Gay

Alles so schön bunt hier

Glämmer und Glitter: Trotz Regen feierten auch die Gäste aus Tel Aviv den CSD. Foto: Stephan Pramme

Was um den Berliner Nollendorfplatz herum auf Fähnchen und Aufklebern reichlich vorhanden ist, fehlt am Himmel über Schöneberg: Kein einziger Regenbogen zeigt sich an diesem Wochenende, um ein Ende des Dauerregens anzukündigen.

Die meisten Besucher des 19. lesbisch-schwulen Stadtfests haben sich allerdings mit dem miesen Wetter arrangiert. Und freuen sich über die zahlreichen Angebote: Männer im coolen Leder-Look verkaufen selbst gebackenen Kuchen. Initiativen, Parteien und Organisationen stellen sich vor. Bunte Cocktails, rosa Teddybären und kulinarische Spezialitäten warten auf Käufer.

Nahost-Partner Mittendrin: Ein Infostand, geschmückt mit Regenbogen-Ballons und israelischen Fähnchen, an dem sich die GLBT-Hauptstadt (die Abkürzung steht für Gay, Lesbian, Bisexual and Transgender) des Nahen Ostens vorstellt: Tel Aviv. Hier fand bereits 1998 die erste schwul-lesbische Parade statt. Seit dem vergangenen Jahr feiert man dort den Gay Vibe. Und will zur schwulenfreundlichsten Stadt der ganzen Welt werden.

Passt gut zu Berlin, dachten sich die Macher des Schöneberger Stadtfests. »André Lossin von der jüdischen Gemeinde hat mich mit Adir Steiner bekannt gemacht, der für den Tel Aviv Gay Vibe zuständig ist«, schildert einer der Mitorganisatoren, der Künstler und Autor Gerhard Hoffmann, wie es zur Zusammenarbeit kam. »Mein Choreograf Yaron Shamir hatte danach mit Adir in Tel Aviv über das lesbisch-schwule Stadtfest gesprochen und Adir hatte die Idee, dort Gay Tel Aviv mit einem eineinhalbstündigen Künstlerprogramm auf der Hauptbühne zu präsentieren«, beschreibt er die Ursprünge.

Reiseziel Die israelischen Gäste seien »sehr begeistert« vom Stadtfest. Umgekehrt »ist Gay Vibe ein beliebter Anlass für Berliner, nach Tel Aviv zu fliegen – außerdem ist die Regenbogenbrücke Berlin-Tel Aviv eine sehr gute politische Brücke, die in beide Städte führt.« Und so genieße man die Zusammenarbeit »sehr. Wir freuen uns schon auf das nächste Jahr.«

Am Infostand von Gay Vibe blättern die Festbesucher in den bunten Broschüren. »Jetzt in Tel Aviv sein«, seufzt ein junger Mann und schaut sehnsüchtig hinauf zum wolkenverhangenen Himmel. Auf die Frage, ob er Jude sei, lacht er: »Nein, aber schwul«. Es gehe ihnen in Tel Aviv ja nicht nur ums Feiern und Partymachen, fügt sein Freund hinzu, »die Stadt ist wahnsinnig interessant, der Mix aus alter und neuer Kultur, die Architektur, die Kunstszene – na ja, und natürlich das tolle Wetter.«

Mehr als 5.000 Broschüren, mit Infos auch über die Rechte von Homosexuellen in der israelischen Gesellschaft, wurden verteilt, erzählt Adir Steiner, Koordinator von Gay Vibe Tel Aviv stolz. »Wir konnten den Leuten zeigen, wie frei und offen das Land ist«, sagt er. Viele Besucher staunen über die israelische Toleranz gegenüber Minderheiten. »Dass Gewalt gegen Lesben oder Schwule als Hassverbrechen gilt und deswegen viel strenger bestraft wird, finde ich beeindruckend«, sagt eine ältere Frau, ihre Freundin verweist auf die Broschüre: »Schau, wenn der Partner stirbt, gibt es sogar Hinterbliebenenrente.«

Israel als Reiseziel für Schwule und Lesben entwickele sich erst langsam, sagt Steiner, aber zum Gay Pride habe man aber schon 5.000 Besucher aus aller Welt begrüßen können. 1.000 allein aus Deutschland und mehrheitlich aus Berlin. »Das ist eine ganze Menge, beginnen wir doch erst Promotion für lesbische und schwule Touristen zu machen«, erklärt Steiner.

