Yiddish Summer Weimar

Biblische Geschichte für die Bühne

Konzertante Aufführung des Triangel-Orchesters während des »Yiddish Summer«-Festivals Foto: Yulia Kabakova

Theresa Stenzel schaut konzen­triert auf ihre Noten und den Text auf dem Tablet. Es ist Probe für eines ihrer bislang interessantesten Projekte: die wiederentdeckte Oper Bas-Sheve, das vermutlich einzige noch erhaltene in Jiddisch verfasste Bühnenwerk, das aus dem alten Europa stammt. Uraufführung war 1924 in Warschau.

Henech Kon, geboren 1890 im polnischen Łódz, hat es einst komponiert. Sein Werk galt lange Zeit als verschollen. Heute wird es von Theresa Stenzel und anderen jungen Musikern und Musikerinnen aus Deutschland, Frankreich und Polen wieder auf die Bühne gebracht.

»Ich glaube, für uns alle ist das ein ganz großer Gewinn«, erzählt die 22-jährige Studentin der Literatur- und Musikwissenschaften. Sie studiert an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, und genau hier, im Hochschulzentrum am Horn, finden auch die Proben statt. Zuvor haben alle Beteiligten, vor allem die Sängerinnen und Sänger, intensiv Jiddisch geübt, nicht irgendwo, sondern in Paris, im »Maison de la culture yiddish«, dem Ort, an dem die jiddische Sprache unterrichtet wird und sich die größte nicht-universitäre Sammlung jiddischer Werke Europas befindet.

»Wir haben die Leute, die dort arbeiten, kennengelernt und konnten uns Bücher anschauen. Es ist die größte jiddische Bibliothek Europas.« Nun also steht Theresa Stenzel selbstbewusst in der Reihe der Chorsängerinnen und artikuliert exakt jene Sprache, die ihr vor Kurzem noch völlig fremd war.

Liebesgeschichte Die Oper erzählt die biblische Geschichte der Liebe zwischen Batseba (nach der die Oper benannt ist) und König David. Henech Kon vertonte diese Geschichte und betextete sie ausschließlich in jiddischer Sprache. Über das Leben des Autors ist bislang wenig publiziert. Doch das könnte sich bald ändern, denn die Judaistin und Spezialistin für jiddische Sprache, Diana Matut von der Universität Halle/Wittenberg, widmet sich seit Jahren seinem Werk.

»Ich habe vor vielen Jahren als Studentin eine Hausarbeit über ihn geschrieben«, erzählt Matut. »Das Thema hat mich all die Jahre nicht losgelassen. Als ich vor drei Jahren in New York als Fellow am Yidisher Visnshaftlekher Institut (YIVO) sein durfte, habe ich dort mit dem Nachlass von Kon gearbeitet.« Sie fand Briefe, Manuskripte und andere Dokumente vor.

Der Zufall wollte es: Im selben Jahr kam das Manuskript der verschollen geglaubten Oper auf den Markt. Ein privater Besitzer verkaufte es, und die Yale University im amerikanischen Bundesstaat Connecticut erwarb es.

Die Yale University kaufte die Oper, digitalisierte
sie und stellte sie umgehend ins Netz.

»Das ist wirklich ein Glücksfall«, befindet Diana Matut. Denn die Universität digitalisierte dieses Manuskript und stellte es umgehend online. Noch ist der Nachlass nicht vollständig erforscht, enge Familienangehörige von Henech Kon gibt es offenbar nicht. Er verstarb 1972 in New York als Henryk Kon. Ein Mann, der als Komponist und Musikkritiker sein Geld verdiente, der der Welt beachtliche Filmmusiken hinterließ, eben auch diese Oper, von der man bis vor Kurzem nicht ahnte, dass sie noch existiert.

