Buchrezension

Architektur des Bruchs

Guttmann, der 1977 starb, wird von der Autorin Alexandra Klei eingehend und fachkundig gewürdigt. Foto: PR

Der Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden in Westdeutschland nach der Schoa war mühsam und zäh. Die Gemeinden der deutschen Nachkriegsgesellschaft blieben klein, bis Anfang der 90er-Jahre russischsprachige Kontingentflüchtlinge kamen. Doch auch ihre finanziellen Möglichkeiten waren zu begrenzt, um die in der Pogromnacht und im Zweiten Weltkrieg zerstörten Synagogen wieder aufbauen zu können. Die Synagogenneubauten aus der Zeit des Wirtschaftswunders waren oft nicht nur klein und häufig am Stadtrand gelegen, sondern bewusst unscheinbar gestaltet.

Mit Hermann Zvi Guttmann gab es jedoch einen Architekten, dessen Entwürfe den Gemeinden zu signifikantem architektonischen Ausdruck und baulichen Gesicht verhalfen. Geboren 1917 im heute polnischen Bielitz, gestaltete er das jüdische Bauen nach 1945 maßgeblich. Nach dem Architekturstudium in München ging Guttmann Anfang der 50er-Jahre nach Frankfurt und entwarf Synagogen, Gemeindezentren, Mikwaot und Denkmäler.

Schutzbauten Guttmanns Werke spiegelten nicht nur den Bruch wider, der durch die Verfolgung und Vernichtung des deutschen Judentums entstanden war, sondern auch die anfängliche Zerbrechlichkeit jüdischen Lebens in der bundesdeutschen Gesellschaft. »Nach Auschwitz« sollten seine Synagogen ihren Gemeinden Schutz und dem Einzelnen Zuflucht und »innere Heimat« bieten.

Deutlich wird dies bereits bei seinem Entwurf der Neuen Synagoge in Offenbach 1956, dem ersten Synagogenneubau in Hessen nach 1945. Gegenüber der alten Synagoge gelegen, zeigt der Entwurf eindrucksvoll, wie moderne Architektur und jüdische Liturgie ebenso zusammenfinden wie Geschichtsbezogenheit und Zukunftsoptimismus: Die Mittelachse des Neubaus ist auf den Kuppelmittelpunkt der ehemaligen Synagoge ausgerichtet. Der Saalbau des Neubaus hingegen hat abgerundete Außenmauern, »die die Menschen wie in einem Tallit umhüllen«, hieß es damals.

Als die Gemeinde Mitte der 90er-Jahre schnell wuchs, wollte sie eine neue Synagoge bauen. Es folgte eine aufgebrachte Diskussion über die Bedeutung von Guttmanns Synagoge. Die Anerkennung als Kulturdenkmal bewirkte letztlich die Ergänzung um einen Neubau.

Rundungen Bei der 1958 eingeweihten Synagoge in Düsseldorf mit 400 Plätzen hat Guttmann die Form eines Ovals gewählt. Mit ihrer flachen Kupferhaube wirkt die Synagoge wie ein schützender Kokon. Die Vorliebe für weiche, organische Formen zeichnen auch die Bauten auf dem Jüdischen Friedhof in Hannover-Bothfeld aus: Die parabolische Bogenform von Guttmanns Trauerhalle wurde in den Arkaden aufgegriffen.

Guttmann, der 1977 starb, wird von der Autorin Alexandra Klei eingehend und fachkundig gewürdigt. Klei studierte Architektur und promovierte mit der Arbeit Der erinnerte Ort. Funktion und Bedeutung der Architektur nationalsozialistischer Konzentrationslager für die Abbildung und Präsentation von Geschichte. Sie war Lehrbeauftragte an der Ruhr-Universität in Bochum, forschte zur Architektur der Weißen Stadt Tel Aviv und ist seit dem Sommer 2014 am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg tätig. Es ist ihr Verdienst, das bauliche Erbe von Guttmann zu würdigen und in die Nachkriegsgeschichte der jüdischen Gemeinden in (West-)Deutschland einzuordnen.

Alexandra Klei: »Jüdisches Bauen in Nachkriegsdeutschland – Der Architekt Hermann Zvi Guttmann«. Neofelis, Berlin 2017, 380 S., 29 €

Ferien

Unsere kleine Stadt

Mehrere Wochen trafen sich deutsche, ukrainische und israelische Jugendliche in Brandenburg zu einem Sommercamp der Initiative »J-ArtEck«. Zum Abschluss inszenierten sie eine Oper von Paul Hindemith

von Leon Stork  23.08.2026

Plädoyer

Stark und selbstbewusst

Die Zeiten des Ghettos und Sich-Wegduckens gehören zum Glück der Vergangenheit an. Umso mehr sollten Juden hierzulande entschiedener für ihre Interessen eintreten

von Sacha Stawski  23.08.2026

Porträt der Woche

Mein Traum von Frieden

Yuval Halpern ist Sänger der iranisch-israelischen Band Sistanagila

von Alicia Rust  23.08.2026

Jüdisches Erbe

Leipziger Stadtrundgang zu jüdischer Musik

Mit dem »Notenbogen« erhält Leipzig einen weiteren musikhistorischen Stadtrundgang. Der Fokus soll dabei auf den Spuren »jüdischer Musik« liegen

von Joris Ufer  23.08.2026

Deutschland

Weil er sich israelsolidarisch äußerte: Mann wird mit Cuttermesser an Berliner U-Bahnhof angegriffen

Die Hintergründe

 22.08.2026

Memoiren

Und dennoch!

2012 erschienen die Lebenserinnerungen der Schoa-Überlebenden Charlotte Knobloch. Titel: »In Deutschland angekommen«. Heute sagt sie: »Ich habe mich getäuscht.« Jetzt legt deshalb ein weiteres Buch vor

von Christoph Renzikowski  21.08.2026

Benjamin Graumann Jüdische Gemeinde Frankfurt

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  21.08.2026

Straßenfest

Chabad Berlin feiert 30. Jubiläum

Drei Jahrzehnte jüdisches Leben: Mit einem Straßenfest möchte eine jüdische Gemeinde in Berlin nicht nur die eigene Geschichte feiern. Es soll auch ein Blick in die Zukunft geworfen werden

 20.08.2026

Vorschau

Widderhorn im Dom und ein Hauch von »Yiddish Summer« - Festival »Shalom-Musik.Koeln«

Begegnungen, Neugier und Zuhören fördern - das wollen die Macher des Festivals »Shalom-Musik.Koeln«. Und reichlich Musik und Gesang auf die Bühne bringen. Der Verein hinter dem Festival bekommt dafür jetzt einen Preis

von Leticia Witte  20.08.2026