»Aviv«-Prozess

Bewährungsstrafe und Geldauflage

Das ehemalige Geschäft von »Aviv« Foto: Chris Hartung

Zwei Jahre Haft auf Bewährung für den Angeklagten H. sowie ein Jahr und zehn Monate Haft auf Bewährung für den Angeklagten W., darüber hinaus Geldstrafen und jeweils eine Geldauflage in Höhe von 30.000 Euro, die an TuS Makkabi zu zahlen ist – so lautet das Urteil des Frankfurter Landgerichts im Prozess gegen die beiden Geschäftsführer des ehemaligen koscheren Lebensmittelhandels »Aviv«.

In seiner Urteilsbegründung folgte der Vorsitzende Richter der 26. Großen Wirtschaftskammer, Jörn Immerschmitt, damit dem Antrag der Verteidigung. Die Staatsanwaltschaft hingegen hatte für H. eine Haftstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten sowie für den Angeklagten W. eine Haftstrafe von zwei Jahren und acht Monaten gefordert.

Freiheitsstrafe Immerschmitt führte als Gründe für die Aussetzung auf Bewährung aus, dass viele der vernommenen Zeugen betont haben, dass sie keine Freiheitsstrafe fordern und auch keine Strafanträge gestellt haben. Zum Zweiten spreche für die Angeklagten, dass sie keine Vorstrafen und seit der Schließung des Ladens keine weiteren Straftaten begangen haben.

Zum Dritten seien die Angeklagten durch die lange Verfahrensdauer sowie den Gesichts- und Vertrauensverlust innerhalb der Gemeinde bereits gestraft. Überdies sehe er, so sagte der Richter, auch gesamtpräventiv keinen Bedarf für eine Haft. Auch eine Resozialisierung sei nicht notwendig.

In seinen Ausführungen betonte Immerschmitt, dass er es begrüßt hätte, wenn die »Angeklagten von Anfang an zu ihrer Schuld gestanden hätten«. Außerdem hätte er es »persönlich sehr schön gefunden«, wenn Rabbiner Klein und der Maschgiach Gendlin zur Aufklärung beigetragen hätten. »Das hätten die Gemeindemitglieder auch verdient«, lautete die Ansicht des Richters.

Unkoscher Die Staatsanwaltschaft war dem Betrug auf die Schliche gekommen, weil sie das Telefon des Ladengeschäfts abgehört hatte. Damals ging es noch um den Verdacht des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz – es erfolgte deshalb auch eine ergebnislose Durchsuchung des Geschäfts. Dass die Angeklagten den Verkauf von unkoscherem Fleisch auch weitergeführt hatten, nachdem sie ins Visier der Polizei geraten waren, legte ihnen die Staatsanwaltschaft erschwerend zu Last.

Zu Beginn des Prozesses hatten die beiden Angeklagten ein Geständnis abgelegt. Nachdem Zeugenaussagen ihn belastet hatten, modifizierte der Angeklagte H. seine Angaben jedoch mehrfach. Zum Jahresende saß H. wegen Verdunklungsgefahr zudem rund zwei Monate in Untersuchungshaft – er hatte einen der als Zeugen aussagenden Metzger zu beeinflussen versucht.

Bei dem Verfahren wurden zahlreiche Privat- und Geschäftskunden der Firma Aviv als Zeugen vernommen. Die ursprünglich zur Last gelegten 1721 Betrugsfälle mit einem vermuteten Gesamtschaden von 557.000 Euro wurden bis zum Ende der Verhandlung auf 802 Fälle von besonders schwerem Betrug mit einer Schadenssumme von 260.000 Euro reduziert – unter anderem, weil tiefgefrorenes und verpacktes koscheres Fleisch als nicht verunreinigt und damit weiterhin koscher angesehen wurde.

Gemeinde Innerhalb der Jüdischen Gemeinde Frankfurt hat der Prozess für Aufruhr gesorgt. Frankfurts Rabbiner Menachem Halevi Klein ist mittlerweile im Ruhestand, der ebenfalls für die Kaschrut-Aufsicht bei Aviv tätige Maschgiach wurde seines Amtes enthoben.

Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz und ein speziell einberufenes Beit Din hatten sich mit dem Fall und der Frage, inwieweit die Verbraucher ihre Küchen und -utensilien zu kaschern hätten, beschäftigt. Sowohl Verteidigung als auch Staatsanwaltschaft könnten eine Revision beantragen.

Programm

Vortrag, Führung, Finissage: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 27. August bis zum 3. September

 26.08.2026

Neuanfang

Erste Klasse

Zwischen Schultüte und Blumen: Jüdinnen und Juden öffnen ihre Fotoalben und blicken auf ihre Einschulung zurück – in Israel, im Baltikum, in der Sowjetunion sowie in Ost- und West-Berlin

von Christine Schmitt  26.08.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  26.08.2026

Plädoyer

Stark und selbstbewusst

Die Zeiten des Ghettos und Sich-Wegduckens gehören zum Glück der Vergangenheit an. Umso mehr sollten Juden hierzulande entschiedener für ihre Interessen eintreten

von Sacha Stawski  25.08.2026

München

Von Deutschland in die Welt

Eine Ausstellung widmet sich dem Wirken jüdischer Architekten, deren Karrieren von Verfolgung und Exil bestimmt waren. Ihre Bauten beeinflussten die Moderne maßgeblich

von Ellen Presser  25.08.2026

Dresden

Ausstellung würdigt jüdische Sportlerinnen und Sportlern

Deutsch-jüdische Sportlerpersönlichkeiten stehen im Mittelpunkt einer Präsentation. Anlässlich des Jahres der jüdischen Kultur wird sie in Dresden gezeigt

 25.08.2026

Spremberg/Forst

Stolpersteine gestohlen

Der Staatsschutz ermittelt

 24.08.2026

Dresden

Unbekannter entwendet Kippa

Der Staatsschutz der Dresdner Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen

 24.08.2026

Meinung

Jüdische Schulen: Orte der Zugehörigkeit

Der Wunsch nach jüdischer Bildung wächst, während die Strukturen zunehmend fragil werden

von Eduard Steinberg  24.08.2026