Porträt der Woche

Berlinerin im Exil

Katharina Palm ist Schauspielerin und Regisseurin und wuchs in der DDR auf

von Gerhard Haase-Hindenberg  07.05.2022 22:42 Uhr

»Die einzige Rolle einer Jüdin spielte ich als Kind«: Katharina Palm (59) lebt in Berlin. Foto: Chris Hartung

Katharina Palm ist Schauspielerin und Regisseurin und wuchs in der DDR auf

von Gerhard Haase-Hindenberg  07.05.2022 22:42 Uhr

Ich bin in Ost-Berlin geboren und hatte eine ganz normale DDR-Kindheit – war bei den Pionieren, in der FDJ, hatte Jugendweihe, alles ganz normal. Damals war meine Mutter Regie-Assistentin beim Fernsehen. Als ich vier Jahre alt war, spielte ich meine erste Rolle. Im Mehrteiler Wege übers Land war ich die Mala, ein kleines jüdisches Mädchen während der Schoa, das von einer Frau vor der Deportation gerettet wurde.

Ich erinnere mich an das tolle Gefühl, als ich von der Maskenbildnerin eine Perücke bekommen habe. Meine Mutter hatte mir nicht erlaubt, die Haare lang wachsen zu lassen. Aber Mala hatte Zöpfe. Und das fand ich großartig.

Es war auch schön, in dieser Zeit bei meiner Mama zu sein, denn ich war ansonsten in einem Wochenheim für Kinder untergebracht und sah sie immer nur am Wochenende. Trotzdem war bei mir nicht der Wunsch entstanden, Schauspielerin zu werden.

Plötzlich war ich neben Halb-Iranerin auch noch Jüdin.

Als meine Mutter später als Regisseurin arbeitete, hat sie viele Theater-Inszenierungen ins Fernsehen gebracht. Daher kannte ich die ganze Welt der Bühnen und des Films und fand die Leute dort alle ein bisschen bekloppt.

Nach der zehnten Klasse zogen meine Mitschüler los, um sich eine Lehrstelle zu suchen. Ich aber war immer nur auf irgendwelchen Partys und habe das völlig verpennt. Weil ich etwas Handwerkliches machen wollte und Holz toll fand, ging ich irgendwann zu den Theatertischlereien. Aber ich war viel zu spät und habe keine Lehrstelle mehr bekommen.

IDENTITÄT In dieser Zeit erfuhr ich, dass an der Berliner Schauspielschule ein Jahrgang aufgemacht wurde, für den sich Mädchen schon nach der zehnten Klasse bewerben konnten. Offenbar wollten die DDR-Theater für manche Stücke sehr junge Schauspielerinnen haben. Jedenfalls habe ich mich beworben und bekam eine Mentorin, die mich auf die Prüfung vorbereitete. Man hat mich genommen, und so wurde ich, was ich eigentlich nicht vorhatte: Schauspielerin.

Nach dem Studium war ich am Absolvententheater in Annaberg-Buchholz. Wir waren ein Ensemble von 13 Schauspielern, zusammen mit Dramaturgie- und Regie-Absolventen. Ich war aber nur anderthalb Jahre dort, danach am Theater in Altenburg, und 1985 bin ich nach Wien übergesiedelt. Ich hatte einen Österreicher geheiratet und blieb auf diese Weise eine DDR-Bürgerin mit ständigem Wohnsitz im Ausland. Ich wusste vorher auch nicht, dass es diesen Status gab.

In dieser Zeit unterhielt ich mich einmal mit meinem älteren Bruder, und er sagte in einem Halbsatz »… weil wir jüdisch sind«. Ich fragte: »Wir sind jüdisch?«, und er sagte: »Ja, weißt du das nicht?«. Da habe ich meine Mutter angerufen, und sie sagte: »Ja, und? Das spielt doch keine Rolle.«

Religion hat bei uns zu Hause nie eine Rolle gespielt.

Tatsächlich hatte Religion bei uns nie eine Rolle gespielt. Bei meinem Vater schon gar nicht, der als Exilant der kommunistischen iranischen Tudeh-Partei in die DDR gekommen war. Kurz nach meiner Geburt ist er gestorben.

IRAN Als ich nun in Wien war, kam das Buch von Betty Mahmoody Nicht ohne meine Tochter in Mode, und die Iraner mit ihrer Kultur kamen darin nicht gut weg. Ich habe erst sehr viel später auf einer Iran-Reise erfahren, was für ein großartiges Land das ist. Und plötzlich war ich neben einer Halb-Iranerin auch noch Jüdin.

Ich habe angefangen, mich mit dem Jüdischsein erst einmal auseinanderzusetzen und mich zu fragen: Macht das irgendetwas mit mir? Ist das nur eine Religion? Also, die paar Juden in unserem Bekanntenkreis, von denen ich das schon wusste, waren jedenfalls alle nicht religiös.

Ist das eine Kultur? Muss ich Hebräisch lernen? Solche Gedanken sind mir durch den Kopf gegangen, und irgendwann sagte ich mir: Gut, dann ist das eben so.

Im Jahr 1987 haben mich mein Beruf und eine neue Liebe nach Köln gebracht. Ich habe dort gedreht und war als Gast am Schauspielhaus engagiert. Nach der Geburt meines Sohnes brauchte ich irgendwann einen Kindergartenplatz. Das aber war völlig illusorisch. Jemand erzählte mir schließlich, es gebe einen jüdischen Kindergarten – und da bin ich am nächsten Tag hinmarschiert.

