Freiburg

Badische Premiere

Die »russische Streisand«: Kantorin Svetlana Portnyanski Foto: Rita Eggstein

Freiburg

Badische Premiere

Zum ersten Mal richtet die Gemeinde ein Kulturfestival aus

von Martin Küper  23.10.2012 08:11 Uhr

Ein sportliches Programm, das die orthodoxe Gemeinde in Freiburg für ihre ersten Jüdischen Kulturtage auf die Beine gestellt hat: Konzerte und Lesungen, Filme und Vorträge, Führungen durch die Synagoge samt Gottesdienst und Kiddusch. 14 Tage lang bringen Künstler, Musiker und Intellektuelle die Fülle jüdischer Kultur in den Breisgau. Dabei wirbt die rund 750 Mitglieder starke Gemeinde nicht nur für ein neues Miteinander zwischen Juden und Nichtjuden jenseits bloßen Gedenkens – auch die Gemeinde selbst muss sich noch finden.

»Ohne Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion gäbe es praktisch keine jüdische Gemeinde in Freiburg«, sagt ihre Vorsitzende Irina Katz, die wie die meisten Mitglieder in den 90er-Jahren aus der Ukraine nach Deutschland kam. Andere stammen aus Russland, Litauen oder Weißrussland, aber auch aus Lateinamerika und dem Nahen Osten. »Bei all den kulturellen Unterschieden ist das Zusammenleben in der Gemeinde nicht immer einfach«, sagt die 54-Jährige, »und wir hoffen, dass unsere Kulturtage den inneren Zusammenhalt stärken.«

Interesse Aber natürlich will sich die Gemeinde auch nach außen darstellen und das nichtjüdische Publikum in Freiburg anziehen. »Bis vor wenigen Jahren hat sich die Öffentlichkeit nur an Holocaust-Gedenktagen für uns interessiert«, erzählt Katz. Inzwischen verspürt die ehemalige Lehrerin auch großes Interesse an der jüdischen Gegenwart in Deutschland: »Unsere Kurse über jüdische Kultur an der Volkshochschule sind immer restlos ausgebucht, und auch die Presse kommt inzwischen nicht mehr nur zu den traurigen Anlässen.«

Das gewandelte Verhältnis soll sich auch in den Veranstaltungen der Kulturtage widerspiegeln, der Titel. »Dem Leben zugewandt« ist Programm. »Wir haben das Thema Holocaust bewusst nicht in den Mittelpunkt gestellt«, sagt Irina Katz, »es wird natürlich nicht ausgeklammert, aber wir möchten gerade den jungen Menschen die Befangenheit nehmen.« Die nähmen das Judentum häufig nur über die Verbrechen der Nazis wahr.

Lebenswelten So wird die Schoa explizit nur im Vortrag des Historikers Heinrich Schwendemann von der Uni Freiburg thematisiert, der über den Umgang mit der Judenverfolgung in Südbaden nach 1945 sprechen wird. Der inhaltliche Schwerpunkt des Festivals ist die Lebenswelt post-sowjetischer Emigranten in Deutschland. Die wird mal humoristisch verarbeitet, wie im Kabarett-Programm »Schwarz, Rot, Koscher« von Alexej Boris, mal literarisch, wie in der Lesung »Der Russe ist einer, der Birken« liebt von Olga Grjasnowa. Auch mit Filmen wie Die Wohnung von Arnon Goldfinger, zwei »Nächten der Offenen Synagoge« und vielen musikalischen Einlagen soll der Spagat zwischen Öffentlichkeit und Gemeinde geschafft werden.

Wie das gelingen kann, zeigte am vergangenen Samstag die russisch-amerikanische Sängerin Svetlana Portnyanski bei ihrem Eröffnungskonzert. Man kennt sie in der gesamten jüdischen Welt für ihre jiddischen, russischen und ukrainischen Volksweisen, ihre traditionellen hebräischen Gebete, aber auch ihre Tango-Einlagen. Und selbst wer von ihren Texten kein Wort versteht, kann einfach ihrer hinreißenden Stimme folgen.

