Kulturzentrum

»Antisemiten sind immer die anderen«

Foto: PR

Kulturzentrum

»Antisemiten sind immer die anderen«

Eva Gruberová und Helmut Zeller stellten im Gespräch mit Jan Fleischhauer ihr neues Buch vor

von Helmut Reister  09.12.2021 10:57 Uhr

Das Autorenpaar Eva Gruberová und Helmut Zeller ist reiseerprobt. 2017 legten die beiden das Ergebnis ihrer Tour durch sieben ehemals kommunistisch beherrschte Länder unter dem Titel Taxi am Shabbat – Eine Reise zu den letzten Juden Osteuropas vor. Der Erfolg war so groß, dass der Verlag C. H. Beck einen weiteren Vertrag mit den versierten Publizisten schloss, die sich nun auf eine Reise durch Deutschland begaben. Die beiden wollten erkunden, wie vor Ort jüdische Existenz wahrgenommen, gefördert, mit Gleichgültigkeit übergangen oder gar angefeindet wird.

Das Ergebnis ihrer ernüchternden Recherche stellten sie auf Einladung des IKG-Kulturzentrums vor Kurzem im Jüdischen Gemeindezentrum am Jakobsplatz vor. Nicht umsonst trägt ihr neues Buch den Titel Diagnose Judenhass. Die Wiederkehr einer deutschen Krankheit.

gesellschaft Wer angesichts des Erfolgs und Zuspruchs in Hinblick auf das Festjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« an eine »Renaissance des Judentums« glaubt, wird hier eines Besseren belehrt. Es bleibt weiterhin viel zu tun. Im Gespräch mit dem »Focus«-Kommentator Jan Fleischhauer machen Gruberová und Zeller deutlich, dass antisemitisches Gedankengut nicht nur an den Rändern, sondern in der Mitte der Gesellschaft seine zerstörerische Wirkung ausübt.

Als erstes Beispiel wählten sie einen Auszug aus der zweiten von vier Themengruppen ihres Buches, »Ein politisches Minenfeld: Antisemitismus unter Muslimen«. Am 29. Juli 2014 bewarfen drei junge Palästinenser die Wuppertaler Synagoge mit Brandsätzen. Der Richter »bewertete den Angriff als politisch motiviert, als Ausdruck der Kritik am Staat Israel«, und nicht als antijüdisches Hassverbrechen. »Wuppertal ist kein Einzelfall«, konstatiert das Autorenpaar. Solche Vorkommnisse ließen sich auf Reisen systematisch sammeln, doch sie gehörten ohnehin zur täglichen Erfahrung.

Helmut Zeller, Leiter der Dachauer Lokalredaktion der »Süddeutschen Zeitung«, ist mit dem Thema durch den Sitz der KZ-Gedenkstätte ständig konfrontiert. Seine Frau Eva Gruberová führte jahrelang Besuchergruppen über das Gelände, wurde Bildungsreferentin am Max-Mannheimer-Studienzentrum in Dachau und arbeitet inzwischen bei RIAS Bayern, der regionalen Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus.

internet Judenfeindliche Vorkommnisse würden seit 1945 immer wieder in Wellen auftreten, derzeit jedoch sehr viel lauter und sichtbarer. Daran habe auch das Internet seinen Anteil. Straftaten hätten zugenommen. Beide konstatieren, dass »eine Schlussstrichmentalität nicht nur unter Erwachsenen, sondern auch in Schulen verbreitet« sei. Gruberová musste bei Führungen feststellen, dass Schüler über immer weniger Wissen in diesem Bereich verfügen.

Dafür ist an anderer Stelle Neues hinzugekommen. Der Antisemitismus habe unterschiedliche Ausdrucksformen gefunden, beispielsweise in Form sogenannter Israel-Kritik. Die BDS-Bewegung wiederum stehe für Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen, die man einem demokratisch legitimierten Staat wie Israel zumutet, nicht aber despotischen Regimen, die es weltweit gebe. »Und im Übrigen«, so ergänzt Helmut Zeller, »Antisemiten sind immer die anderen.«

Eva Gruberová und Helmut Zeller: »Diagnose Judenhass. Die Wiederkehr einer deutschen Krankheit«. C. H. Beck, München 2021, 279 S., 16,95 €

Dialog zwischen den Religionen

»Christlich-Jüdische Zusammenarbeit 2026« in Köln eröffnet

Mit der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an den katholischen Judaisten Christian Rutishauser beginnt die einstige »Woche der Brüderlichkeit«

 08.03.2026

Ehrung

Holocaust-Überlebender Leon Weintraub erhält Göttinger Friedenspreis

Auszeichnung für einen Hundertjährigen und für das Schulnetzwerk »Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage«

 08.03.2026

Internationaler Frauentag

Sie machen die Gemeinden

Wie prägen Frauen die jüdische Community? Wir haben uns bei Vorsitzenden umgehört

von Katrin Richter, Christine Schmitt  08.03.2026

Porträt

Mit viel Gespür

Franklin Oberlaender ist Familientherapeut, liebt Bücher und das Genre »Film Noir«

von Alicia Rust  08.03.2026

Erfurt

Jüdisch-Israelische Kulturtage in Thüringen eröffnet

Die diesjährigen Jüdisch-Israelischen Kulturtage bringen israelische Kultur nach Thüringen und setzen mit Konzerten, Lesungen und Debatten ein Zeichen gegen Antisemitismus. Die Eröffnung stand im Zeichen der aktuellen Kämpfe im Nahen Osten

 06.03.2026

Forschungsprojekt

Hochschule für Jüdische Studien will Schüler handlungsfähig machen

Antisemitischer Hass ist im Netz allgegenwärtig. Ein neues Projekt erforscht jetzt linken Judenhass - und befähigt Schüler, der Hetze entgegenzutreten. Entscheidend dabei: Medienkompetenz und historisches Wissen

von Volker Hasenauer  06.03.2026

Hamburg

Jüdische Zukunft an der Elbe

Debattieren, begegnen und einander stärken: Mehr als 400 junge Erwachsene setzten beim Jugendkongress ein Zeichen

von Joshua Schultheis, Mascha Malburg, Moritz Piehler  05.03.2026

Berlin

Jüdisches Krankenhaus sucht weiter nach neuem Träger

Das insolvente Jüdische Krankenhaus Berlin soll zunächst weiter in Eigenverwaltung saniert werden. Der Krankenhausbetrieb wird in dieser Zeit in vollem Umfang aufrechterhalten

 05.03.2026

Reaktionen

Zwischen Sorge und Hoffnung

Jüdinnen und Juden mit iranischen Wurzeln verfolgen intensiv die Nachrichten – sie bangen mit den Israelis und hoffen, eines Tages wieder in den Iran reisen zu können. Wir haben uns umgehört

von Katrin Richter, Christine Schmitt  04.03.2026