Plau am See

Beste Wasserlage

Synagoge an der Elde: Ein Privatmann kaufte das Haus, um es abzureißen, doch der Denkmalschutz hat etwas dagegen. Foto: Axel Seitz

Es erinnert ein wenig an das Spiel »Schwarzer Peter«, bei dem alle Beteiligten froh sind, ihn nicht zu haben. In der mecklenburgischen Kleinstadt Plau am See handelt es sich bei diesem »Schwarzen Peter« um die ehemalige Synagoge, und beteiligt an diesem Spiel sind die katholische Kirche, ein Privatmann, der Denkmalschutz und die Stadt Plau.

Die jüdische Gemeinschaft ist gewissermaßen bereits vor Jahren aus diesem Spiel ausgestiegen und beobachtet es inzwischen mit gebührendem Abstand. Heute geht es um Geld, das offenbar keiner hat, fehlendes öffentliches Engagement und eine gewisse Schlitzohrigkeit, die die Wahrheit in diesem Spiel etwas verdeckt.

1840 baute die damalige Jüdische Gemeinde von Plau eine Synagoge, mitten in der Stadt, fast direkt an der Elde, deren Flussbett die mecklenburgische Kleinstadt prägt. Bereits 1753 erhielten zwei Juden erstmals einen Schutzbrief für Plau, das markiert gewissermaßen die Geburtsstunde der jüdischen Gemeinde, berichtet der Hobbyhistoriker Bernd Ruchhöft, der sich seit Längerem mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde und der Synagoge befasst.

Verkauf 1825 verzeichnete die Gemeinde mit 72 Mitgliedern ihren zahlenmäßigen Höchststand. Nach der Reichsgründung 1871 verließen allerdings zahlreiche Juden die Kleinstadt in Richtung Schwerin, Rostock oder Hamburg, sodass bereits 1902 der letzte jüdische Gottesdienst abgehalten wurde. 1920 veräußerte die Gemeinde die Synagoge an einen katholischen Kaufmann, der wiederum das Gebäude seiner Kirche vermachte.

Für den heutigen Landesrabbiner William Wolff ein völlig normaler Vorgang. Eine Synagoge habe bekanntlich nicht solch eine Bedeutung wie eine Kirche im Christentum, denn sie sei kein geweihtes Gebäude. »Die Gemeinde kann damit machen, was sie will, und nach jüdischem Gesetz ist es völlig egal, wofür das Gebäude später einmal genutzt wird«, erklärt Wolff.

Dass die Plauer Synagoge nach 1920 als katholische Kirche ihre Bestimmung fand, hat das Gebäude auch davor bewahrt, während des Nationalsozialismus zerstört oder geschändet zu werden. Heute ist dieses Haus eine von 18 noch erhaltenen der ehemals 42 Synagogen in Mecklenburg-Vorpommern. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben die neuen jüdischen Gemeinden von Schwerin und Rostock neue Synagogen errichtet.

Hanglage Weil es nur noch so wenige erhaltene Synagogen aus den vergangenen Jahrhunderten gibt, sei die von Plau am See »ein hervorragendes kulturgeschichtliches Baudenkmal«, betont Bettina Gnekow vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Schwerin. Die Expertin beschreibt das Gebäude als einen typischen Synagogenbau, der mit seinen drei hohen Rundbogenfenstern sehr dominant wirkt. »Insofern sind städtebauliche und architekturhistorische Gründe dafür ausschlaggebend, dem Gebäude einen hohen Denkmalwert beizumessen.«

Die Nähe zum Fluss Elde und die leichte Hanglage verursachten bereits seit den 30er-Jahren erste Rissbildungen am Giebel. Später wurde auch eine leichte Schrägstellung des Gebäudes festgestellt. Zum Jahresende 2002 konnte die katholische Kirchengemeinde wegen der Baufälligkeit dort keine Gottesdienste mehr abhalten. 2005 wurde das Haus dann endgültig geschlossen.

Um das Gotteshaus zu sanieren, ließ sowohl die katholische Kirche als auch die Stadt Plau am See Gutachten erstellen. Bernd Duhn, Leiter der Abteilung Kirchengemeinden beim zuständigen Erzbistum Hamburg, veranschlagt finanzielle Aufwendungen zwischen 1,4 und 1,7 Millionen Euro. Für gerade einmal 500 Katholiken seien die Kosten zu hoch, so Bernd Duhn. So wurde die Kirche 2005 profaniert.

Baudenkmal Für das Erzbistum ergab sich wenig später rein zufällig die Möglichkeit, das Haus zu verkaufen – und zwar an einen Nachbarn. »Der hatte sein Haus mit viel Liebe restauriert« und wollte das angrenzende Haus nach dem Kauf abreißen lassen, um sein Grundstück erweitern zu können. Eine Lösung, die beiden Vertragspartnern gefiel. »Ein Abrissantrag des neuen Eigentümers lag bereits auf dem Tisch«, berichtet Bürgermeister Norbert Reier. Wegen des Denkmalschutzes hatte die Stadt den Antrag allerdings abgelehnt.

Es komme immer mal wieder vor, so Bettina Gnekow, dass versäumt wird, die Neueigentümer davon in Kenntnis zu setzen, dass es sich bei dem erworbenen Gebäude um ein Baudenkmal handelt. Ob das bei der Synagoge der Fall war, ist nicht bekannt. Hier widersprechen sich die Aussagen der Beteiligten. Die katholische Kirche war über den Denkmalschutz informiert, der neue Eigentümer will dieses aber beim Kauf nicht gewusst haben.

Den »Schwarzen Peter« hat nun gewissermaßen der neue Eigentümer. Er spricht davon, dass sich das Gebäude jetzt im »Dornröschenschlaf« befinde, denn offenbar hat niemand an dem Gebäude Interesse. Bürgermeister Norbert Reier gibt offen zu, dass er aufgrund der angespannten Haushaltslage keine Möglichkeiten sehe, dass sich die Stadt um das Gebäude kümmert.

Während sich in den nicht weit von Plau am See entfernten mecklenburgischen Kleinstädten Röbel, Hagenow und Krakow am See interessierte Einzelpersonen, Kommunalpolitiker oder Vereine in den vergangenen Jahren um die jeweiligen ehemaligen Synagogen kümmerten und sie zu Begegnungsstätten und Kultureinrichtungen umgestalteten, fehlt es in Plau am See an diesem Engagement.

Erbe Landesrabbiner William Wolff sieht die Menschen in der Pflicht: »Sie müssten sich entscheiden, ob es sich lohnt, solch ein Gebäude zu erhalten oder nicht.« Wolff spricht von einem allgemeinen Erbe und eben nicht nur einem rein jüdischen, wenn eine Synagoge eine historische und auch architektonische Bedeutung habe.

Plau am See sieht sich als eine touristische Hochburg in Mecklenburg-Vorpommern, als einen Anziehungspunkt für zahlreiche Urlauber. Offenbar gelingt es dem Ort aber nicht, eine Synagoge zu erhalten. Sollte sie tatsächlich vor ihrer Rettung verfallen, dann, so sagt Bürgermeister Reier in einer Mischung aus Hilflosigkeit und Gleichgültigkeit, »müsse neu darüber nachgedacht werden, was dort entstehen kann«.

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