Digitalisierung

Avatare gegen das Vergessen

Eva Umlauf (u.M.) schaut auf ihren eigenen Avatar. Foto: Rolf Walter/xpress.berlin

Der Mensch ist durch ein Hologramm nicht zu ersetzen. Wenn die letzten Überlebenden der Schoa von uns gegangen sein werden, geht eine Ära zu Ende. Unermüdlich besuchten sie Schulen, sprachen mit Kindern und Jugendlichen, noch in höchstem Alter. Sie erzählten ihre Geschichten, antworteten, stellten selbst Fragen. Eine solche Begegnung wird ein junger Mensch niemals vergessen.

Auch wenn in Gegenwart und Zukunft ihre bewegten Abbildungen, ihre Hologramme und Avatare diese Schicksale erzählen und sogar auf Fragen antworten können, so werden sie nichts anderes sein als ein Hologramm in einer Schule, einem Museum oder in einer Gedenkstätte.

Alternative, digitale Formen des Erinnerns, Gedenkens, des Erzählens und Bewahrens

Und doch sind sie eine Möglichkeit, gibt es alternative, digitale Formen des Erinnerns, Gedenkens, des Erzählens und Bewahrens. Es ist durchaus sinnvoll, sie vorauszudenken, ihre Möglichkeiten zu erörtern und ihre Nutzung in die Wege zu leiten: Das zeigte eindrucksvoll die Tagung Digitale Horizonte – Die Transformation der Erinnerungskultur der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Deutschland am Dienstag und Mittwoch vergangener Woche in Berlin.

»Erinnern ist kontinuierlichen Veränderungsprozessen unterworfen«, schreiben Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann und der Direktor der Bildungsabteilung, Doron Kiesel, in ihrer Botschaft zum Tagungsauftakt. Nach den Nürnberger Prozessen, nach den ersten Berichten und Büchern war es in den 70er-Jahren Claude Lanzmann, der in seiner Dokumentation Shoah den Überlebenden Stimmen und Gesichter im Medium Film gab. In den 90er-Jahren sammelte Steven Spielbergs Shoah Foundation dokumentarische Aufzeichnungen der Zeitzeugen.

Heute sind es Hologramme und virtuellen Avatare, hergestellt von Unternehmen wie Meta, StoryFile oder Memory Workers, die bereits intelligent interagieren. »Gesellschaftliche Erinnerung wird durch die digitalen Möglichkeiten zur Organisation von Wissen, Erfahrungen und Perspektiven im Informationszeitalter von seinen medialen Potenzialen entkoppelt und transformiert. Dadurch wandelt sich nicht nur die Art, wie sich Selbst- und Fremdbilder formieren, sondern auch das kulturelle Gedächtnis an sich«, so Botmann und Kiesel.

Zu den »Wahrnehmungsverschiebungen zur Erinnerung im digitalen Zeitalter« referierten Expertinnen und Experten auf der Fachtagung.

Zu diesen »Wahrnehmungsverschiebungen zur Erinnerung im digitalen Zeitalter« referierten Expertinnen und Experten auf der Fachtagung. Einmal abgesehen von der Frage nach der »Halbwertzeit« der VR-Technik und ihrer wuchtigen Darstellungs-Brillen ging es vor allem um eine Klicks generierende Emotionalisierung der Erinnerung, um deren Missbrauch in sozialen Medien, auf Plattformen wie TikTok oder YouTube.

Bewusste Halb- und Desinformation im Zeitalter von Fake News

Viel ist die Rede von bewusster Halb- und Desinformation im Zeitalter von Fake News, immer kürzeren Aufmerksamkeitsspannen, von Geschäftsmodellen, von Holocaust-Verklärung bis zu dessen Verzerrung und einer Täter-Opfer-Umkehr, untermalt von immer krasseren Beispielen wie etwa jenen Videoclips, in denen sich Jugendliche selbst als Holocaust-Opfer in Szene setzten.

So war es am Dienstagnachmittag Eva Umlauf, die zusammen mit Karen Jungblut (Memory Workers LLC) und moderiert von Ruth Kinet (Claims Conference) in der Podiumsdiskussion »Digital Testimonies – Virtuelle Realitäten und Hologramme als Zeitzeugen« den Finger leibhaftig auf die Problematik legte und den Theoremen kräftig Leben einhauchte.

