Pflege

Alt werden in der Provinz

Fürsorge allein reicht nicht aus: Im Alter möchten Juden gern in jüdischer Gemeinschaft leben. Foto: Fotolia

Irgendwann geht es einfach nicht mehr. Auch wenn die Kinder es nicht wahrhaben wollen: Ihre Eltern können sich nicht mehr allein versorgen. Zu wissen, dass sie in einem Heim aufgenommen werden, das auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet ist, kann den Schock über den neuen Lebensabschnitt bei allen Beteiligten immerhin mindern. Jüdische Senioren haben jedoch ein zusätzliches Problem: Jüdische Altersheime gibt es längst nicht überall, unter Umständen müssten sie viele 100 Kilometer von ihren Lieben entfernt leben.

Statistik Schaut man sich die Altersgliederung in der Mitgliederstatistik der jüdischen Gemeinden aus dem Jahr 2010 an, so fällt auf, dass 15.433 Gemeindemitglieder zwischen 51 und 60 Jahre alt sind, 17.550 zwischen 61 und 70 Jahre und rund 25.000 älter als 71 sind – und die Senioren damit die Mehrzahl der Juden in der Bundesrepublik stellen.

»Wir haben eine gute Sozialabteilung, die ältere Gemeindemitglieder nach Kräften unterstützt«, sagt Alexander Trehmann, Vorstandsassistent der Jüdischen Gemeinde Aachen. Wenn die Senioren aus dem Dreiländereck sich irgendwann nicht mehr alleine versorgen können und in einem Heim besser aufgehoben wären, müssen sie einen Umzug in eine andere Stadt in Kauf nehmen, denn die nächsten jüdischen Alteneinrichtungen gibt es in Köln und in Düsseldorf.

Wer in ein Aachener Seniorenheim zieht, kann immerhin damit rechnen, sich dort auch in seiner Muttersprache verständigen zu können, »denn die meisten Einrichtungen haben heute russischsprachiges Personal«. Das allein reiche natürlich zum Wohlbefinden nicht aus: »Die meisten Senioren wollen schon lieber in ein Heim, in dem sie in jüdischer Umgebung leben können«, weiß Trehmann, »da nehmen die Familienmitglieder eine längere Anfahrt in Kauf – und so weit ist Aachen ja weder von Köln noch von Düsseldorf entfernt.« Und außerdem sei es für Kinder ja immer auch »eine große Erleichterung, wenn sie wissen, dass ihre Eltern gut und vor allem so untergebracht sind, wie sie es sich wünschen«.

Entfernungen Von Altersheimen in 100 Kilometer Entfernung konnten jüdische Senioren in Mecklenburg lange Jahre nur träumen. Seit zwei Jahren können alte Menschen der Gemeinden Rostock und Schwerin aber dank eines Pilotprojekts in jüdischer Umgebung leben. Elf Stationen mit je zehn Zimmern stehen im Haus »Am Wasserturm« zur Verfügung, davon ist eine Etage für jüdische Senioren reserviert.

Kaum ein alter Mensch gibt jedoch gern die Selbstständigkeit in den eigenen vier Wänden auf, um in ein Heim zu ziehen. »Bei Leuten, die aus der ehemaligen Sowjetunion stammen, egal, ob sie nun Juden oder Nichtjuden sind, ist die Hemmschwelle besonders hoch«, erzählt Gianna Marzuc von der Zweigstelle der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) in Mecklenburg-Vorpommern. »Die Eltern in ein Heim zu bringen, statt sie zu Hause zu versorgen, ist in diesen Ländern nicht üblich gewesen, im Gegenteil, es wurde schon fast als Schande und Verrat der Kinder angesehen.« Was vor allem an den Zuständen in den staatlichen Heimen lag, in denen die alten Menschen eher verwahrt als betreut wurden. »Katastrophal« sei es dort gewesen, sagt Marzuc mit Nachdruck.

Hemmschwelle Entsprechend waren die Schweriner und Rostocker zunächst auch nicht besonders begeistert von dem neuen Projekt. »Wir haben aber schon lange, bevor das Gebäude fertig war, im Seniorenklub über das neue Heim gesprochen und viele Fragen beantwortet. Und dann wurden natürlich Führungen angeboten, damit die Leute sehen konnten, wie hell, freundlich und komfortabel es dort ist.« Dies sei vor allem auch deswegen wichtig, damit Menschen, die möglicherweise später an Demenz erkranken, »im Akutfall nicht das Gefühl haben, in eine für sie vollkommen fremde Umgebung zu kommen«.

Nur Heimplätze für ältere Menschen bereitzustellen, reiche jedoch nicht: »Wir haben Senioren, die wirklich einsam sind. Manche haben nie geheiratet, bei anderen sind die Partner schon verstorben, andere sind allein nach Deutschland gekommen. Wir sind dann für sie da und übernehmen, wenn es nötig ist, auch die Vormundschaft.«

Angebote Für diejenigen, die noch rüstig sind, bietet man außerdem einen Fahrservice, damit sie in die Synagoge gehen und zu den Hohen Feiertagen in der Gemeinde sein können. Und nun ist man ziemlich stolz auf den Erfolg des Seniorenprojekts: »Wir hatten vereinbart, dass auch Nichtjuden in dem Stockwerk wohnen können, wenn nicht genug Gemeindemitglieder einziehen wollen«, sagt Marzuc, »aber nun sind alle Zimmer mit unseren Leuten belegt, und es gibt sogar eine Warteliste.«

Und was kann die ZWST kleinen Gemeinden empfehlen, die für ihre Senioren sorgen wollen, sich aber ein eigenes Heim nicht leisten können? »Gute regionale Kontakte sind ganz wichtig«, sagt Heike von Bassewitz von der ZWST. »Eine kleine Gemeinde muss sich öffnen, muss von sich aus Kontakte suchen zu anderen nichtjüdischen Einrichtungen: Wohlfahrtsverbänden (die ja auch in kleinen Ortschaften vertreten sind), sozialen Einrichtungen, Senioreneinrichtungen, ehrenamtlich agierenden Gruppen, selbst ein guter Kontakt zum Bürgermeister oder anderen kommunalen Vertretern kann wichtig sein.«

Das sei in kleineren Städten oft einfacher als in den großen Metropolen, hilfreich seien beispielsweise »Tage der offenen Tür in der Gemeinde, eine Veranstaltung eines Seniorenklubs, der einen Vertreter eines örtlichen Pflegedienstes einlädt«. Aber auch Kontakte zu Migrantenorganisationen könnten sich als nützlich erweisen. »Da sollte man natürlich über den russisch-jüdischen Horizont hinausgehen.«

Fortbildung Darüber hinaus rät von Bassewitz auch dazu, die Angebote der ZWST anzunehmen, »zum Beispiel Fortbildungsseminare für Sozialarbeiter, Ehrenamt für die Bikkur-Cholim-Gruppen und Seniorenklubs, unsere Angebote für die Betreuung von Holocaustüberlebenden«. Und ganz wichtig: Fortbildungen und Kurse zum Thema staatliche Projektfördermittel und deren Beantragung, »denn leider wird vieles nicht ausgeschöpft, obwohl die Gelder ja vorhanden sind und nur ein fundierter Antrag gestellt werden muss, um sie zu erhalten«.

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