Chemnitz

Couscous und Lammragout

Sie haben sich nie die Butter vom Brot nehmen lassen, und nun gab es ordentlich zu feiern: Vor genau 20 Jahren öffnete das »Schalom« in Chemnitz – einziges jüdisches Restaurant im Freistaat Sachsen. Gemeindemitglieder, Geschäftsreisende, Touristen, Wissenshungrige, Künstler – und ja: auch Polit-Promis – geben sich hier regelmäßig die Klinke in die Hand.

Im »Schalom« wird geschlemmt – koscher natürlich –, gut getrunken, musiziert, getanzt und intellektuell debattiert, wenn es sein muss, auch über die Schließzeit hinaus. So war zu erwarten, dass auch am vergangenen Sonntag, dem eigentlichen 20. Geburtstag, bei den Brüdern Uwe und Lars Dziuballa der Laden gehörig brummen würde.

Das Leipziger Musiker-Trio »Rozhinkes – die Kleyne Kapelye« bot Klezmer vom Feinsten. Falafel, Hummus und orientalische Salate entzückten ebenso wie eine riesige Geburtstagscremetorte, und der Chor der Gratulanten wollte einfach nicht abreißen.

Polit-Prominenz Stadträtin Almut Patt war ebenso erschienen wie Polizeipräsidentin Sonja Penzel, die Künstler Osmar Osten und Evgeniy Potievsky, der Kabarettist Uwe Steimle, das Chemnitzer Jazz-Urgestein Harald Krause und Mitglieder des gleichnamigen Vereins »Schalom«.

Wichtig war den Brüdern Dziuballa an diesem Tag der ungetrübten Freude, das ganze Team im Arm zu haben. Dazu gehört Mutter Dagmar Dziuballa, die gern die Vorspeisen und Desserts kreiert, ebenso wie Chefkoch Ralf Tröger, ursprünglich aus Zwönitz und schon seit 19 Jahren im »Schalom« dabei. Stolz verweist er darauf, dass man es schon 2018 in den Guide Michelin geschafft hat.

neonazis Dabei waren die 20 Jahre nicht immer ungetrübt. Am 27. August 2018 wurde das Restaurant von etwa einem Dutzend Neonazis nach einem Vortrag angegriffen. Die vermummten, in Schwarz gekleideten Täter riefen »Hau ab aus Deutschland, du Judensau« und bewarfen das Lokal mit Steinen, Flaschen und einem abgesägten Stahlrohr. Der Eigentümer Uwe Dziuballa wurde von einem Stein an der rechten Schulter getroffen und verletzt, eine Fensterscheibe ging zu Bruch, die Fassade wurde beschädigt.

Das will man bei der Geburtstagsfeier vergessen machen. Couscous mit Lammragout ist ein großer Renner im Lokal, wie auch verschiedenste Gerichte mit Latkes. »Die Menü-Karte hat sich bewährt«, verrät Tröger.

»Ein gutes kulinarisches Angebot hat für uns oberste Priorität«, sagt Uwe Dziuballa, »aber die täglichen Begegnungen zählen ganz genauso. Natürlich gibt es Leute, die immer wieder kommen, aber wir haben kein festgelegtes Publikum. Willkommen ist jeder, und hier geht die interkulturelle Begegnung erst einmal durch den Bauch.«

Das Restaurant wird auch gern als Location für Geburtstagsfeiern genutzt.

Von nah und fern kommen Menschen, um sich über Judentum und Israel zu informieren, oder auch, um mit Lars Dziuballa Details zur Kaschrut und anderen jüdischen Bräuchen zu diskutieren.

»Ich bekomme hier auf jede Frage eine Antwort, auch wenn ich sie zum hundertsten Mal stelle, und es gibt immer wieder Neues zu erfahren«, freut sich Stammgast Andrea Pötzsch. Nicole Ihle, ebenfalls häufig im »Schalom« zu Gast, pflichtet ihr bei: »Die Atmosphäre ist offen, herzlich und direkt, das spüren auch die Kinder und Jugendlichen. Mein Sohn ist neun Jahre alt und feiert hier gern seinen Geburtstag.«

Gastfreundschaft Stadträtin Almut Patt spricht von der großen Gastfreundschaft des Hauses und betont: »Wir sind dem Schalom und seinen Betreibern dankbar für eine unaufdringlich und lebendig vorgelebte Religiosität.«

Keine Frage, das Restaurant ist auch ein Ort, an dem Freundschaften geschlossen werden, über kulturelle, mentale, religiöse Differenzen hinweg. Es sei zugleich ein Platz, »wo du immer einen Tisch findest, wenn dir im Leben gerade mal der Boden unter den Füßen schwindet«, sagt der Chemnitzer Jazzklub-Leiter Harald Krause.

»Im ›Schalom‹ geht die interkulturelle Begegnung erst einmal durch den Bauch.«Uwe Dziuballa

»Unsere Gäste und Freunde geben uns viel Kraft zurück«, erwidert Uwe Dziuballa. »Das ist unschätzbar wertvoll, denn in 20 Jahren Schalom hat es eben auch Tiefen und schwierige Momente gegeben.«

Engagement

Grenzenlose Solidarität

Spenden und Gespräche: Die jüdische Community ist schockiert über die dramatische Lage in der Ukraine und hilft – jeder so, wie er kann

von Christine Schmitt  05.02.2026

Gesellschaft

Einfach machen!

Seit dem Jahr 2000 zeichnet die amerikanische Obermayer Foundation ehrenamtlich engagierte Bürgerinnen und Bürger aus. So wie am vergangenen Sonntag im Jüdischen Museum in Berlin

von Katrin Richter  05.02.2026

Hilfe

Wärme schenken

Die Mitzwe Makers unterstützen mit der »Warmnachten«-Aktion obdachlose Menschen in der kalten Jahreszeit mit Sachspenden

von Esther Martel  04.02.2026

Podcast

Von Adelheid bis Henriette

Journalisten und Historiker gehen dem Leben jüdischer Frauen im 19. und 20. Jahrhundert nach

von Katrin Richter  04.02.2026

Umwidmung

Kein Zeitplan für Yad-Vashem-Straße in Berlin

Nach der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem soll ein Straßenabschnitt im Herzen von Berlin benannt werden. Bislang ist unklar, wann dies erfolgt

 03.02.2026

Tu Bischwat

Erste Blätter

Wie stellen sich jüdische Kinder das Neujahrsfest der Bäume vor? Wir haben einige Mädchen und Jungen gebeten, für uns zu malen

 02.02.2026

Berlin

Lehrerin und Heimatforscher mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die US-amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr wurden vier Personen und eine Initiative geehrt

 01.02.2026

Porträt der Woche

Willkommen zu Hause

Laurette Dassui wuchs in Paris auf und entdeckte in Berlin ihr Jüdischsein neu

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.02.2026

München

Wege aus dem Hass

Der amerikanisch-israelische Psychologe Dan Ariely und Guy Katz sprachen im »Prof-Talk« über Antisemitismus aus unterschiedlicher Perspektive

von Esther Martel  31.01.2026