In der Biografie der »russischen Streisand« dürften sich viele jüdische Emigranten wiedererkennen. 1965 in Moskau geboren, unter kommunistischer Herrschaft von ihren religiösen und kulturellen Wurzeln entfremdet, entdeckt Svetlana Portnyanski ihre jüdische Identität über die Musik. Nach ihrer Ausbildung an der Gnessin-Musikakademie kommt sie 1989 an das gerade wiedereröffnete »Shalom«-Theater in Moskau. »Die Lieder, die ich dort kennenlernte, machten mir erst bewusst, wer ich wirklich war: ein jüdisches Mädchen in Russland.«

Amerika Doch mit wachsender Bekanntheit erfährt sie auch mehr und mehr Ablehnung: »Ich bekam immer häufiger Drohbriefe. Ich solle doch nach Israel verschwinden, war noch die harmlosere Verwünschung.« Die junge Frau ging tatsächlich, entschied sich aber für Amerika. Nach einer Reise 1991 bleibt sie einfach in den Vereinigten Staaten und lässt sich am Jewish Theological Seminary in New York ausbilden.

Inzwischen ist sie Kantorin an der Conservative Synagogue of Los Angeles, einer liberalen Gemeinde. 15-mal war die Mutter von zwei Söhnen schon in Deutschland zu Besuch. Gerade hat sie wieder eine zweiwöchige Tournee absolviert, und es dürfte nicht ihr letzter Aufenthalt gewesen sein. »Ich weiß nicht, woran es liegt, aber in den Gemeinden hier fühle ich mich immer besonders willkommen.«

Jubiläum Mehr als ein Jahr lang hat die Freiburger Gemeinde auf ihre Kulturtage hingearbeitet, die am 5. November in die Feiern zum 25-jährigen Bestehen der neuen Synagoge münden. Der Stolz ist den Veranstaltern anzumerken, dass sie mit den Möglichkeiten einer mittelgroßen Gemeinde ein Festival gestemmt haben, das es mit Köln, Frankfurt oder Berlin aufnehmen kann. Nicht nur dank der umtriebigen Kulturreferentin Myri Turkenich. Auch etliche freiwillige Helfer aus der Bürgerschaft haben sich engagiert, lobt Irina Katz: »Die großen Gemeinden haben vielleicht die Budgets, wir bekommen dafür alle moralische Unterstützung, die wir brauchen.«

www.jg-fr.de/index.php/juedische-kulturtage-programm.html

POWER LIST – Germany’s Top 50

Hape Kerkeling bekommt Sonderpreis für Zivilcourage

Auch die Ärztin und Bestsellerautorin Yael Adler, Bildungsministerin Karin Prien (CDU) sowie JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel wurden ausgezeichnet

von Imanuel Marcus  04.06.2026

Bildung

Zwei Orte, ein Anliegen

Yad Vashem wird eine Dependance in München und eine Außenstelle in Leipzig eröffnen. Die Freude über diesen wichtigen Beitrag zur Erinnerungs- und Gedenkkultur ist groß

von Katrin Richter  04.06.2026

Diplomatie

Lebendiges Netzwerk

30.000 Euro für die deutsch-israelische Zusammenarbeit: Botschafter Ron Prosor zeichnet vier wegweisende Initiativen aus

 03.06.2026

Nachruf

Kein Tag ohne Linie

Pavel Feinstein porträtierte Tiere, Freunde und immer wieder sich selbst. Nun ist der Maler überraschend gestorben

von Eugen El  03.06.2026

Archäologie

Forschungsgrabung zu Erfurts jüdischem Erbe beginnt im August

Bei einer archäologischen Grabung in Erfurt suchen Fachleute ab August nach Spuren des mutmaßlichen Tanzhauses der zweiten mittelalterlichen jüdischen Gemeinde. Die Archäologen hoffen auf Hinweise zur Entstehungszeit und zu späteren Umbauten

von Matthias Thüsing  03.06.2026

Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen

Leipziger Fotoausstellung zu jüdischem Leben

Die Ausstellung »Momentaufnahme. Das Fotoarchiv Mittelmann« stellt u.a. die Familie des Fotografen vor

 03.06.2026

Judenhass

Bayerisches Hotel verschickt antisemitische Nachricht an Israeli

»Tut uns leid, in unserem Hotel sind keine Juden erlaubt«: Diese Nachricht erhielten israelische Touristen vom Hotel »Zum Hirschen« in der Ortschaft Lam

von Imanuel Marcus  04.06.2026 Aktualisiert

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  02.06.2026

Programm

Klang, Gang und Streisand: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 3. Juni bis zum 10. Juni

 02.06.2026