»Coffee with a Jew«

Auf ein Käffchen

Als Ariella Chmiel und Daniel Gitbud die Idee für »Coffee with a Jew« entwickelten, blickten sie mehr als nur einmal in besorgte Gesichter. Gerade in diesen Zeiten öffentlich als jüdisch in Erscheinung zu treten, sich gerade in diesen Tagen auf der Straße unter die Bevölkerung zu mischen, erschien angesichts allgegenwärtiger Security und umfänglichen Polizeischutzes für jüdische Einrichtungen als waghalsiges Unterfangen.

Aber: Rückzug konnte auch nicht die Lösung sein, dachten sich die Vorsitzenden der Münchner B’nai-B’rith-Loge »Hebraica Menorah« und ließen sich von keiner unterschwelligen Angst einschüchtern.

Der Name soll provokant und mit einem ironischen Dreh zum Gespräch auffordern

Bereits beim Aufstellen einer symbolischen Schabbat-Tafel mit 240 leeren Stühlen für die nach Gaza verschleppten Israelis vor einem Jahr auf dem Marienplatz hatten Gitbud und Chmiel viele positive Erfahrungen gemacht. Spontan hatten ihnen damals Passanten beim Aufbau geholfen, viele hatten interessiert zu den Geiseln nachgefragt und ihr Mitgefühl geäußert. Immer wieder zeigte sich: Die Neugierde war groß, aber der spontane Kontakt zu jüdischen Menschen außerhalb eines institutionalisierten Rahmens nur schwer aufzubauen.

Dass ein Kaffee für das ungefilterte Zusammentreffen die beste Gelegenheit bietet, weiß der erfahrene Barista Daniel Gitbud schon von Berufs wegen. Nachdem die aus den USA stammende Aktion »Coffee with a Cop« in den letzten Jahren auch in Deutschland erfolgreich durchgeführt wurde, stand das einfache wie effektive Konzept schnell fest, für das eine geliehene Kaffeemaschine und jede Menge Gesprächsbedarf ausreichten. Dazu noch ein eingängiges Motto, mit dem das neue Projekt der Loge schließlich ins Rollen kam: »Sprecht mit uns, nicht über uns!«

Unter anderem am Sankt-Anna-Platz und vor dem Alten Peter direkt neben dem Marienplatz haben Chmiel und Gitbud ihr mobiles Kaffeehaus bereits aufgebaut, meist sind sie zwischen drei und fünf Personen. Auf Vorankündigungen und Werbung verzichten die beiden bewusst, der Name »Coffee with a Jew« auf dem Banner soll provokant und mit einem ironischen Dreh zum Gespräch auffordern. Das funktioniert, trotz unerwarteter Hindernisse: Nicht immer wissen die Passanten, was sie eigentlich fragen dürfen. »Für viele ist die Verunsicherung groß, in ein Fettnäpfchen zu treten«, meint Gitbud. »Umso wichtiger ist es, dass wir durch den persönlichen Kontakt die Hürden abbauen können.«

Es gibt jede Menge Gesprächsbedarf

Oft gelte es, zunächst einmal ein paar Grundlagen zu erklären. Als Eisbrecher liegen Karten mit Beispielfragen auf dem Tisch. Die Fragen können dabei ganz simpel sein: »Darf man Jude sagen?« Oder: »Sind alle Juden Israelis?« Oder: »Wie groß ist die jüdische Gemeinde in München?« Manche Fragen erfordern ausführlichere Erklärungen, etwa wenn es um die Definition von Zionismus geht.

»Es gibt keine falschen Fragen«, meint Ariella Chmiel: »Uns geht es auch darum, mit dem Stand einen kleinen Safe Space zu schaffen.« Dabei komme es natürlich immer wieder auch zu kontroversen Diskussionen, aber, und darauf legen die Organisatoren Wert, die Gespräche seien stets bereichernd gewesen und die Erfahrungen bislang überwältigend positiv. Auch vonseiten der Landeshauptstadt gab es inzwischen interessierten Besuch. Der Zweite Bürgermeister Dominik Krause und seine Parteikollegin und Fraktionsvorsitzende der Grünen im Münchner Stadtrat, Mona Fuchs, zeigten vor Ort ihre Unterstützung für das Projekt. Diese wurde mit herzlichem Dank aufgenommen, auch wenn »Coffee with a Jew« weiter bewusst nicht an große Institutionen angebunden werden soll.

Im Unterschied etwa zu Begegnungs- oder Dialogprojekten, wie sie häufig an Schulen stattfinden, ist das Gespräch auf der Straße ausdrücklich so niedrigschwellig wie möglich gedacht, direkt inmitten der Stadtgesellschaft. Von diesem Konzept zeigte sich auch die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, sehr beeindruckt: »Es ist wichtig, dass Menschen sich ein wirkliches Bild vom Judentum machen können«, betonte Knobloch, die dem Kaffeestand vor dem Museum Brandhorst Ende November in Begleitung ihres Hundes einen entspannten Besuch abstattete. Es sei richtig und erfreulich, »dass diese beiden jungen Menschen Mut und Bereitschaft zeigen, um an die Öffentlichkeit zu gehen und Fragen über das jüdische Leben und auch über die derzeitige Situation zu beantworten.«

Solche Begegnungen werden den Antisemitismus nicht überwinden, das wissen auch Chmiel und Gitbud. »Die Idealvorstellung, dass es keinen Hass mehr gibt, ist natürlich illusorisch«, meint Gitbud. »Wir können damit aber trotzdem ein bisschen zur Aufklärung beitragen.« Es könne beides geben, erklärt Chmiel: »Ohne dass wir die bestehenden Gefahren ausblenden oder kleinreden, sind Konfrontationen und Begegnungen möglich.«

Das Projekt »Coffee with a Jew« wird nach den ersten Erfolgen auf jeden Fall fortgesetzt. Weitergehen soll es bereits im Januar. Gerade jetzt, so Ariella Chmiel, sei die richtige Zeit dafür.

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