Mainz

Batmizwa einer Synagoge

Anna Kirschner sticht die Jubiläumstorte an. Auch Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky (M.) und weitere Ehrengäste freuen sich. Foto: Armin Thomas

Mainz

Batmizwa einer Synagoge

Vor zwölf Jahren wurde das Gotteshaus eröffnet. Eine Feier in der Gemeinde

von Armin Thomas  08.09.2022 11:36 Uhr

Eigentlich wollte die Jüdische Kultusgemeinde Mainz-Rheinhessen vor zwei Jahren das zehnjährige Bestehen ihrer Neuen Synagoge groß feiern. Doch dann kam Corona dazwischen. So hat sie nun aus der Not eine Tugend gemacht und zwei Jahre später mit mehr als 800 Gästen das zwölfjährige Bestehen als Batmizwa gefeiert. Im Judentum wird ein Mädchen im Alter von zwölf Jahren religionsmündig.

Und ebendiese Mündigkeit »hat jetzt unsere wunderschöne Synagoge erreicht«, erklärte Anna Kischner. Die Vorsitzende der Kultusgemeinde erinnerte an die vielen Aktivitäten, Konzerte, Vorlesungen, Diskussionen und Begegnungen. »Nach zwölf Jahren können wir frohen Herzens sagen: Das Synagogenzentrum ist ein voller Erfolg geworden. Es ist unser neues jüdisches Heim!« Die Vorsitzende schwärmte: »Wie ein festes und unverwechselbares Möbelstück der Stadt Mainz leuchtet unser Synagogenzentrum auf und ist aus unserer Stadt nicht mehr wegzudenken. Es ist seitdem das Zentrum jüdischen Lebens in Mainz und Rheinland-Pfalz.«

WELTKULTURERBE Die Feier bildete zugleich den Auftakt zu den SchUM-Kulturtagen. Den Namen haben die bisherigen Jüdischen Kulturtage neu erhalten. Anlass dafür ist die Anerkennung der mittelalterlichen jüdischen Stätten in Speyer, Worms und Mainz (die Anfangsbuchstaben der hebräischen Städtenamen bilden das Akronym »SchUM«) als Unesco-Weltkulturerbe im Juli vorigen Jahres.

Die spektakuläre Architektur
fand große Beachtung in den Medien.

Wie eng Tradition und Gegenwart beieinander liegen, verdeutlichte der Mainzer Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky, der auf den hebräischen Namen der Neuen Synagoge verweist. Er ist gleich am Eingang zu lesen. Das Gotteshaus heißt »Meor ha Gola«, »Die Leuchte des Exils«, in Erinnerung an Gershom ben Jehuda (um 960 bis 1040). Er trug diesen Beinamen wegen seiner legendären Weisheit und begründet nun die führende Rolle der »SchUM-Städte« für das jüdische Leben in Deutschland und in Osteuropa (Aschkenas).

Der Bogen zur Gegenwart war dennoch schnell gespannt. Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, würdigte den vom Architekten Manuel Herz geschaffenen Bau »dieser einzigartigen Synagoge«. Und: »Ich kann es mir nicht verkneifen zu erwähnen, dass Manuel Herz aus meiner Heimatstadt Köln stammt.«

Das Bauwerk greift die Geschichte von Magenza in beeindruckender Weise auf. Die fünf Buchstaben des Wortes »Keduscha« für »Heiligkeit« geben dem Gebäude seine äußere Gestalt und prägen seine Silhouette. Die Grundidee von Herz lautet: Schrift ersetzt Architektur. Dies war stets ein Leitmotiv für jüdisches Leben im Exil. Die spektakuläre Architektur fand im Zuge der Einweihung vor zwölf Jahren eine beachtliche Resonanz auch in vielen überregionalen Medien.

EMOTIONEN Dass das Projekt auf dem Grundstück der am 3. September 1912 eingeweihten Hauptsynagoge auf den Tag genau 98 Jahre später auf dem Gelände dieses 1938 zerstörten Gebäudes stattfand, löste zusätzliche Emotionen aus. Man spürte an diesem besonderen Ort, was mehrere Redner am 3. September 2010 betonten: »Das jüdische Erbe von Magenza lebt.«

Lehrer wählte auch nachdenkliche Worte: »Als die Neue Mainzer Synagoge am 3. September 2010 eingeweiht wurde, war die Welt eine andere als heute.« Er erinnerte an den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, die Aufnahme vieler ukrainischer Flüchtlinge in den jüdischen Gemeinden und auch an die Einschränkungen des Zusammenlebens durch Corona. Und fügte hinzu: »Was nicht anders geworden ist seit 2010, ist der Antisemitismus, der eher zugenommen hat.«

Boris Rosenthal & Friends
begeisterten mit israelischen Songs.

Lehrer bezeichnete das Gemisch aus Reichsbürgern, Querdenkern und Neonazis als sehr gefährlich für die freiheitliche Demokratie. »Aber anders als Anfang des vorigen Jahrhunderts sind wir besser integriert«, sagte Lehrer. »Und mit dem Staat Israel gibt es heute einen Rettungsanker.«

Staatssekretär Dennis Alt erinnerte an die Freude vor zwölf Jahren, als die Neue Synagoge auf dem Standort der 1938 von Nazi-Horden zerstörten Hauptsynagoge eingeweiht wurde. Denn die deutsch-jüdische Geschichte sei leider auch mit Ausgrenzungen, Vertreibungen und Ermordungen verbunden. Alt betonte: »Antisemitismus darf in unserer Gesellschaft keinen Platz finden.« Der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling sagte, es sei ein Traum in Erfüllung gegangen, dass mit dem Bau der Neuen Synagoge jüdisches Leben wieder ins Zentrum der Stadt zurückgekehrt sei. »Lasst uns gemeinsam feiern.«

Boris Rosenthal & Friends begeisterten mit israelischen, jüdischen, russischen, ukrainischen und internationalen Hits. Susan Borofsky & Friends präsentierten Werke jüdischer Sänger und Songwriter der Gegenwart – von Barbra Streisand, Bob Dylan oder auch Simon & Garfunkel. Bei den beiden Konzerten von Boris Rosenthal und Susan Borofsky im Gemeindesaal gelang das Feiern ganz wunderbar. Im Synagogengarten und auf dem Platz gab es dazwischen reichlich Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen in entspannter Atmosphäre.

Weitere Infos zu den SchUM-Kulturtagen unter www.schumstaedte.de

Shelly Meyer

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