Vogelsang

Bildung in der Eifel

Der Blick streift über Baumkronen. Beginnende Blätterpracht, sanfte Hügellandschaft, im Tal ein ruhiger Stausee. Die Eifel ist schön hier. Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich die einstige NS-Ordensburg Vogelsang. In abgelegener Mittelgebirgsidylle wurden hier ab 1935 alle Vorkehrungen getroffen, um eine neue Funktionärselite für die Nationalsozialistische Partei zu formieren. Viele Gebäude dieses durchinszenierten Vorhabens sind erhalten.

Am besten erschließt sich das Gelände durch eine fachliche Begleitung. Auf diese Weise wird der Besuch verbunden mit einer Fülle an Information, aber auch mit einer Fülle an Gefühlen, Eindrücken und Erkenntnissen. Sie gilt es zu reflektieren, zu verarbeiten.

Dem Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, Wilfried Johnen, ist das noch nicht genug. Er wünscht sich einen »Raum der Stille«, um einen Ort zu schaffen, der es den Besuchern ermöglicht, der Opfer zu gedenken. »Die Besucher sollen sich zurückziehen können, um das, was sie da gerade gesehen und erfahren haben, zu verarbeiten und um einfach wieder zu sich zu kommen.«

Auswirkungen Zum anderen fehlt ihm die konkrete Verdeutlichung dessen, was der Nationalsozialismus angerichtet hat. »Es gibt keine Hinweise darauf, was dieses Regime bewirkt hat. Wo sind beispielsweise die sechs Millionen Toten des Holocaust?« Johnen hofft auf eine allumfassende Aufarbeitung in der für 2014 geplanten Dokumentation, die dann auch die Gegenwart jüdischen Lebens beinhalten sollte.

»Die Beschäftigung mit der Begegnung und Gegenüberstellung von Opfern und Tätern ist eine Aufgabe, die immer noch nicht erledigt ist. Meine Vision ist, dass diese Dokumentation in einem halb leeren Raum endet, denn das, was in diesem Teil des Raumes dokumentiert werden kann, passiert heute und morgen und sollte fortgeschrieben werden«, erklärt Johnen.

Bei der vogelsang ip, die sich seit 2008 um die inhaltliche Gestaltung der architektonischen Hinterlassenschaft kümmert, stößt Johnen dabei durchaus auf Zustimmung. Sie versteht die Entwicklung und Präsentation der NS-Dokumentation sowie darauf aufbauender Bildungsprogramme ohnehin schon als gesellschaftspolitische Aufgabe.

»Wir wollen daher gesellschaftliche und religiöse Gruppen, die sich als Betroffene oder aus Engagement mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen, unbedingt in den Entwicklungsprozess sowie die Programmgestaltung einbeziehen. Wir werden aktiv auf diese Gruppen zugehen«, betont ihr Geschäftsführer Albert Moritz.

Ursachen Wie wichtig es ist, NS-Zeitzeugnisse als Denk- und Dokumentationsorte auszustatten, zeigt Vogelsang schon heute. Die 23-jährige Monika Nawrot hat als Schülerin Auschwitz besucht. Jetzt nimmt sie an einer Führung teil und stellt fest: Die beiden Orte gehören zusammen: »Das sind Momente, wo man erschüttert ist und es deutlich wird, was passiert ist in der Vergangenheit, der Zeit meiner Großeltern.

Hier war die Ausbildung – in Auschwitz die Umsetzung. Man hört es im Unterricht, aber wenn man es hautnah sieht, ist das etwas ganz anderes.« Vogelsang ist ein Ort der Täter, hier setzen sich die Besucher auf eine andere Art mit dem Nationalsozialismus auseinander als in einer Gedenkstätte oder einem ehemaligen Konzentrationslager.

Mit Nawrot stehen zehn junge Frauen im »Kultraum« und versuchen zu ermessen, wie groß die Holzfigur war, die hier einmal stand und das ideale Menschenbild der NS-Ideologie verkörperte. »Über drei Meter war diese nationalsozialistische Götze, der ›neue deutsche Mensch‹, jeder Nationalsozialist sollte über Generationen so werden«, erläutert Thomas Willems und zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto mit der Originalaufnahme. Der Referent begleitet die angehenden Ergotherapeutinnen aus Aachen an diesem Tag über das Gelände, erläutert Zusammenhänge zwischen Architektur und Ideologie, verknüpft Historie mit dem Heute.

Grössenwahn »Man bekommt durch die Führung viel mehr den Blick fürs Detail«, sagt die 22-jährige Edith Rudig, und ihre Kollegin Nicole Rosenstengel (23) ergänzt: »Mir ist durch die Erläuterungen klar geworden, welche Logik hinter der Architektur steckt.« Beide hatten Vogelsang besucht, als es noch Armeegelände der belgischen Truppen war. Erst heute ist ihnen bewusst geworden, »was sich hier abgespielt haben muss«.

