Musik auf Schallplatten gehört habe. Etwa Mozarts Sinfonie Nr. 40 in G‐Moll oder Beethovens 5. Sinfonie. Heute weiß man ja, dass ein ungeborenes Kind in diesem Stadium schon Empfindungen hat und in der Lage ist, solche Reize aufzunehmen.

flügel Ich kann nicht genau sagen, wann ich beschlossen habe, Musiker zu werden. Meine ersten Klavierlehrer waren nicht sonderlich motivierend. Aber meine Technik hat sich entwickelt, und ich fand andere Lehrer, die mich weiterbrachten.

Mein Großvater war kurz vor meiner Barmizwa gestorben. Eine Feier kam daher ohnehin nicht infrage. Stattdessen kauften mir meine Eltern einen Konzertflügel. Das war doch besser als eine Party, die ja nur eine Nacht dauert. Ein solches Instrument aber hat man sein ganzes Leben.

Mit der Zeit gewann ich Wettbewerbe an der Highschool und begann, mit Orchestern aufzutreten. Interessanterweise hat man ja als Kind nicht solche Ängste wie als Erwachsener. Und wenn man so wundervolle Eltern wie ich hat, die einem Liebe und positive Energie geben, scheint alles möglich.

Meine Eltern sind im Laufe der Jahre religiöser geworden. Mein Vater hatte früher wenig Kontakt mit der Religion. Aber als mein Großvater starb, ging er ein Jahr lang Tag für Tag zur Synagoge, um Kaddisch zu sagen. Für seine Mutter machte er das später auch. Er spricht auch immer Jiskor für seine Eltern. Ich habe meinen Vater oft morgens vor der Schule zu einer sefardischen Synagoge begleitet. Für mich war es immer ein gutes Gefühl, den Tag damit zu beginnen, Gott dafür zu danken, dass man gesund ist und eine wunderbare Familie hat.

ausbildung Ich habe an der Manhattan School of Music am Pre‐College‐Programm für Klavier teilgenommen, also noch bevor ich die Hochschule besuchte. Das lief parallel zur Highschool. Nach meinem Abschluss bin ich an das Curtis Institute of Music in Philadelphia gegangen, um das Dirigieren zu studieren, und zwar bei Otto‐Werner Mueller, einem sehr strengen Dirigierlehrer aus Deutschland. Nach drei Jahren wechselte ich an die Juilliard School of Music in New York, wo Mueller aber auch unterrichtete. Von ihm habe ich sehr viel gelernt, vor allem auch die Freude am Lernen.

Im Sommer 1999 wurde ich von Daniel Barenboim zum »West‐östlichen Divan‐Workshop« in Weimar eingeladen. Ein ägyptischer Sänger und Pianist hatte mich empfohlen, der mich an der Juilliard School of Music erlebt hatte.

So kam ich also nach Weimar und durfte hospitieren, als Barenboim unter anderem Beethovens 7. Sinfonie probte. Dann spielte ich dort Kammermusik, was die anderen Pianisten gar nicht spielen wollten, weil sie das als eine Musik zweiter Klasse betrachteten. Das kannte ich schon von der Juilliard. Ich aber musiziere gern mit anderen, und so habe ich in jenem Sommer das Bläserquintett von Mozart am Klavier begleitet.

widerspruch Als ich bei unserer ersten Begegnung zu Barenboim sagte, dass ich jüdisch sei und meine Eltern aus Ägypten stammten, sagte er nur: »Das ist nicht das Thema dieses Workshops!« Die Leute aus dem Orchester wussten gar nicht genau, wo sie mich einordnen sollten – auf der israelischen oder der arabischen Seite. In einer gewissen Weise bin ich eigentlich beides. Barenboim hatte den Workshop mit dem palästinensischen Autor Edward W. Said gegründet. Beide sagten, dass die unterschiedlichen politischen Ansichten hier keine Rolle spielen sollten, man sei zusammengekommen, um Musik zu machen.

Daniel Barenboim hat uns ermöglicht, das ehemalige KZ Buchenwald zu besichtigen, was die arabischen Teilnehmer gar nicht kannten. Niemand hatte ihnen beigebracht, was in Deutschland mit den Juden passiert ist. Barenboim machte es aber auch möglich, dass wir Aufführungen der Wagner‐Festspiele in Bayreuth besuchen konnten. Da erst habe ich mich mit der Person und der Musik Wagners beschäftigt.

Ich muss seither mit dem Widerspruch leben, dass ich seine Musik liebe, aber seine antisemitische Haltung natürlich verachte. Als Künstler ist er ein Genie, aber als Menschen kann ich ihn nicht respektieren – ein vollkommen widersprüchlicher Charakter.

zukunft Während des Studiums hatte ich hauptsächlich symphonische Musik dirigiert, nun aber wollte ich lernen, Opern zu dirigieren. Barenboim sagte, ich solle Elektra von Richard Strauss studieren, aber auch die Musik von Wagner.

Ich habe dann 2000 an der Juilliard die Meistersinger-Ouvertüre einstudiert. Ich finde, es ist der Höhepunkt eines jeden Dirigenten, diese Musik zu dirigieren. Wagners Einfluss auf andere Komponisten kann das geübte Ohr überall hören.

Drei Jahre später kam ich also nach Deutschland, und ich bin diesem Land sehr dankbar. Dafür, dass ich hier die Chance hatte und habe, mir ein großes Opernrepertoire aufzubauen und auch symphonische Konzerte und Ballettabende zu dirigieren. In Amerika wäre mir das in solch kurzer Zeit sicher nicht möglich gewesen. Deshalb blicke ich zuversichtlich in die Zukunft, obgleich ich derzeit keine feste Anstellung habe.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase‐Hindenberg

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