Unterstützung Von der israelischen Botschaft in Berlin habe man eine Menge Hilfe bekommen. »Sie unterstützte uns bei der Übersetzung unseres Infomaterials, Botschaftsangehörige halfen am Stand aus. Dazu kamen Transportmöglichkeiten und all die vielen anderen Dinge, die man benötigt, um ein solches Event zu organisieren.«

Das Highlight ist wohl der Besuch des Berliner Regierenden Bürgermeisters und Schirmherren des Stadtfestes, Klaus Wowereit, am Stand, der sich explizit über die »guten Beziehungen zwischen Berlin und Tel Aviv« freut und die israelische Stadt »wunderbar lebendig« nennt.

Auf den Bühnen ringsherum geht es derweil rund, auch fünf israelische Bands und Interpreten treten an diesem Samstag auf. Na ja, mit der Dance Musik der transsexuellen Sängerin Mikka könne er eigentlich nicht wirklich viel anfangen, sagt ein älterer Mann, »das ist nun nicht mein Stil. Aber es ist so schön anzusehen, wie all die jungen Menschen hier miteinander tanzen und lachen und feiern. Ich habe noch erlebt, wie es ist, wenn man verstecken muss, dass man schwul ist. Für mich sind solche Feste wie ein später Triumph.«

Rothenburg

Unter dem Pflaster

Als im vergangenen Sommer bei Grabungsarbeiten die Fundamente einer Synagoge entdeckt wurden, war das eine Sensation. Messungen zeigen nun: Sie war eine der großen

von Marc Peschke  23.03.2026

Kulturprogramm

Von Spezialitäten und Zumutungen

Der Schriftsteller Dmitrij Kapitelman las im Jüdischen Gemeindezentrum aus seinem jüngsten Buch

von Nora Niemann  23.03.2026

Neukölln

Rechts und links der Sonnenallee

Ein Stadtspaziergang führt auf jüdischen Spuren durch den ehemaligen Arbeiterbezirk

von Pascal Beck  23.03.2026

Schule

Vernetzt für die Zukunft jüdischer Bildung

Direktoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz treffen sich in München zum Austausch

von Esther Martel  22.03.2026

Porträt der Woche

Sprache als Zuhause

Michal Zamir betreibt eine hebräische Privatbibliothek und einen literarischen Salon

von Alicia Rust  22.03.2026

Flora

Sehnsucht nach Kirschblüten

Neben einigen Synagogen gibt es Gärten, um die sich Gemeindemitglieder kümmern. Sie ernten Äpfel, grillen oder feiern im Grünen. Ein Streifzug zum Frühlingsanfang

von Christine Schmitt  21.03.2026

Geburtstag

Holocaust-Überlebender Abba Naor wird 98

Der Zeitzeuge, dessen Mutter und Bruder in Auschwitz ermordet wurden, kämpfte in Israels Unabhängigkeitskrieg und war später Mossad-Agent

 20.03.2026

Eröffnung

Ausstellung in Osnabrück beleuchtet Antisemitismus

2026 jährt sich das Ende der ersten jüdischen Gemeinde in Osnabrück zum 600. Mal. Mit einer Ausstellung erinnert das Museumsquartier an diese frühe Phase jüdischer Geschichte. Auch die Wurzeln des Antisemitismus werden sichtbar

 19.03.2026

Musik

»Die Verbundenheit zwischen Juden und Iranern zeigen«

Alexey Kochetkov und Kioomars Musayyebi haben ein Konzert mit jüdischer-persischer Musik gegeben. Ein Gespräch über Santur-Klänge, Politik und eine besondere Freundschaft

von Katrin Richter  19.03.2026