»Ich hoffe, dass Henech Kon wieder den Platz in der jüdischen Geschichte einnimmt, von dem ich denke, dass er ihm gebührt«, sagt Diana Matut, die im kommenden Wintersemester am britischen Oxford Centre for Hebrew and Jewish Studies forschen wird. Wenn sie über Henech Kon erzählt, so macht sie auch auf dessen wichtigstes filmmusikalisches Werk Dybuk (Der Dibbuk) von 1937 aufmerksam. »Weil es unglaublich vielseitig ist. Es ist expressionistisch, es hat chassidische und liturgische Musikelemente.«

Schönberg Henech Kon hatte einst in Berlin, vermutlich im Umfeld von Arnold Schönberg, Musikwissenschaft studiert, emigrierte dann in die USA und ging später nach Frankreich. In den Archiven lassen sich manche Raritäten von ihm finden. »Vor dem Krieg wurde auf Polnisch und Jiddisch ein Film gedreht: Unsere Gasse, in dem es um das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden vor der Schoa in Polen geht. Das ist ein Schwarz-Weiß-Film, den heute kaum noch jemand kennt. Auch dafür hat er die Filmmusik geschrieben. Vor dem Krieg haben Millionen von Jiddisch sprechenden Menschen diesen Film gesehen«, sagt Diana Matut.

Dass die Oper von Henech Kon wieder zu hören ist, ist auch dem Akkordeonisten Joshua Horowitz zu verdanken. Seine Familie stammt aus dem alten jüdischen Galizien. Die Musiktradition des Klezmer pflegt er mittlerweile in den USA, wo er zu den Größen der Szene gehört. Für die Oper Bas-Sheve komponierte er eine Version für kleines Orchester auf der Basis der Noten von Henech Kon.

Es galt zudem, eine Lücke zu füllen, denn 16 Seiten des Manuskriptes fehlen. Sie waren im Nachlass unauffindbar. Für Joshua Horowitz war es die Chance, im Geiste und im Sinne Henech Kons zu arbeiten. Ihm wollte er mit seiner Komposition so nah wie möglich kommen und doch eigene Akzente setzen.

Lücke Da von den 16 Seiten auch der jiddische Text fehlte, wurde der kanadische Jiddisch-Muttersprachler Michael Wex gebeten, diese Lücke zu schließen. Und so entstand aus der Feder der beiden Künstler Horowitz und Wex mitten in der Oper eine kleine Episode mit eigener Handschrift.

Die jungen polnischen, französischen und deutschen Musiker, die jetzt die Oper aufführen, kommen aus den Ländern, die einst auch Henech Kon viel bedeutet haben und Stationen seiner Biografie geworden sind. Von Weimar aus fahren sie nach Polen, um die Oper in seiner Geburtsstadt Łódz nochmals konzertant aufzuführen.

In seiner Zeit war Henech Kon ein großer Komponist des säkularen jiddischen Theaters.

Sie wünschen sich vor allem, dass dieses Werk nicht wieder in der Versenkung verschwindet. Vielleicht, so hoffen sie, gibt es eines Tages eine richtige große inszenierte Aufführung mit Bühnenbild und Schauspiel. Vielleicht entsteht auch eine Tonaufnahme, und es ergeben sich neue Auftritte. Denn eines sei klar, jener He­nech Kon habe es verdient, dass sein Name nicht mehr vergessen wird, sagt Diana Matut. »Er wurde in seiner Zeit als der große Komponist des säkularen jiddischen Theaters und der jiddischen Welt gesehen. Der Schriftsteller Jizchok Leib Perez (1852–1915) hat über ihn gesagt: ›Was wir für Literatur leisten, das leistet unser Henech Kon für die Musik.‹ Man hat ihn sehr hoch geachtet.«

Seltenheit Für die mehr als 40 Akteure ist die Arbeit an der Oper zudem ein großartiges Erlebnis, das weiß auch Theresa Stenzel: »Weil wir von diesem kulturellen Aspekt so viel mitnehmen können. Auf der einen Seite haben wir diese Musik, die man selten im Studium spielt. Es ist schon etwas Besonderes, die einzige jiddische Oper, die überhaupt noch da ist, zu bearbeiten. Hinzu kommt der sprachliche Aspekt, denn auch Jiddisch hört man eher selten. Und was die Musik anbelangt, die Oper ist geprägt von Skalen, die man ebenfalls nur selten hört oder spielt.«

Es sei eine große Inspiration für alle, sagt sie. Vielleicht werde künftig nicht nur sie mehr Augenmerk auf verborgene Raritäten in der Musik legen. Sicherlich werden sich da neue Arbeitsmöglichkeiten ergeben, meint Matut. Gerade an der Hochschule in Weimar sei die jüdische Musikgeschichte ein großes Forschungsgebiet. Und wenn man den Professoren zuhöre, erfahre man, dass da vieles noch nicht erschlossen ist.

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