75 Jahre IKG

»Besondere Verantwortung«

Landtagspräsidentin Ilse Aigner (l.) und IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch Foto: Marina Maisel

75 Jahre IKG

»Besondere Verantwortung«

Landtagspräsidentin Ilse Aigner gratuliert zum Jubiläum

 23.07.2020 09:13 Uhr

Sehr verehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Frau Dr. Knobloch, zunächst ist es mir eine große Freude, Ihnen und den Mitgliedern Ihrer Gemeinde zum 75. Jahrestag der Wiedergründung der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern am 15. Juli zu gratulieren! Die Wiedergründung fiel in eine Zeit, die man sich aus heutiger Sicht, zumal aus nichtjüdischer Perspektive, nicht vorstellen kann.

Mehr als 4500 jüdische Kinder, Frauen und Männer aus München wurden in der Schoa ermordet. Nicht einmal zu erahnen vermag ich die Trauer, den Schmerz und die Verzweiflung der kaum 100 Überlebenden bei der Wiedergründung. Doch muss ein kleiner Rest von Hoffnung und Vertrauen bei Menschen wie Ihrem hochgeschätzten Vater Fritz Neuland und Dr. Julius Spanier verblieben sein, um die Gemeinde wiederzugründen.

Mehr als 4500 jüdische Kinder, Frauen und Männer aus München wurden in der Schoa ermordet.

grundstein Als ein jüdisches Leben in München, Bayern und Deutschland unmöglich schien, legten sie den Grundstein für eine Zukunft, die alle Hoffnungen und Erwartungen übertraf. Sie haben damit unserem Land, unserer Gesellschaft ein Geschenk von unschätzbarem Wert gemacht. Und dafür darf ich heute auch Ihnen stellvertretend danken, die Sie dieses Vermächtnis angenommen und fortgeführt haben.

Die jüdische Gemeinde war und ist fester Bestandteil unseres Landes. Nicht erst, seit vor 207 Jahren das »Juden­edikt« des Ministers Maximilian Joseph Graf Montgelas die Gründung der »Cultusgemeinde« im Jahr 1815 und den Bau einer Synagoge ermöglichte. Viele herausragende jüdische Persönlichkeiten sind untrennbar mit der Geschichte der Stadt, des Königreichs und des Freistaats Bayern verbunden.

Umso mehr erschüttern mich Nachrichten wie jene vom vorvergangenen Donnerstag, als Ihr Gemeinderabbiner Opfer antisemitischer Beleidigungen und Anfeindungen auf offener Straße geworden ist. Es ist mir heute auch ein Anliegen, Ihnen, Herrn Rabbiner Brodman und Ihren Gemeindemitgliedern mein Bedauern und meine Solidarität zu übermitteln. Sie gehen einher mit der festen Entschlossenheit, im politischen und im gesellschaftlichen Kampf gegen Antisemitismus keinen Millimeter zu weichen.

antisemitismus Die Entwicklungen in den letzten Jahren, die Kriminalstatistiken, die von den Meldestellen erfassten Vorfälle unterhalb der Strafbarkeit, die geschätzte Dunkelziffer judenfeindlicher Vorfälle und die jüngsten Erkenntnisse der Verfassungsschutzbehörden erfüllen mich mit großer Sorge. Antisemitismus ist ein uraltes Phänomen und ein weltweites Problem, aber unser Land hat eine besondere Verantwortung gegenüber unseren jüdischen Bürgerinnen und Bürgern.

Wir haben der jüdischen Gemeinschaft, uns selbst und der Welt ein Versprechen gegeben, das »Nie wieder!« lautet. Davon sind wir leider weit entfernt. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft, darf aber nicht lähmen, sondern im Gegenteil, muss uns noch stärker aufrütteln und anleiten, den Judenhass in all seinen Erscheinungsformen und Ausprägungen zu benennen, zu analysieren, zu ächten und zu bekämpfen.

Wir haben der jüdischen Gemeinschaft, uns selbst und der Welt ein Versprechen gegeben, das »Nie wieder!« lautet.

Dazu bedarf es Ehrlichkeit und Beharrlichkeit sowie einer klugen, nachhaltigen Form der Erinnerungskultur, die das Gedenken an das Gestern pflegt und zugleich das Handeln im Hier und Heute stärkt. Beides habe ich mir als Landtagspräsidentin oben auf die Agenda gesetzt.

Die Hoffnungen und das Vertrauen der Überlebenden, die vor 75 Jahren die Israelitischen Kultusgemeinde in München neu gründeten, ist eine Verpflichtung, Freiheit und Demokratie gegen Angriffe aller Art zu verteidigen und für unser friedliches, respektvolles Miteinander einzustehen.

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