Beim Rundgang über »Appellplatz« und »Adlerhof«, beim Betrachten der Unterkunftsgebäude und Denkmäler wird deutlich: Vogelsang ist in Stein gehauene Ideologie, ein Monument der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Ein Ort, der eine Herausforderung darstellt. Eine Herausforderung auch für die vogelsang ip.

Stefan Wunsch, Historiker und Referent der vogelsang ip, sieht die ehemalige NS-Ordensburg primär als einen Lernort und betont: »Dabei geht es keineswegs nur um historische Bildung und das damalige Menschenbild, sondern in erster Linie um politische Bildung und Prävention.« Im Gespräch mit Jugendlichen und Erwachsenen, die er zu den markanten Orten des Geländes führt, ist ihm immer wieder die Frage wichtig: »Was hat das heute mit mir zu tun?«

Betroffenheit Ein Besuch Vogelsangs geht an den Besucherinnen und Besuchern emotional nicht spurlos vorbei. »Wir unterstützen daher einen überkonfessionellen ›Raum der Stille‹, wie ihn Wilfried Johnen vorgeschlagen hat, voll und ganz«, betont Albert Moritz.

Das Vorhaben, ein Krimihotel auf dem Gelände zu errichten, ist durch ein Veto der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen vom Tisch. Eine Entwicklung, die Wilfried Johnen sehr begrüßt. Die nächsten Monate, die nächsten Jahre werden zeigen, wie sich Vogelsang als besonderer Erinnerungsort behauptet und wie Vorstellungen der jüdischen Gemeinschaft bei der inhaltlichen Gestaltung miteinbezogen werden.

Geschichte der Ordensburg
Von 1936 bis 1939 war die Ordensburg Vogelsang Ausbildungsstätte für NS-Parteifunktionäre. 1941 bis 1944 wurde sie militärisch genutzt und war Ausweichquartier für Adolf-Hitler-Schulen. Nach dem Krieg nutzte ab 1950 die belgische Armee den Ort als Militärstützpunkt und Truppenübungsplatz. 2006 wurde das Gelände für Besucher geöffnet. 2008 gründete sich der vogelsang ip, der eine inhaltliche Aufarbeitung der einstigen NS-Schule plant. 2012 soll die Jugendherberge Jugendwaldheim eröffnet werden, 2013 der neue Besucherbereich fertig sein und 2014 das NS-Dokumentationszentrum eröffnet werden. Nach dem Parteitagsgelände in Nürnberg und der KdF-Ferienanlage Prora auf Rügen ist Vogelsang die größte nicht-militärische Bauhinterlassenschaft der NS-Zeit.

Dresden

Jüdisches Leben: Gefühl von Unsicherheit im Alltag

In Sachsen gestalten Jüdinnen und Juden das kulturelle und gesellschaftliche Leben entscheidend mit. Dennoch bleibt Antisemitismus ein präsentes Problem

 23.06.2026

Meinung

Essen mit Beigeschmack

Katrin Richter kritisiert, dass jüdische und israelische Küche zunehmend nur noch mit Schutzkonzept serviert werden kann

 23.06.2026

Berlin

Zusammen genießen

Zum fünften Mal fand das Koschere Streetfood-Festival statt – mit Geschmäckern von fast überall

von Katrin Richter  23.06.2026

Jubiläum

Fünf Jahre jüdische Seelsorge der Bundeswehr: Militärrabbiner Zsolt Balla zieht Bilanz

Seit dem Start der jüdischen Militärseelsorge vor fünf Jahren wächst ihre Bedeutung in der Truppe. Sieben Militärrabbiner tun inzwischen Dienst. Ein Fazit - mit Blick auf Zeitenwende und deutsche Geschichte

von Karin Wollschläger  23.06.2026

Bildung

»Die jüdische Sicht stärken«

Eduard Steinberg über den neu gegründeten Verband jüdischer Pädagogen, Ausbildung von Lehrern und Fakten statt Meinungen

von Katrin Richter  22.06.2026

Maccabi

Eine Feier für den jüdischen Sport

Der Verein lud zum traditionellen Sommerfest im Vereinsgelände an der Riemer Straße

von Luis Gruhler  21.06.2026

München

Ganz im Vertrauen

Seit rund sechs Wochen ist Dominik Krause als Oberbürgermeister im Amt. Nun traf er sich mit Vertretern des Vorstandes der IKG zum Gespräch

von Luis Gruhler  21.06.2026

Porträt der Woche

Flucht und Farben

Alexander Glinkin ist Maler. Im Frühjahr 2022 verließ er Kyjiw und lebt heute in Berlin

von Matthias Messmer  21.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026