Eva Umlauf, geboren 1942 im slowakischen Arbeitslager Novaky und 1944 nach Auschwitz-Birkenau verschleppt, ist eine der aktivsten Zeitzeuginnen der Schoa. Sie schrieb Bücher und hält immer noch beinahe täglich Vorträge. Es sei nun das zweite Mal, dass sie »ein Hologramm gemacht« habe. »Ich wusste zuerst gar nicht, was das ist, aber ich dachte, ich versuche das«, berichtet sie dem gespannten Publikum. 32 Kameras des Fraunhofer-Instituts nahmen sie auf. »Es ist wie eine weiße Röhre, in der ich stand, ich bekam Fragen gestellt und antwortete.« Zweieinhalb Stunden dauert das.

In dem kurzen Einspieler, 2019 produziert von der Forschungsabteilung, ist dann Eva Umlaufs Avatar in einem kahlen virtuellen Raum zu sehen. Der Avatar, um den sich eine Kamera zu drehen scheint, spricht: »Mein Name ist Eva Umlauf …«, man hört die Geräusche eines Zuges. Das Ganze wirkt noch ein wenig dünn, und die Zeitzeugin blickt skeptisch zur Projektion über ihrem Kopf. »Es zu machen, war nicht so fremd, wie es zu sehen«, sagt sie.

Laut Zahlen der Claims Conference gibt es weltweit noch knapp 200.000 Überlebende der Schoa

Laut Zahlen der Claims Conference gibt es weltweit noch knapp 200.000 Überlebende der Schoa. Als Child Survivor sei sie mit 83 Jahren noch eine der Jüngsten, erklärt Eva Umlauf. Es wird geschätzt, dass bisher etwa 50 bis 60 Zeitzeugen eine vollständige VR-Erfassung auf sich genommen hätten. Die Prozedur ist anstrengend. »Wer würde sich dazu bereit erklären?«, fragt sich Umlauf und berichtet detailliert, wie sie vor sieben Jahren zum ersten Mal an einer vollständigen VR-Dokumentation teilgenommen hat.

»Wir brauchen kein TikTok, das unsere Geschichte in 90 Sekunden erzählt.«

Eva Umlauf

»Es war an einem tristen englischen Ort, dessen Name mir entfallen ist. Wir mussten weit anreisen, weil sich dort die neuesten Geräte befanden. Die Aufnahmen dauerten eine Woche. Es war kalt im Januar, und die Heizung im Hotel war ausgefallen, Gott sei Dank aber nicht meine. Das allein können viele ältere Zeitzeugen schon gar nicht mehr.«

In Studien wird seit Längerem ermittelt, welche Fragen Schüler am häufigsten stellen. Damit der Avatar der VR-Technik individuell und quasi spontan antworten kann, wurden ihr insgesamt 1000 Fragen gestellt, jeden Tag mehr als 100, die sie möglichst knapp beantworten sollte. Und das Ergebnis sei zunächst ernüchternd gewesen.

»Es ist wie meine Stimme auf dem Anrufbeantworter, die ist mir auch fremd«

»Das war nicht ich. Ich komme mir entfremdet vor«, sagt Umlauf, »es ist wie meine Stimme auf dem Anrufbeantworter, die ist mir auch fremd.« Zudem sei das Verfahren noch nicht ausgereift gewesen. Auf die Frage: »Was ist deine Lieblingsfarbe?« antwortete der Avatar: »Ich habe eine Schwester.« Ein eingespielter Beitrag des Bayerischen Rundfunks dagegen zeigt, wie Eva Umlauf nach einem Marsch von Auschwitz nach Birkenau vor rund 1300 Jugendlichen und jungen Menschen liest und spricht und sie zutiefst berührt.

Und dann wird sie beinahe wütend: »Wir brauchen kein TikTok, das die Geschichte eines Holocaust-Überlebenden in 90 Sekunden erzählt.« Großer Applaus. Es gebe viele Formen der Erinnerung, Tausende Bücher, Filme, Video-Dokumentationen. »Wir können nicht sagen: Wir hätten nichts getan, und jetzt haben wir Hologramme. Hurra!« Und doch stelle die VR-Technik für sie eine weitere Möglichkeit dar.

»Man kann VR nicht mit einem lebendigen Menschen vergleichen. Es ist ein Ersatz. Ob es ein guter oder schlechter Ersatz ist, wird die Zeit zeigen.« Denn sie habe auch gesehen, wie ein junges Mädchen auf ihren Avatar reagierte: »Sie sagte: Stell dir vor, ich habe gerade mit einer Holocaust-Überlebenden geskypt!« Eva Umlauf lächelt. »Ich weiß nur nicht so recht, ob ich das gut oder schlecht finden soll.«

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