Rundgang

Bochumer Lebensgeschichten

Auf Spurensuche: Studenten der Ruhr-Universität Bochum Foto: Dietmar Wäsche

Das Festjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« bietet Anlass, auch die jüdische Geschichte während des Nazi-Regimes genauer zu betrachten. Einen interessanten Beitrag dazu liefern jetzt sechs Geschichtsstudenten der Ruhr-Universität Bochum mit ihrem Projekt »Lernen durch Erinnern« – wobei das Jubiläum nicht der eigentliche Grund ihrer Arbeit ist. »Ausgangspunkt unseres Interesses war ein Seminar zum Thema ›Erinnerungskultur im Ruhrgebiet‹. Dort sind uns die Dimensionen der nationalsozialistischen Verbrechen noch einmal klarer geworden«, sagt Thorben Pieper (28).

Unter anderem die Geschichte des »Bochumer Vereins« als »nationalsozialistischer Musterbetrieb« sei ihnen dabei bitter aufgestoßen. An den Bochumer Verein erinnert heute vor allem eine voluminöse Glocke vor dem Bochumer Rathaus, die einst für die Weltausstellung in Paris 1867 produziert wurde. Den Gedenkort für das Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald im Bochumer Verein hingegen finde nur, wer ihn sucht.

Gedenkorte Die Ereignisse dort seien in ihren Augen brutaler Höhepunkt der Verstrickung des Bochumer Herstellers für Geschütze und Granaten im NS-Regime gewesen, so die Studenten weiter. Zwischen 1944 bis 1945 wurden in dem Außenlager Brüllstraße bis zu 1700 mehrheitlich jüdische Zwangsarbeiter ausgebeutet und misshandelt. »Eines unserer Hauptanliegen ist es, eben auch solche Erinnerungsorte sichtbar zu machen, die vielleicht nicht jeder oder jedem bekannt sind«, sagt Sebastian Döpp (27).

Kern der Webseite ist die interaktive »Karte des Erinnerns«.

Die spannenden Ergebnisse des Projekts »Lernen durch Erinnern« können nun auf einer eigens dafür angelegten Webseite entdeckt werden. Kern der Webseite ist die interaktive »Karte des Erinnerns«, auf der die Studenten 558 Orte verzeichnet und dokumentiert haben. Bei ihrer Recherche stützten sie sich unter anderem auf Archive, zum Beispiel die Arolsen Archives, aber ganz besonders auf die Arbeiten des Historikers Hubert Schneider und des Theologen Manfred Keller, die sich seit Jahrzehnten mit dem jüdischen Leben im Ruhrgebiet beschäftigen.

Schneider formulierte für die Studenten auch ein Empfehlungsschreiben für den Förderantrag. Das Initiativprojekt erhielt über 18 Monate circa 14.000 Euro im Programm inStUDIES der Ruhr-Universität Bochum vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Die geführten Rundgänge dauern 45 Minuten bis zwei Stunden.

Neben der »Karte des Erinnerns« und umfangreichen Quellen- und Literaturhinweisen werden auf der Webseite sechs Führungen bereitgestellt. Sie beleuchten verschiedene Schwerpunkte der Stadtgeschichte im Dritten Reich genauer: Zentralfriedhof, Stadtpark, jüdisches Leben, Zwangsarbeit, Verfolgung und Widerstand, Bombenkrieg und Luftschutz. Die Rundgänge dauern zwischen 45 Minuten und zwei Stunden und sind sowohl direkt über die App »Biparcours« mit GPS-Unterstützung umsetzbar als auch als PDF-Dateien abrufbar.

Stelenweg Teil der Führung »Jüdisches Leben« ist ein Stelenweg der Evangelischen Stadtakademie. »Stele 3« an der Goethestraße informiert über jüdische Bewohner der Bürgerhäuser am Stadtpark. Sie gehörten zumeist der oberen Mittelschicht an und prägten das gesellschaftliche, kulturelle und ökonomische Leben der Stadt. Ein herausragendes Beispiel sind die Eheleute Siegmund und Ottilie Schoenewald – er sowohl anerkannter Rechtsanwalt und Notar als auch Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, sie engagierte Lokalpolitikerin der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei und ab 1934 Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes auf Reichsebene, den sie 1938 auf Befehl der Nationalsozialisten auflösen musste.

Das Ehepaar wurde nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 systematisch aus dem öffentlichen Leben der Stadt verdrängt. Siegmund Schoenewald verlor seine Zulassung als Notar. Ihr Haus an der Goethestraße 9 wurde 1938 verwüstet und Siegmund Schoenewald in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, aus dem er fliehen konnte.

Das Haus wurde 1939 zu einem sogenannten Judenhaus, in dem die vorsätzlich aus ihren Wohnungen vertriebenen Juden beengt zusammenleben mussten.

Widerstand Die Führungen des Projekts »Lernen durch Erinnern« folgen so den Spuren zahlreicher jüdischer Lebensgeschichten in Bochum. Sie zeigen Orte der NS-Verbrechen und berichten von jüdischem Widerstand. Aber sie verbinden die Geschichte auch mit der Gegenwart. An der Neuen Synagoge, für die die Stadt das Grundstück gespendet hatte und die seit 2008 die Heimat der Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen ist, endet die Führung »Jüdisches Leben«.

»Kurz vor dem zweiten Lockdown hatten wir die Jüdische Gemeinde zum Austausch angefragt, was dann nicht stattfinden konnte. Wir werden das bald wieder aufgreifen. Wichtig ist uns ein Feedback, um unser Projekt noch weiter zu verbessern«, sagt Döpp.

Die Beschädigung der Ausstellung über jüdische Sportler sorgte für Unruhe.

Die Studenten möchten einen Beitrag dazu leisten, dass das Wissen zu den Erinnerungsorten in der eigenen Stadt vor allem für junge Menschen leichter zugänglich wird. Besonders aufgrund aktueller antisemitischer Vorgänge in Deutschland erlange das Erinnern an die Verbrechen der Nationalsozialisten abermals einen besonderen Stellenwert, sind die Studierenden überzeugt. »Das war das Erste, was wir in den Förderantrag geschrieben haben, dass wir mit dem Projekt auch sensibilisieren wollen für die aktuellen Probleme«, erklärt Döpp. In Bochum sorgte im November 2020 die Beschädigung der Ausstellung über jüdische Sportler bundesweit für Unruhe.

Das Projektteam spricht auf seiner Webseite mit der Rubrik Didaktik gezielt Lehrkräfte an Schulen und Dozenten an Universitäten an. »Unser Projekt soll dabei unterstützen, lokalgeschichtliche Bezüge zum Nationalsozialismus zu nutzen, um mehr außerschulische Orte in den Unterricht einzubeziehen«, erzählt die 26-jährige Luise Mohr. Um ihr Angebot in der Stadt bekannt zu machen und weiterzuentwickeln, setzen die Studierenden zudem auf Kooperationen mit lokalen Institutionen, die sich vor Ort bereits länger für die Erinnerungskultur einsetzen – wie die Initiative Nordbahnhof, die Evangelische Stadtakademie und das Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte.

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