WIZO Ich wurde gefragt, ob ich jüdisch sei. Als ich »ja« sagte, riet man mir, zur Jüdischen Gemeinde zu gehen. Mein Bruder besorgte mir die Papiere unserer Familie, und da las ich zum ersten Mal das Wort »mosaisch«. Mit diesen Papieren bin ich zur Synagogen-Gemeinde gegangen, und eine Woche später hatte ich einen Kindergartenplatz. Und da ja 80 Prozent unserer hiesigen Juden aus der Sowjetunion kamen, hatten sie dort ein ganz tolles Programm.

Die Kinder haben für jeden Monat Blätter nach Hause mitgekriegt, zusammengebunden wie ein kleines Büchlein, in dem stand, worum es in diesem Monat ging, welche Lieder es gibt und was man zu den Feiertagen kocht. So bin auch ich durch diesen Kindergarten ausgebildet worden.

Eine jüdische Freundin fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mit zur WIZO zu kommen. Kurze Zeit später war ich schon im Vorstand dieser jüdischen Frauenorganisation, in dem ich zehn Jahre blieb. Wir haben große und kleine Events organisiert, und ich habe zwei jüdische Kochbücher für die WIZO herausgebracht. Sogar auf der World-WIZO-Aviv-Konferenz in Israel habe ich dafür Rezepte eingesammelt.

Es war ein sehr eindrückliches Erlebnis, dort mit Frauen aus der ganzen Welt zusammenzukommen und bei den einzelnen WIZO-Projekten zu sehen, was mit dem Geld passiert.

Als ich in Köln lebte, gründete ich mit einigen Mitstreiterinnen die Roonis, eine jüdische Krabbelgruppe, die es immer noch gibt.

Als mein zweiter Sohn zur Welt kam, stand ich vor dem Problem, dass ich wieder eine Betreuung brauchte, diesmal eine für Babys. So habe ich zusammen mit einigen Mitstreiterinnen die Roonis gegründet, eine jüdische Krabbelgruppe, die es immer noch gibt. Der Name kommt von der Roonstraße, wo die Synagoge steht.

Ich habe 22 Jahre in Köln gewohnt und bin doch keine Kölnerin geworden. Ich fühlte mich immer als Berlinerin im Exil. Hinzu kam, dass mein Sohn Noah ein paar Probleme in der Schule hatte. Da fiel mir ein, dass man in Berlin ja sechs Jahre zur Grundschule geht, und auch, dass es dort eine jüdische Grundschule gibt. Wir haben uns die angeguckt und fanden sie toll. Diese zwei Jahre länger waren genau die Zeit, die Noah noch gebraucht hat.

REGIE Ich habe in Berlin eine neue berufliche Herausforderung gefunden. Wie viele Schauspieler hatte auch ich Phasen, in denen ich nicht gut gebucht war. Da sagte mir mein Bruder, dass in den Studios für Film-Synchronisation Cutter gesucht werden.

Ich bekam die Chance, im Atelier zuzusehen, und war auch dabei, wenn geschnitten wurde, um den technischen Aspekt zu verstehen. Dann habe ich angefangen, als Cutterin zu arbeiten. Das hat sehr gut funktioniert, weil ich als Schauspielerin erklären und helfen konnte, bis es wirklich synchron war.

Eines Tages hat ein Kollege, der etwas sprechen sollte, gesagt, er mache das nur, wenn ich Regie führe. Da saß dann der Chef der Firma drin und hat mir hinterher angeboten, als Regisseurin tätig zu sein. Inzwischen arbeite ich freiberuflich für verschiedene Firmen in der Regie. Dabei läuft das immer parallel – selbst am Mikro zu stehen und Regie zu führen, das macht mir wahnsinnig viel Spaß.

VORURTEILE Vor der Kamera stehe ich nur noch selten. Durch meinen iranischen Vater sehe ich für viele Caster angeblich »nicht deutsch genug« aus, für Rollen mit Migrationshintergrund aber wiederum nicht nicht-deutsch genug.

Als ich noch in der DDR lebte, ist mein Aussehen nie von Belang gewesen. Ich habe in Die Witwe Capet gespielt, das ist ein Theaterstück von Lion Feuchtwanger. Da wurden mir die Augenbrauen blond gefärbt, ich habe eine blonde Perücke aufgekriegt – und dann war ich eben blond. Auch für andere Rollen gab es das. Mich hat damals nie jemand gefragt, warum ich »so dunkel« bin.

Ab dem Zeitpunkt, als ich in den Westen gegangen bin, wurde ich das dauernd gefragt. Einmal bin ich eingesprungen für einen großen Kinofilm, der auf der Berlinale Premiere hatte. Das Erste, was der Regisseur sagte, war: »Du bist so dunkel!« Und er hat mich die ganze Zeit getriezt deswegen. Dabei war es für die Rolle völlig egal. Die hatte nicht einmal einen Namen, ich spielte einfach nur eine Krankenschwester. Das hat mich jahrelang verletzt. Und ich gebe zu, es ist noch immer so.

Die kleine Mala in Wege übers Land war übrigens die einzige Jüdin, die ich jemals gespielt habe.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

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