Synagogalmusik

Botschafter für Berlin

Neu in diesem Jahr: Nach dem Eröffnungskonzert in der Synagoge Pestalozzistraße präsentieren sich die Berliner Kantoren. Foto: Rolf Walter

Der Sternenhimmel ist beim Louis-Lewandowski-Festival immer wieder titelgebend – ob 2012 für »Das magische Dreigestirn«, im darauffolgenden Jahr für »Das zerrissene Firmament« oder, wie im vergangenen Jahr, für »Star & Stripes«. Auch in seinem fünften Jahr, dem ersten Jubiläum des Festivals der Synagogalmusik, treten an verschiedenen Veranstaltungsorten in Berlin und Potsdam Chöre aus Moskau, London, Jerusalem, Tel Aviv und Berlin auf – diesmal zur Themenvorgabe »Das östliche Firmament«.

Gemeint ist damit die Musik der osteuropäischen »Chor Shul«. Nachdem im vergangenen Jahr die Werke deutsch-jüdischer Komponisten im Mittelpunkt standen, die in die USA ausgewandert waren, widmet sich das Festival diesmal Komponisten wie Nissan Spivak (1824–1906), Jacob Samuel Morogowsky (1856–1943), Nissan Blumenthal (1805–1903), Jacob Bachmann (1846–1905) und Baruch Schorr (1823–1904).

chor shul Sie alle gehörten zu den Kantoren in Osteuropa, die die Musik Lewandowskis in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem ganz eigenen Stil inspirierte – der »Chor Shul«. Ihnen ist es zu verdanken, dass sich die osteuropäisch-jüdische Kultur zunehmend dem Westen öffnete.

Unter dem Einfluss von Lewandowskis Liturgie schufen sie einen neuartigen Stil, in dem der Chor auf westliche Art sang, während der Kantor freie und blumige Rezitative vortrug. Dieser Stil erfreute sich enormer Popularität – bald darauf entstanden in vielen Orten Russlands, Polens, Litauens, Lettlands, Ungarns und Rumäniens »Chor Shul« genannte Synagogen, für die zahlreiche Kantoren und Chorleiter eigene Melodien komponierten.

»Die osteuropäischen Kompositionen werden uns vom Hocker hauen«, ist Heinz Rothholz überzeugt. Der Vereinsvorstand der Freunde und Förderer des Synagogal-Ensemble-Berlin e.V. erinnert sich voller Begeisterung an das erste Abschlusskonzert in der Synagoge Rykestraße. »In dieser Synagoge hatte ich meine Barmizwa und meine Tochter ihre Namensgebung – und nun kommen hier Juden aus aller Welt zusammen: nicht um zu beten, sondern um miteinander zu musizieren.«

emotional Das Lewandowski-Festival sei für ihn aber auch aus anderen Gründen »unerhört emotional«: weil jedes Jahr so viele Menschen diese Musik hören wollen, dass sie »kaum in die Synagogen passen«.

Auch Festivaldirektor Nils Busch-Petersen ist vom regen Zuspruch des Publikums begeistert. Bereits eine Woche vor Konzertbeginn seien schon mehr als zwei Drittel der Karten für das Abschlusskonzert verkauft. Das Festival werde seit seiner Premiere 2011 in einem »beglückenden Umfang angenommen«, freut sich der Festivaldirektor.

Das liegt aus seiner Sicht gleichermaßen an der emotionalen wie auch der künstlerischen Anziehungskraft. Auch in diesem Jahr habe es 14 ernst zu nehmende Bewerber gegeben, berichtet er. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren habe man sich jedoch diesmal für fünf Chöre statt bislang sieben entschieden. »So hat jeder Chor viel mehr Zeit, seine Umsetzung der Themenvorgabe ›Chor Shul‹ zu präsentieren.«

Neu sei auch das Konzert von Berliner Kantoren im Anschluss an die Eröffnung am Donnerstag. Die Gastmusiker würden zudem in Workshops miteinander arbeiten.

ohrenschmaus Regina Yantian, künstlerische Leiterin des Festivals und Chorleiterin des Synagogal-Ensemble-Berlin in der Synagoge Pestalozzistraße, fiebert besonders der Eröffnung entgegen. »Diese geniale Musik ist ein Ohrenschmaus – es ist beste romantische Chormusik«, schwärmt Yantian.

»Für uns ist es wichtig, osteuropäische Chöre zu präsentieren – wir sind glücklich, einen Profichor in Moskau gefunden zu haben, den wir nun einladen konnten.«

Der Berliner Gemeindevorsitzende Gideon Joffe ist Schirmherr des Festivals. Er begrüßt das Louis-Lewandowski-Festival als »fester Bestandteil im Kulturkalender unserer Stadt«: »Bereits zum fünften Mal haben die Berlinerinnen und Berliner die Mög-
lichkeit, in unseren wunderschönen Synagogen Rykestraße und Pestalozzistraße in die akustische Traumwelt der synagogalen Musik einzutauchen.«

Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin, ist ebenfalls Festivalschirmherr. In seinem Grußwort betont er die Bedeutung von Louis Lewandowski für den gelebten Ritus: »Louis Lewandowski ist einer der ganz großen synagogalen Komponisten des Judentums. Sein musikalisches und liturgisches Erbe wird gerade auch in Berlin virtuos gepflegt und so am Leben erhalten.«

dimension Die nach dem deutsch-jüdischen Komponisten benannten Musiktage sei ein Gewinn für Berlin: »Das Festival bringt herausragende Chöre, Kantoren und Ensembles aus der ganzen jüdischen Welt nach Berlin«, betont Müller.

Darunter seien viele Menschen, die Deutschland eigentlich nie mehr betreten wollten. »Doch dank Lewandowskis Musik sind sie nun doch zu uns gekommen – dafür ist unsere Stadt dankbar. Jüdisches Leben und jüdische Kultur nehmen in unserer Metropole einen wichtigen Platz ein. Für Berlin ist das Louis-Lewandowski-Festival eine großartige Bereicherung.«

Lewandowski verbindet. Davon ist Festivaldirektor Busch-Petersen ebenfalls überzeugt. Es passiere »viel mehr«, auch über das offizielle Programm hinaus. »Wenn 300 Sänger am Grab von Lewandowski seine Melodien anstimmen, dann schafft das Verbundenheit.« So würden die Chöre letztlich auch zu »neuen Botschaftern für Berlin«.

www.louis-lewandowski-festival.de

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